Kapitalismus und politische Moral in der Zwischenkriegszeit oder: Wer war Julius Barmat?. Martin H. Geyer
geschrumpften Eigenkapital der Bank noch überhaupt zu den eingelieferten Sicherheiten, hieß es. Die Konten sollten langsam verringert und auf keinen Fall mehr erhöht werden.36
Das hinderte die zuständigen Beamten in der Folgezeit jedoch nicht, weitere Kredite zu vergeben. Forderungen nach schneller Rückzahlung und Verstärkung der Sicherheiten gingen noch im Juni Hand in Hand mit neuen Krediten in Höhe von 3,5 Mio. GM, die die Merkurbank und die Handelsbank erhielten. Mit den Betrieben Roth und Burger kamen weitere Schulden hinzu. War darin ein Verstoß gegen die Dienstpflichten zu sehen, wie die Staatsbank vermutete? Die Beamten verteidigten sich damit, nicht an der Sitzung am 19. Mai teilgenommen und von dem Beschluss keine Kenntnis erhalten zu haben.37 Das sagt viel über die Kommunikations- und Führungsstrukturen im Haus am Gendarmenmarkt aus. Im Rückblick geißelte Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht die dilettantische Geschäftsführung und ließ kein gutes Wort weder an der Bankverfassung noch an den Beamten einschließlich ihrer Spitze, die »keine volkswirtschaftlich irgendwie nützlichen Kredite« vergeben hätten.38 Für die Staatsanwaltschaft (im Gegensatz zum sehr viel milderen Gericht) war das einmal mehr eine Verletzung der Dienstpflichten, da es die Aufgabe der Dezernenten gewesen wäre, Kreditgeschäfte dieses Umfangs in der Generaldirektion nach unten zu kommunizieren.39 Als die Staatsbank der Amexima schließlich die Pistole auf die Brust setzte und sie aufforderte, bis zum 15. Juli 1924 »mindestens einiges zurückzuzahlen«, erklärte sich Barmat dazu außerstande – die Staatsbank gewährte ihm daraufhin eine Stundung der Schulden.40
Wirtschaftliche Strategien der Staatsbank nach der Inflation und eine schlechte Unternehmensführung erklären nicht allein das grenzenlose Vertrauen der Beamten in die Geschäfte Barmats. Weder in den hitzigen öffentlichen Debatten noch in der Aufarbeitung durch die Justiz fand ein anderer Punkt Beachtung, der interessanterweise bei den Verhandlungen des preußischen Untersuchungsausschusses angesprochen, aber auch hier nicht weiter verfolgt wurde: Julius Barmat hatte sich schon im Oktober 1923 de facto voll und ganz der Preußischen Staatsbank ausgeliefert, indem er dieser seine deutschen und niederländischen Vermögensanteile in den Niederlanden in Form von Blankoakzepten in die Hände legte. Das war die entscheidende Voraussetzung für die schon genannten riskanten Kredite während und nach der Währungsstabilisierung. Seit dem Sommer 1924 bemühte sich Julius Barmat darum, diese Akzepte gegen eine Geldsumme auszulösen und gegen andere Sicherungen umzutauschen. Darauf wiederum ließ sich die Bank nicht ein, versicherte ihm in diesem Zusammenhang aber wiederholt, dass er ihr vertrauen könne.41 Das war ein Versprechen, das, wie im Folgenden noch zu sehen sein wird, nicht eingehalten wurde. Und das hat mit Ereignissen zu tun, die in die Reichspost führten.
Reichspostminister Höfle auf Abwegen
Ein anderer Handlungsstrang in Bezug auf die Barmat’schen Kreditgeschäfte führte zur Reichspost und von dort über andere öffentliche Kreditinstitute wieder zurück zur Preußischen Staatsbank. Es ist eine vertrackt-komplizierte Geschichte mit einer Reihe von Akteuren: Dazu zählt der aus dem Rheinland stammende 57-jährige Zentrumspolitiker und Reichstagsabgeordnete Hermann Lange-Hegermann, den Barmat offenbar im April 1924 im Zusammenhang mit dem Erwerb der Berliner Merkurbank kennengelernt hatte. Der Sohn eines Bottroper Schneidermeisters war zunächst in die Fußstapfen seines Vaters getreten, baute noch vor dem Krieg dessen Geschäft zu einem Großhandel für Baumwollwaren aus und verlegte sich im Krieg erfolgreich auf die Kriegsproduktion von Bekleidungsstücken und Zündern. Nach 1918 stieg er ins Verlagsgeschäft ein und kaufte die Recklinghauser Volkszeitung, ein Zentrums-Blatt. In seiner Partei hatte er sich über die Jahre hinweg langsam hochgearbeitet. 1920 rückte er für das Zentrum in den Reichstag ein, wo er als Sachverständiger für Finanz- und Wirtschaftsfragen sowie für die besetzten Gebiete galt. Mit seinen farbigen Halbschuhen und Seidenstrümpfen stach der gewiefte, elegant auftretende »Bottroper Schneidergeselle«, der, wie ein kritischer Beobachter meinte, den Anschluss an die »Inflations- und Deflationsgewinnler« gefunden habe, nicht zuletzt auch in seiner eigenen Partei hervor.42
