Melancholie. László F. Földenyi
jeder das Ganze gefunden zu haben. So wenig ist dies für die Menschen erschaubar oder erhörbar oder mit dem Geiste umfaßbar«.45 Das Leben des Menschen ist ewiges Leiden: »O ewiges Geheimnis! was wir sind und suchen, können wir nicht finden; was wir finden, sind wir nicht«.46
Das sind schon Hölderlins Worte in seinem über Empedokles verfassten Drama, und wie die Heroen irrt auch Empedokles am Grenzrain jenseits des Menschseins, aber diesseits des Gottseins umher. Sein Wissen berechtigt ihn, über alles ein Urteil zu fällen, doch ist es gerade dieses Wissen, das ihn aus dem Rahmen des irdischen Seins verbannt hat: Wer alles durchschaut, dessen Heimat ist die Unendlichkeit oder, besser gesagt, die Heimatlosigkeit. Ob Empedokles, diese historische Figur, wirklich alles gewusst hat, bleibt als offene Frage stehen (seine Zeitgenossen meinten »ja«, und auch Lukrez schrieb später über ihn: »Ut vix humana videatur stirpe creatus«47 – als ob sein Vater kein Sterblicher gewesen wäre); wichtiger aber ist, dass er selbst in dieser Überzeugung gelebt hat. Diese Überzeugung aber reichte aus, dass ihm das gleiche Schicksal zuteilwurde wie den Heroen: Seine übermenschliche, außerordentliche Leistung (er war der ausgezeichnetste Arzt seiner Zeit), sowie die Zerklüftung seiner Seelenbereiche (er war Philosoph, das heißt Wahrsager, demzufolge Wahnsinniger bzw. Ekstatiker) sind voneinander nicht zu trennen. »So ward auch mir das Leben zum Gedicht«,48 legt ihm wiederum Hölderlin in den Mund, nicht ohne eine gewisse romantische Voreingenommenheit einer scheinbaren Abrundung gegenüber (denn was von außen gesehen als Dichtung erscheint, erscheint von innen her als eine Anhäufung prosaischer Zerrissenheit). Es gibt aber keine Abrundung: Auf dem Empedokles darstellenden Gemälde von Luca Signorelli im Dom von Orvieto scheint der die Sterne beobachtende Philosoph aus dem Bilde herauszufallen, womit die geschlossenen Regeln der Renaissance-Perspektive ziemlich zerstört werden. Das ist der Fall des Empedokles (natürlich auch bei Hölderlin), und er war es, dem sich Hölderlin verwandt fühlte, auch Novalis, und über den – und zwar in alle Maße entbehrender Prosa – Nietzsche eine Tragödie verfassen wollte. Seine Melancholie ist eine vielfach zusammengesetzte: Der Glaube an seine eigene Göttlichkeit machte ihn im platonischen Sinne zum Besessenen; die Erforschung der Vergänglichkeit führte ihn über die Grenzen des Seins hinweg: Seinem Schüler Pausanias vermittelte er, wie der Scheintote ins Leben zurückzuholen sei, und den Erzählungen des Herakleides Pontikos zufolge hat er viele Menschen aus dem Reiche Persephones zurückgebracht; an die Grenzen von Sein und Nichtsein gelangend, erhielt er Einblick in die Rätsel des Seins. Deshalb ist auch sein Tod kein alltäglicher: Wer das Leben und den Tod zu relativieren vermag, für den ist auch der Tod kein Tod als solcher, sondern eine Vervollkommnung. Nicht im christlichen Sinne, sondern dem griechischen Gedankengut entsprechend: Im Verhältnis zur Ausschließlichkeit des Seins werden Leben und Tod zweitrangig. Das Sein beansprucht uns auch jenseits des Todes; die Erkenntnis dieses Tatbestandes ist für den Menschen zugleich erhebend und niederschmetternd. Notwendigerweise sind uns auch über den Tod des Philosophen zwei Berichte überliefert worden. Dem einen zufolge haben ihn seine Genossen am Morgen nach dem Opferfest nicht mehr aufgefunden. Ein Diener berichtete ihnen, dass er gegen Mitternacht von der Stimme des Empedokles aufgeweckt worden sei und, sich von seinem Lager erhebend, ein loderndes, fackelartiges himmlisches Licht erblickt habe. Pausanias, der Schüler von Empedokles, habe dann das Rätsel entwirrt; die Götter hätten Empedokles zu sich gerufen, und er habe die Welt nicht als Mensch, sondern als Gott hinter sich gelassen. Dem zweiten Bericht zufolge haben die Götter Empedokles nicht zu sich gerufen: Er selbst habe seinem Leben ein Ende bereitet und sich, um seine Göttlichkeit zu beweisen, in den Krater des Ätna hinabgestürzt. Doch auch dieser Sprung hat seinen tieferen Sinn: Einerseits betrachteten die Griechen den Sprung in die Tiefe als eine Form der Ekstase und somit als einen schönen Tod (εὺJάνατος) (denken wir hier an die göttliche Verbindung von Melancholie und Ekstase), andererseits aber brachte das Verbrennen im Feuer Reinigung. Von der irdischen Schlacke wird der Sterbliche im Feuertod gereinigt (καJάρσιον πῦρ), und deshalb ist das Feuer auch die Bedingung zum Eintritt in ein Leben höherer Ordnung.13 Dem griechischen Denken gemäß sicherte der Feuertod des Herakles, der eine unvermeidliche Konsequenz seiner Melancholie war, ihm ebenso die Unsterblichkeit wie dem Philosophen Empedokles.14 So wird das Feuer zur Quelle eines Lebens höherer Ordnung: es ist Geist, Logos (Heraklit).15 Der selbst gewählte Feuertod des Philosophen Empedokles vollzog sich im Banne des »Auferstehens« und führte ihn aus jener irdischen Welt heraus, die für Platon Gefängnis, für Empedokles aber Hölle war. (So Schiller über den vergeistigten Herakles, der den Feuertod erlitt: »Er ist des Irdischen entkleidet.