Eine Welt auf sechzehn Saiten. Frank Schneider

Eine Welt auf sechzehn Saiten - Frank Schneider


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      SFO: Natürlich, wir hatten Konzertverpflichtungen und ein dünnes Repertoire, also mussten wir lernen, zu jeder Zeit, bei jedem Wetter. Im heißen Sommer 1986 beispielsweise probten wir in meiner Pankower Wohnung, und jeder hatte eine Schüssel mit kaltem Wasser, in das wir die Füße tauchen konnten. Wir haben so lange geprobt, bis die Nachbarn an die Wand klopften. Nachdem sie uns aber einmal in der »Tele-Illustrierten« des Westfernsehens gesehen hatten, war großes Staunen und alles gut: Wir durften danach üben, so viel und solange wir wollten. Und wir nutzten auch jede Minute, um unser schmales Repertoire zu erweitern. Aber andererseits haben wir uns auf Reisen auch die Zeit genommen, Sehenswürdigkeiten zu betrachten und Museen zu besuchen, vor allem die von uns so besonders geliebten Impressionisten zu bestaunen. Man hatte ja immer das Gefühl, sich in einer Karriere auf Abruf zu befinden, vielleicht nicht wiederkommen zu dürfen. Jeder Besuch konnte der letzte sein – diese Verunsicherung hatte man immer mit im Gepäck, sozusagen als Drohung des Staates, sich im Ausland stets nach dessen Normen (die mitgegeben wurden) bei Strafe botmäßig verhalten zu müssen.

      FR: Ich war während der Geigenstudienzeit erstmalig mit dem Quartett für ein paar Tage in Paris, obwohl ich mich auf das DDRinterne Auswahlvorspiel für die Teilnahme am Carl-Nielsen-Wettbewerb in Dänemark vorbereiten musste. Das berauschende Erlebnis der Stadt, ihr einzigartiges Flair, ihre phantastischen Museen, ihr gewaltiger Reichtum an Architektur wie an Restaurants ließen mich die Geige vollständig vergessen. Erst in Berlin holte mich die Realität wieder ein, als Professor Feltz mich nach dem Stand meiner Vorbereitungen fragte. Ich hatte noch gar nicht begonnen! Er muss entsetzt gewesen sein. Aber statt verärgert zu reagieren, hat er nur gesagt: Du schaffst das, ich helfe Dir. So haben wir dann in zwei Tagen und Nächten das Violinkonzert von Carl Nielsen op. 33 und den Rest meines Programmes einstudiert. Ich fuhr zum Vorspiel nach Leipzig, spielte für meine Verhältnisse außergewöhnlich gut und wurde für die Teilnahme am Wettbewerb nominiert.

      TV: So etwas konnte vorkommen, aber trotzdem ging es uns normalerweise wie zum Beispiel Tennisspielern, in deren Welt nur Leistung und Erfolge zählen. Man denkt, die haben ein tolles Leben, verdienen Millionen. Aber in Wirklichkeit leben sie nur auf dem Tennisplatz; das nächste Spiel steht bevor; sie haben den Druck, dass sie gewinnen müssen, weil im anderen Fall das Aus kommt wie das Amen in der Kirche. Sie müssen also alles andere ausblenden und sich ausschließlich auf ihr Spiel konzentrieren. Ich denke, so sehr unterscheiden wir uns davon nicht.

      Wie hat solche Fixierung Ihr Verhältnis zu anderen Menschen, besonders zu Ihnen nahestehenden geprägt, zu Frauen oder Freundinnen beispielsweise?

      SFO: Quartett und Frauen – das war ein schwieriges Thema. Ich hatte damals etwa zeitgleich mit der Quartettgründung eine Freundin. Es ergab sich ganz klar eine Konkurrenzsituation in zweifacher Hinsicht: Man stelle sich vor, von den 365 Tagen haben wir vielleicht 350 Tage geprobt, meistens sogar zweimal am Tag jeweils drei, dreieinhalb Stunden. Dazu kamen die langen Fahrtwege in dieser trotz Halbierung großen Stadt. Das Problem bestand aber nicht nur in der puren zeitlichen Knappheit für anderweitige Zuwendung, sondern auch in der besonderen hermetischen Vertraulichkeit der Quartettsituation mit ihrem internen kommunikativen Reichtum, der einen Außenstehenden leicht eifersüchtig machen kann.

      FR: Das kann ich nur bestätigen. Es gibt sehr viele Leute, die kaum weniger intensiv arbeiten als wir, und eine Frau, die sich mit uns einlässt, weiß eigentlich, was sie zeitlich erwartet. Schlimmer ist in der Tat dieser unterschwellige Neid auf die besondere Art von Intimität, die das Quartett bietet, auf eine bestimmte Intensität des Gefühls und unbeschreibliche Erfülltheit bei der Arbeit; Investitionen also, von denen der Partner gern glaubt, dass sie ihm entzogen seien. Er muss schon besonders großzügig veranlagt sein, um solche Gefühle nicht in sich zu nähren, und dennoch drohen die Beziehungen trotz ernsthaften Bemühens oft zu scheitern. Es ist schwer zu verkraften, dass das Quartett die Nummer 1 in unserem Leben stets war und bis heute geblieben ist.

      Einmal angenommen, die ersten Hürden einer Beziehung waren glücklich überwunden, so musste man doch sogleich zur Endstation der Ehe gelangen, musste sie zumindest deklarieren, um überhaupt an eine der kostbarsten Raritäten im Arbeiter- und Bauernstaat zu gelangen: eine eigene Wohnung.

