Kaiser Karl. Eva Demmerle
auf den Erzherzog in dieser Adjustierung. Sein Einspruch beim Außenministerium und Polizeipräsidium blieb ohne Folgen, sodass er erst nach einer Audienz beim Kaiser Satisfaktion erhielt: Der Kaiser bestrafte seinen Neffen mit zwei Monaten Kloster.
Es ist offensichtlich, dass Erzherzog Ottos Frau Maria Jose- pha, eine geborene Prinzessin von Sachsen und Nichte des regierenden Königs, das pure Gegenteil von ihm war. Sie war tiefreligiös, von sanftem, nachsichtigem, bescheidenem Charakter und mit dem festen Willen, das Heim zum Zentrum ihres Lebens zu machen. Einige Biografen bezeichnen sie sogar wenig charmant als »hausbacken«. Sie lebte ganz für ihre Kinder und nahm die Kränkungen durch das ausschweifende Leben ihres Mannes demütig hin. Die Ehe ist nie gescheitert, aber sie trieb vor sich hin, wohl getragen von gegenseitigem Respekt.
Es scheint, dass die Kindheit des kleinen Erzherzogs ein Paradies gewesen war. Die Familie lebte entweder im Augarten in Wien oder an den verschiedenen Stationierungsorten des Vaters. Eine der ersten Übersiedlungen führte ins mährische Brünn, wo Vater Otto als Rittmeister bei den 6er Dragonern diente. Weitere Stationierungen waren in Prag, wo die Familie auf dem Hradschin lebte, und in Ödenburg.
Wenn Maria Josepha ihren Mann nicht begleitete, lebte sie auf Schloss Persenbeug oder in der Villa Wartholz in Reichenau an der Rax, einem Besitz ihres Schwiegervaters, in dem auch die Ferien verbracht wurden. Karl verband seine schönsten Kindheitserinnerungen mit beiden Orten. Bis zu seinem siebten Lebensjahr wurde seine Erziehung von Damen dominiert: von seiner Mutter und deren Hofdame Gräfin Pallavicini, Erzherzogin Maria Annunziata und von seiner irischen Gouvernante, Miss Casey, von der er fließend Englisch schreiben und sprechen lernte. Überhaupt zeichnete Karl sich durch eine große Sprachbegabung aus. Nun aber beschlossen die Eltern, seine Erziehung etwas strenger zu gestalten. Mit dem Jahr 1894 übernahm Graf Georg Wallis, der einstige Erzieher Erzherzog Ottos, die Stelle als »Ajo Primo«, also als Hauslehrer und Erzieher des jungen Karl. Er blieb der Familie bis ins hohe Alter verbunden. Als in Hofkreisen beschlossen wurde, den treuen Grafen Wallis durch einen anderen Lehrer abzulösen, der nicht eben den besten Leumund hatte, intervenierten die Eltern bei Kaiser Franz Joseph. Die spätere Kaiserin Zita berichtet darüber:
»Er [Erzherzog Otto; Anm. d. Verf.] bat seine Frau, sie möge sofort um eine Audienz beim Kaiser ansuchen, und ihm sagen, dass sie sich absolut weigere, die ausgedachte Erziehung ihrem Sohne angedeihen zu lassen. Erzherzog Otto sagte ihr, für ihn sei es entsetzlich schwer, denn wenn seine Majestät einen Wunsch ausspreche, könne er nur als Erzherzog und Offizier Jawohl, Eure Majestät‹ sagen, wohingegen sie als Frau und Mutter dem Kaiser opponieren konnte. Und so sollte es zu einem Kniefall von ihrer Seite kommen.«4
Die Eltern bestanden auf ihrem Recht, die Erziehung des Jungen selbst bestimmen zu können. Karls Erziehung war in mancherlei Hinsicht viel solider als die des Kronprinzen Rudolf gewesen, der als Staatskind erzogen und damit seinen Eltern, vor allem Kaiser Franz Joseph, entfremdet wurde. Die Folgen sind bekannt.
Graf Wallis organisierte die Schulbildung Karls mit einem strammen Programm und einem spartanischen Lebensstil. Sommers wie winters wurde morgens um sechs aufgestanden und kalt gewaschen. Der Lehrplan war sehr intensiv, mit zahlreichen Fächern. Englisch unterrichtete nach wie vor Miss Casey, Französisch ein Monsieur Mathieu, Ungarisch ein Herr Tormassy. Auch die anderen Sprachen des Reiches wurden gelehrt, dazu kamen noch Latein und Griechisch. Naturwissenschaftliche Fächer wie Biologie, Zoologie und Botanik wurden von Dr. Holzlechner unterrichtet, und dies gern am lebenden Objekt, während Ausflügen, beim Reiten oder auf der Jagd. Von Holzlechner, der in der Familie nur »Nisi« genannt wurde, übernahm Karl die Liebe zur Natur und zur Bewegung an der frischen Luft. Neben dem schulischen Programm beschäftigte Karl sich auch mit Reiten, Schießen, Eislaufen, Fechten, Turnen und Schwimmen, seine Lieblingsbeschäftigung aber war die Jagd.