«) Dem Tode folgte aber nicht unbedingt ein Auferstehen; wie der echte Wahrsager außerhalb der Zeit stehend auf die Beschaffenheit der menschlichen Zeit herabblickt, so ist auch die Auferstehung kein sich innerhalb der Zeit vollziehender Akt. Er überschreitet das Leben ebenso wie den Tod. Wie aber der Tod nicht für jeden die Auferstehung bedeutet, so haben auch nur wenige schon im Leben an der Auferstehung teil. Die Auferstehung ist, wie schon der Begriff andeutet, eine seelisch-körperliche Erscheinung; ihre griechische Entsprechung (ἔγερσις) bedeutet auch Erwachen, was so viel wie Heraustreten aus einem vorangehenden Zustand ist. Und da dieses Heraustreten (ἔκστασις) an einen Augenblick geknüpft ist, hat es (nicht nur grammatisch gesehen) absolut gegenwärtigen Charakter. Aus unserem bisherigen Gedankengang folgt, dass die Auferstehung jenen zuteilwird, die nicht nur die Gesetze des Innerzeitlichen, sondern auch die über die Zeit hinausgehenden erkennen und die deren Möglichkeiten und Grenzen erblicken. Das sind: die Wahrsager, die Wahnsinnigen, die außerordentlichen Menschen, die Philosophen – mit einem Wort, jene, die wir Melancholiker nennen dürfen.
Dem Melancholiker wird in jedem Augenblick seines Lebens die Auferstehung zuteil – aus diesem Grund stirbt er nicht, zumindest nicht im körperlichen Sinne. Das die Auferstehung einbeschließende Leben ist ein ganzes Leben, und somit wird es nicht vom Tode, sondern vom alltäglichen Leben bedroht, das die in jedem gegebenen Augenblick mögliche Auferstehung, die Ekstase zurückweist. Deshalb hassten die melancholischen Heroen die Menschheit (schon als Heroen unterscheiden sie sich von allen übrigen Menschen), und die Philosophen verachteten sie, wenn sie sie auch nicht ausgesprochen hassten, da sie in Unwissenheit und Dunkel stecken blieb. Wenn nämlich die Seele in den Zustand des Wissens gelangt, dann wird sie vollkommen, mit Platons Worten: »[S]olcher Erinnerungen also sich recht bedienend, mit vollkommener Weihung immer geweiht, kann ein Mann allein wahrhaft vollkommen werden«.49 Wer an der Auferstehung teilhat, erhebt sich aus der Welt der irdisch Seienden in Richtung auf das wahrhaft Seiende (εἰς τὸ ον οντως).50 Dieses Sicherheben müssen wir aber, dem platonischen Anamnesisgedanken ähnlich, metaphorisch, über den wörtlichen Sinn hinausgehend verstehen und auf das irdische Sein als solches beziehen: zur Entfaltung und zum Erkennen unseres »hiesigen« Lebens. Dies ist aber, wie wir gesehen haben, nur mit gewissen Fähigkeiten Versehenen gegeben – Auserwählten, die, da sie über alles hinwegzusehen vermögen, von den anderen isoliert und wegen ihres Wissens und Sehvermögens zu Ausgestoßenen werden. Dieses Ausgestoßensein ist ein zweifaches: Sie werden nicht nur von der Welt der Übrigen ausgeschlossen, sondern müssen auch aus sich selbst heraustreten. Ihr Wissen ist daher nicht erhebend, sondern niederschmetternd und bedrückend. Sie sind einfach nicht fähig, so zu leben wie die anderen – und da sie alles sehen, ist ihnen auch die Fähigkeit zu vergessen genommen.16 Die über göttliches Wissen verfügenden, aber im irdischen Schicksal verhafteten Wahrsager, die sich in der Welt des Unsichtbaren heimisch fühlenden, aber von verschiedenen Krankheiten bedrohten Wahnsinnigen, die die Welten des Seins und Nichtseins, die sich mit- und ineinander verweben, suchenden Philosophen, mit anderen Worten, all jene, die melancholisch sind, sie sind zugleich einsam; und da sie nicht nur Teil des menschlichen, sondern auch des übermenschlichen Seins sind, bereitet ihrer Einsamkeit auch der Tod kein Ende.
Diese Einsamkeit ist nicht die der Romantiker: Die Welt der griechischen Alltäglichkeit hat versucht, diesen aus Einsamkeit gebauten Panzer der Melancholiker zu durchbrechen und im Gegensatz zur Neuzeit zu verinnerlichen oder doch zumindest ihre Sehweise