Ich habe immer nur den Zaun gesehen. Ernst Heimes
fragte ich bei der Verabschiedung an der Haustür.
»Ja, gern. Aber Sie müssen sich zu erkennen geben«, sagte sie, weil sie nicht jedem die Tür öffne. Man wisse ja nie … und sie sei ja auch ganz allein im Haus.
Ein Gerücht machte sich breit, von dem sich bald herausstellte, dass es völlig aus der Luft gegriffen war. Es hieß, der Bahndamm in Bruttig solle abgerissen werden. Oben auf dem Bahndamm hatte das Lager gestanden. Auch Frieda H. hatte das erzählt.
Falls noch Gebäude oder Teile der Lageranlage stehen, überlegte ich, werden diese jetzt womöglich mit dem Bahndamm dem Abriss zum Opfer fallen. Ich machte mich, mit dem Fotoapparat ausgerüstet, auf den Weg nach Bruttig. Dort war Kirmes. Die Leute waren mit sich und ihren Festtagsgästen beschäftigt, was mir ganz recht war, denn so konnte ich mich unbeobachtet fühlen. Ich ging zu der Baracke hin, die uns ja auch schon aufgefallen war, verknipste hier und nachher auf dem Friedhof einen ganzen Film. Abgesehen von der erwähnten Baracke und einem kleinen Schuppen standen an der Stelle, wo sich das Lager befand, kleine Einfamilienhäuser mit gepflegten Vorgärten. Ich hielt diese Häuser damals für Neubauten, weil sie sich in recht ordentlichem Zustand befanden. Später habe ich erfahren, dass es sich bei den Häusern um restaurierte, ehemalige Häftlingsbaracken des KZ-Außenlagers in Bruttig handelt.
Auf dem Bruttiger Friedhof hinter der Kirche wurde ich unerwartet fündig. Direkt neben dem Treppenaufgang befinden sich Grabsteine, wie sie gewöhnlich auf Kriegsgräbern stehen. Ich entsann mich, dass Frieda H. darüber gesprochen und gesagt hatte, dass auf dem Bruttiger Friedhof tote KZ-Gefangene begraben worden seien.
»Früher lagen noch mehr da, die hier gestorben sind«, hatte sie gesagt. »Die sind aber fortgekommen.«
»Fortgekommen, wohin?«, hatte ich gefragt, und sie hatte geantwortet, dass sie das nicht wisse.1
1 Siebzehn auf dem Bruttiger Friedhof in einem Massengrab verscharrte Leichen von KZ-Häftlingen wurden auf Anordnung der französischen Besatzungsbehörden am 30. September und 1. Oktober 1947 exhumiert. Sieben der Toten wurden später auf dem Bruttiger Friedhof bestattet, die übrigen zehn Toten wurden überführt und in ihren jeweiligen Heimatorten beigesetzt. Quelle: Gespräch mit dem ehemaligen Bruttiger Bürgermeister Manfred Ostermann, vgl. hierzu auch Exhumierungsbericht von Dr. Paul Geis, Koblenz in Guido Pringnitz: Deckname »Zeisig«, 1. Auflage, Treis 2016
Auf sieben Grabsteinen von insgesamt zwölf stehen Namen, die fremdländisch klingen. Das Todesdatum der Begrabenen fällt ohne Ausnahme in das Jahr 1944, das Jahr, in dem das Lager Bruttig existierte.
Die sieben Grabinschriften lauten:
Adolf Czech * 01.10.1910 † 26.07.1944
Josef Anoilczyk * 02.05.1894 † 30.07.1944
Louis Christian Vervooren * 09.10.1895 † 31.03.1944
Hendrikus Rempe * 21.02.1903 † 26.03.1944
Josef Dunal * 13.01.1896 † 01.08.1944
Ignatz Chrzuszoz * 14.01.1909 † 31.07.1944
Jan Krolak * 24.04.1904 † 30.07.1944
Über das Leben und die Umstände des Todes einiger der hier Begrabenen sollte ich noch manches mehr erfahren, als ich an dem Bruttiger Kirmestag ahnte. Davon werde ich dir später berichten.
Abb. 4: Überreste des Konzentrationslagers in Bruttig. Die Abbildungen 4 – 7 zeigen die zentrale und größte Baracke des ehemaligen Lagers, den »Speisesaal« der Häftlinge. Das Gebäude befindet sich auf den Abbildungen aus dem Jahr 1986 noch weitestgehend im Originalzustand. (Fotos: E. Heimes aus dem Jahr 1986)
Abb. 5
Abb. 6
Abb. 7
Abb. 8: Eines der Gebäude des ehemaligen Lagers Bruttig, in dem sich »sanitäre Anlagen« befanden. (Foto: E. Heimes aus dem Jahr 1986)
Abb. 9: Der Bahndamm auf dem sich das Lager befand, führt in Bruttig quer durch den Ort. Über der Unterführung ist eine ehemalige Häftlingsbaracke (»Speisesaal«) zu erkennen. (Foto: Christian Gasterstädt).