Erzherzog Otto und seine Frau hatten den Weitblick bewiesen, den Sohn zum einen weitgehend in der häuslichen Atmosphäre zu behalten, andererseits jedoch sehr sorgfältig auf seine Ausbildung zu achten. Karls Vater war sich sehr wohl seiner eigenen Defizite und seines unsteten Charakters bewusst, aber auch der Verantwortung, die er seinem Sohn und der Dynastie gegenüber schuldete:
»In Erziehungs- und Gesundheitsfragen ist genaueste Beobachtung geboten. […] Ich will nicht, dass mein Sohn die gleichen Erfahrungen macht, die ich habe durchmachen müssen.«5
Nach der Erziehung durch Hauslehrer beschlossen die Eltern zum zehnten Lebensjahr des Jungen, ihn in das von den Benediktinern geführte Schottengymnasium einzuschreiben, wo er in den folgenden Jahren vor allem Naturgeschichte, Physik und Chemie lernte. Im Juni 1901 beendete er seine dortige Schulausbildung mit einer ausgezeichneten Abschlussprüfung. Allerdings sollte er nicht mit der Matura abschließen, da Kaiser Franz Joseph meinte, es sei nicht angebracht, wenn der künftige Herrscher sich mit seinen Schulkameraden messen ließe. Zudem sei es unfair den anderen gegenüber, da Karl doch durch die Hauslehrer einen Vorteil gehabt hatte.
Mittlerweile war es sicher, dass Karl eines Tages den Thron erben würde. Die Thronfolge war inzwischen auf seinen Onkel, Erzherzog Franz Ferdinand, übergegangen. Im normalen Falle hätte man davon ausgehen können, dass mit seiner Verehelichung eine neue Linie eröffnet würde, aber er setzte seine Heirat mit der böhmischen Gräfin Sophie Chotek gegen das Hausgesetz durch. Sie war nicht standesgemäß, die Ehe musste morganatisch geschlossen werden. Franz Ferdinand musste in einem feierlichen Renunziationseid im Jahr 1900 auf die Thronfolgerechte seiner Kinder verzichten. Als Nächster in der Linie stand Erzherzog Otto, mit dem der alte Kaiser aufgrund seiner Eskapaden mehr als unglücklich war. Auch Otto musste sich den verschiedensten Unterrichtsarten in Geschichte und Politik unterziehen, die ihn allerdings grenzenlos langweilten.
Reisen sind ein unerlässliches Mittel zur Bildung. In Begleitung von Graf Wallis lernte Karl die Monarchie und auch andere Länder kennen. 1901 reisten sie nach Galizien, in die Bukowina und in die ungarische Reichshälfte. Im Jahr darauf stand Frankreich auf dem Programm sowie der Besuch am württembergischen und am sächsischen Hof, wo seine Mutter herstammte. 1903 ging es abermals nach Frankreich und England. Besonderes Interesse zeigte der nun 16-jährige Karl an Elsass-Lothringen; zum einen, weil er den Namen Lothringen selbst trug, zum anderen, da die Zugehörigkeit jener Region zum Deutschen Reich umstritten war. Karl sprach mit den Einwohnern, vertiefte sich in den Grenzverlauf und in kulturelle und wirtschaftliche Aspekte. Sicherlich hat dieser Besuch seine späteren Friedensverhandlungen beeinflusst, denn er war zu der Erkenntnis gekommen, dass Elsass-Lothringen eher zu Frankreich gehören sollte als zum Deutschen Reich.
Mit dem Beginn der Pubertät zeigten sich bei Karl, der eigentlich über eine gute Gesundheit verfügte, leichte Anzeichen von Nervosität und Reizbarkeit. Um diesen Umständen Abhilfe zu schaffen, schickten die Eltern den Jungen in Begleitung von Graf Wallis in den Jahren 1904 und 1905 zu einer jeweils vierwöchigen Kaltwasserkur in das Institut von Dr. Guggenberg nach Bozen. Dort lernte er Graf Arthur Polzer-Hoditz kennen, dem er sich, trotz des Altersunterschieds von nahezu 20 Jahren, bald freundschaftlich verbunden fühlte. Polzer-Hoditz, auch ein Freund von Graf Wallis, übte großen Einfluss auf den jungen Erzherzog aus, später wurde er der erste Kabinettschef des jungen Kaisers.
Mit Rücksicht auf seine zukünftige Stellung hatte Karl seine schulische Ausbildung um ein Jahr verkürzen müssen, was zum Ausgleich einen sehr intensiven Lehrplan mit sich gebracht hatte. Darauf folgte die militärische Ausbildung. Nach der theoretischen Einführung kam die Praxis des Soldatenberufs. Bereits als 16-Jähriger zum Leutnant bei den Ulanen ernannt, trat er am 1. Oktober 1905 seinen aktiven Militärdienst beim Dragonerregiment »Herzog von Lothringen und Bar« Nr. 7 in Bilin in Böhmen an. Rasch gewöhnte er sich an sein bescheidenes Quartier in der alten Kaserne und nahm als aufgrund seiner Herkunft illustrer, sonst aber subalterner Offizier am Alltagsleben der Kaserne teil.
Als künftiger Thronfolger sollte er auch studieren. Frühzeitig hatte sich sein sonst eher leichtlebiger Vater im Einvernehmen mit seiner Frau Maria Josepha sehr verantwortungsvoll Gedanken gemacht. Davon zeugt ein Brief vom 22. September 1904 an Graf Wallis:
»Lieber Graf Wallis!
Da ich durch mein Leiden noch längere Zeit verhindert bin, mit ihnen einmal eingehend über die nächste Erziehungszeit meines Sohnes Karl Rücksprache zu halten, will ich Ihnen meine Pläne, die ich mit der Erzherzogin vereint ausgedacht