      TV: Als Berliner Kind habe ich lange bei meinen Eltern gelebt, während die Auswärtigen im Quartett zur Untermiete oder im Internat wohnten. Ich will nicht fragen, wer im Hinblick auf erotische Versuchungen das bessere Los gezogen hatte, ich jedenfalls hatte ein Zimmer zu Hause; meine Eltern waren, wie das wohntechnisch hieß, »endversorgt«, und somit hatten im Haushalt heranwachsende Kinder keinen Anspruch auf eigenen Wohnraum. Mit ungefähr zwanzig wächst ganz natürlich der Drang, auf eigenen Beinen zu stehen, aber meine Chancen auf eine eigene Wohnung waren gleich null. Um die Geburtenrate zu erhöhen, woran dem Staat sehr gelegen war – er brauchte Arbeiter für die sozialistische Produktion und wollte wohl auch die hohe Zahl von Westabgängen kompensieren –, wurde die Ehe sehr gefördert; aber eigentlich erst, wenn der Nachwuchs sichtbar unterwegs war, begann sich die Bürokratie zu bewegen. Kurzum, es war wieder einmal – zwecks Familiengründung – eine Eingabe an den Stadtbezirk fällig, mit dem Hauptargument, dass ein solches Unterfangen nur gelingt, wenn man sich zuvor in einer gemeinsamen Wohnung ausprobieren könne. Wider Erwarten kam eine Genehmigung, und ich zog, im Glück eines ersten Schritts zur Selbständigkeit, mit meiner damaligen Freundin in eine eigene Wohnung. Geheiratet haben wir – als der Trick gelaufen war – allerdings erst später.

      Zu diesem pikanten Thema fehlt nur noch Stefan Fehlandts Kommentar.

      SFE: Zu jener Zeit war ich in dieser Hinsicht und auch anderweitig ein klassischer Spätstarter. Ich hatte noch keine Freundin, war mit Haut und Haar dem Quartett verfallen und hatte diesbezüglich also weniger Konflikte.

      Ehe wir Ihre Zeit in der DDR zurücklassen, sollten wir etwas darüber erfahren, wie Sie das Ende dieses Landes Ihrer Geburt, Kindheit und Jugend erlebt haben. Ich kann mir lebhaft vorstellen, dass das Jahr 1989 wie für Millionen Ostdeutsche zur aufregendsten Zeit Ihres bisherigen Lebens gehörte. Aber die Aufregungen dieses Jahres begannen bei Ihnen nicht erst im welthistorisch umwälzenden Herbst, sondern gleich zu Beginn des Jahres mit Ihrem ersten Aufenthalt in den Vereinigten Staaten.

      SFO: Es handelte sich um eine Einladung des LaSalle Quartets zu einem Studienaufenthalt in Verbindung mit einem einjährigen Stipendium der Universität von Cincinnati. Sie erging schon 1986 unmittelbar nach Evian und war sehr ehrenvoll für uns junge Leute, denn immerhin hatten auch weltbekannte Quartette, angefangen beim Alban Berg Quartett, dieses Angebot wahrgenommen. Die Sache konnten wir erst nach dem Studienabschluss weiter verfolgen, und um dem Amtsschimmel Sporen zu geben, kam – wahrhaft sensationell – der Primarius des Quartetts, der berühmte Walter Levin, den die Nazis 1938 mit seiner Familie aus Berlin vertrieben hatten, zum ersten Mal nach Ostberlin und ging mit uns in das Kulturministerium.

      FR: Es war eine köstliche Situation, wie er einem höheren Beamten des Ministeriums, einem vor Unsicherheit zitternden Herrn Domagalla, die Usancen des amerikanischen Stipendiums erklärte und um das staatliche Vertrauen in eine solche Studienreise des Quartetts warb. Er hat sich sehr um uns gekümmert; die LaSalles waren eben daran interessiert, gute Studenten zu bekommen; ihr Programm sollte natürlich glanzvoll dastehen, und wir waren eine Gruppe, die er gern dort haben wollte. Es war für den Herrn Domagalla eine eher peinliche Situation, denn der Fall war zu delikat, als dass er spontan etwas hätte entscheiden können. Wie wir später hörten, hat es intern in der Bürokratie heftige Auseinandersetzungen darüber gegeben, ob man uns fahren lassen solle – es war stets auch eine Frage der Devisen und der Angst vor Beispielen, die Schule machen könnten. Letzten Endes kam aber die Genehmigung, die wir sicher der Fürsprache des Kulturministers Hoffmann, seines Stellvertreters Dietmar Keller und auch der mächtigen Ursula Ragwitz aus der Kulturabteilung des ZK der SED zu verdanken hatten. Sie hegten Sympathie für uns, dachten langfristig an den Nutzen solcher Großzügigkeit – im Gegensatz etwa zum Gatten von Ursula Ragwitz, der als Rektor unserer Hochschule versucht hatte, uns aus Parteiräson Steine in den Weg zu legen. Raffinierterweise erhielten zwei Bedürftige unter uns im Zusammenhang mit der Reiseerlaubnis plötzlich Wohnungen, und für uns alle vier wurde eine gemeinsame Assistentenstelle an der Hochschule genehmigt. Das alles sahen wir als ein Lockmittel zur Rückbindung, einzig zu dem Zweck, unsere Heimkehr unterwegs nicht infrage


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