Lange-Hegermann saß seit der Gründung der Merkurbank 1922 in deren Aufsichtsrat. Die Bank wurde zur Zentralstelle des gesamten Barmat’schen Unternehmens in Deutschland, wobei, wie schon gezeigt, nicht klar war, ob der neue Besitzer, Barmat bzw. die Amexima, auch den Kurs bestimmen konnte. Die Merkurbank war ebenfalls bereits im Besitz maroder Firmen, darunter die niederschlesische Westerwälder Braunkohle A. G. Als sich 1924 ihre Verbindung mit Julius Barmat und die Kapitalerhöhung herumsprachen, wurde die Bank mit Anfragen Not leidender Firmen wegen Darlehen und Übernahmen von Aktienpaketen überhäuft. Lange-Hegermann orchestrierte nun offenbar in vielen Fällen sehr weitgehend den Ankauf solcher Firmen, deren Besitzer einmal mehr Julius Barmat die Kreditbeschaffung überließen, und zwar gegen Überschreibung von Anteilen oder Aktien der jeweiligen Gesellschaft.43
Von mindestens ebenso großer Bedeutung war Lange-Hegermann bei der Erschließung von neuen Geldquellen. Frisches Geld brauchte der Konzern dringend, da die Preußische Staatsbank im Sommer ja auf eine Abzahlung der Schulden drängte. Hier zahlten sich Lange-Hegermanns Verbindungen zum Reichspostminister Anton Höfle (Zentrum) aus. Beide kannten sich aus Vorkriegstagen im Volksverein für das katholische Deutschland in Mönchengladbach, einer Massenorganisation des politischen Katholizismus. Außerdem entstammten beide Politiker demselben Wahlkreis. Es besteht kein Zweifel daran, dass Lange-Hegermann nicht zuletzt aus Eigennutz Höfle für Barmat einzunehmen vermochte (auch wenn das Gericht später diese von der Staatsanwaltschaft gelegte Spur nicht verfolgen sollte).
Effizienz und Wirtschaftlichkeit – das neue Mantra der Reichspost
Über die Art und die Motive der Verstrickungen Höfles in die Geschäfte Barmats mochten die Meinungen auseinandergehen. Bei der Einschätzung seiner Person war man sich dagegen einig. Für den Vorwärts-Redakteur Anton Schiff, der mit der Schrift Die Höfle-Tragödie eine Apologie des Postministers lieferte, war er ein »Pfälzer von leichtlebigem, gutmütigem Wesen […]; ein guter Familienvater, fromm, naiv und ohne Argwohn«.44 »Naiv« war eine der wiederkehrenden Charakterisierungen und traf offenbar die Sache. Nach Ansicht seines prominenten, nicht nur im Wirtschaftsrecht bewanderten Berliner Anwalts Max Alsberg war Höfle in geschäftlichen Angelegenheiten »absolut nicht bewandert« und dachte in diesen Dingen »ganz primitiv« – ein bemerkenswertes Urteil, bedenkt man, dass Höfle eine Promotion in Volkswirtschaft vorweisen konnte und zeitweise – höchst dilettantisch – die Kassen seiner Partei, des Zentrums, verwaltete.45
Ähnlich wie die Preußische Staatsbank spielte auch die Reichspost auf dem deutschen Geldmarkt eine neue Rolle. Das am 1. April 1924 in Kraft getretene Reichspostgesetz sah vor, dass die Reichspost und der Telegrafenbetrieb als selbstständiges Unternehmen unter der Bezeichnung Deutsche Reichspost vom Reichspostminister unter Mitwirkung eines Verwaltungsrates nach Maßgabe des Gesetzes verwaltet werden sollte. Dazu zählte auch die Trennung des Vermögens und des Haushalts der Reichspost – darin eingeschlossen waren die Guthaben der Postscheckkunden – vom Reichshaushalt. Im Hinblick auf die Verwaltung der Gelder kam es im Frühjahr zu einer Vereinbarung mit der Reichsbank, wonach liquide Mittel, sofern sie nicht dem Reich zur Verfügung gestellt wurden, an die Reichsbank oder, bei Zustimmung der Reichsbank, an andere große Geldinstitute auszuleihen waren. Dazu zählten die Staatsbanken Preußens, Bayerns und Württembergs, die Deutsche Girozentrale, die für den agrarischen Kredit wichtige Preußenkasse sowie die großen D-Banken und die Commerz- und Privat-Bank. Tatsächlich entstanden jedoch auch vielfach Beziehungen direkt zu einzelnen Kreditnehmern, an welche die zugelassenen Banken das Geld weitergeben konnten. Dazu vermittelte die Post die Kreditsuchenden, darunter die Kommunen in den besetzten Gebieten, zunächst an eine der zugelassenen Banken und stellte dieser dann die erforderlichen Mittel zur Verfügung.46
Das neue Mantra war Kundenfreundlichkeit, Effizienz und Wirtschaftlichkeit. Post und Eisenbahnen sollten »kaufmännisch wirtschaften« und sich von den »Schlacken bürokratischer Schwerfälligkeit« freimachen; Maßstab war der Erfolg der viel bewunderten, expandierenden Großunternehmungen in der Privatwirtschaft. Zudem galt es, dem Staatshaushalt kräftige Einnahmen zu verschaffen. Wie die Vossische Zeitung rückblickend kommentierte, machte