Das sogenannte Stammlager
Im folgenden Winter fuhr ich ins Elsass. Natzweiler. Besichtigung der Gedenkstätte KZ Natzweiler. Ein Versuch, mehr zu begreifen. Rückte ich mir das bisher Unvorstellbare näher, weil ich die Anlagen besichtigte? Ich hatte vor gehabt, viele Fotos zu machen, diese zu Hause zu zeigen und zu sagen: Seht mal! Nach dem zweiten Auslösen versagte die Kamera. Vor Kälte. Also keine Fotos. Aber die Notwendigkeit, die Eindrücke aufzuschreiben, sie blieb. Dennoch ging ich tagelang Papier und Bleistift aus dem Weg. Ich schrieb damals nur diesen einen kurzen Text:
Am Eingangstor stand nicht Arbeit macht frei, obwohl es geplant gewesen sein soll, sondern lediglich Konzentrationslager Natzweiler. Beim kurzen Gespräch mit dem Herrn an der Pforte hätte ich diesem gern verheimlicht, dass ich Deutscher bin. Ich begegnete meiner Unsicherheit mit dem Gedanken, dass er mir mein Alter ja ansehen müsse und dass ich aus einer anderen Generation komme, als der, die hier gemordet hatte.
Die Kälte lähmte meine Finger. Ich packte den Fotoapparat in die Tasche. Die Kleider der Lagerinsassen waren dünne Leinenanzüge gewesen. Konnte ich auch nur ahnen, wie schrecklich es gewesen sein muss, hier zu erfrieren? Ich schob meine Hände, in wollenen Handschuhen steckend, tief in die Manteltaschen. Zwei oder drei Minuten lang blieb ich stehen, reckte den Kopf in den schneidenden Wind. Bevor der Schmerz kam, rieb ich mir eine meiner Wollhände durch das Gesicht, um die Eiseskälte zu vertreiben. In den Folterkammern, dem Sektionsraum und den Tötungsräumen suchte ich vergeblich nach Spuren von Gewalt. Alles gereinigt und zur Besichtigung frei gegeben. Das Büro des Arztes, der für medizinische Versuche an Menschen zuständig war, ist ein leerer Raum. Er unterscheidet sich nur durch die Größe und die Höhe des Fensters von den Gefängniszellen, die sich in einer anderen Baracke befinden. Ein bei den Einzelzellen des Bunkers abgetrennter Raum war ursprünglich zum Aufstellen eines Ofens vorgesehen. Viel zu klein für einen menschlichen Körper. Es sollen aber manchmal sogar zwei Menschen darin eingepfercht worden sein. Nicht sitzen, nicht stehen, nicht liegen, irgendetwas dazwischen und das mitunter vierzehn Tage lang. Und dann diese Kälte! Doch meine Fantasie ließ mich im Stich. Der Schrecken wurde nicht spürbar. Ich betrachtete mir andere Besucher der Gedenkstätte. Ob diese mehr begriffen? Im Krematorium stand ich vor dem Verbrennungsofen wie bei einer Schlossbesichtigung vor dem Bett des Bayernkönigs Ludwig auf Neuschwanstein. Die Nazis haben ganze Sache gemacht. Nicht nur das Leben von Menschen, auch das Wesen der Dinge scheinen sie ausgelöscht zu haben, so, dass sie zu mir jetzt nicht mehr sprachen. Nur der Zaun, drei Meter hoch zwischen doppelreihigen Holzpfosten gespannt, ließ mich seine Undurchdringlichkeit spüren.
Das Lager wurde in einer Höhe von achthundert Metern mitten in den Vogesen von den Häftlingen unter Zwang aufgebaut. Ich wäre an der Einsamkeit zu Grunde gegangen, die hier zu spüren war, die trotz aller Besuchergeschäftigkeit mehr nachzuempfinden war, als der Schrecken von Folter- und Tötungsgeräten. Deshalb hat mich auch der Zaun so sehr erschüttert, dieser verfluchte Zaun war es, der diese Vergessenheit, dieses weg sein von der Welt besiegelt haben muss.
Eine Ahnung überkam mich: Ich bin völlig unwichtig und egal. Es ist der Welt und den Menschen einerlei, ob ich lebe, leide oder sterbe. Ich werde geschlagen auf dem Prügelbock. Bäume und Felsen schweigen. Meine Schreie