Ich habe immer nur den Zaun gesehen. Ernst Heimes
gekippt werden. Niemand wird fragen: Wer war er? Völlig egal.
Es war eine sehr ruhige Zeit in Natzweiler mit vielen Gelegenheiten zum Nachdenken. Wieder zu Hause machte ich mich sofort an die Arbeit und schrieb eine Erzählung, die im Wesentlichen das beinhaltete, was ich Dir bis hier hin erzählt habe. Alle Dialoge, verfasste ich allerdings im moselfränkischen Dialekt, so, wie ich sie mit vielen Einheimischen tatsächlich gesprochen habe. Bei späteren Lesungen und Vorträgen trug ich diese Passagen auch im Dialekt vor. Heute weiß ich: Meine Erzählung war nur der Anfang einer jahrelangen Auseinandersetzung mit dem KZ-Außenlager Cochem und seinen Nebenlagern Bruttig und Treis.
Abb. 10: Das Lagertor des Konzentrationslagers Natzweiler Struthof (Foto: E. Heimes Januar 1985)
Wenn ich mich mit den Menschen hier vor Ort unterhalte, sprechen die wenigsten von Konzentrationslagern in Bruttig und Treis. Sie sagen Arbeitslager. Das klingt weniger dramatisch. Und Arbeit ist ja schließlich nichts Schlechtes. Oder? Weit gefehlt, die Annahme, es habe sich hier um eine mildere Abstufung eines der bekannten KZs gehandelt. Die Verhältnisse in den Außenlagern waren die Fortsetzung der Verhältnisse in den großen Konzentrationslagern an anderen Orten. Sie unterschieden sich durch die Größe. Das KZ-Außenlager Cochem war nicht so ausgestattet wie das Lager Natzweiler. Es gab keine Gaskammern und keine Verbrennungsöfen. Auch wurden in Cochem keine medizinischen Versuche an Gefangenen durchgeführt. Aber: In der Mitte des Lagers in Bruttig stand der Galgen, als immer gegenwärtige Drohung, in den Zwingern wurden Hunde gehalten, verkommen zu lebenden Waffen, genau wie in Natzweiler auch. In Treis bedurfte es keines Galgens. Hier wurden die Menschen an den Bäumen erhängt, die im Lager standen. Alle Anweisungen für Cochem kamen aus Natzweiler. Es herrschten die gleichen Vorschriften. Die Post für die Gefangenen in Cochem wurde in Natzweiler zensiert. Das Schrecklichste, was Cochem mit Natzweiler gemein hatte: die Gefangenen waren hier wie dort zu einem bestimmt, zur Vernichtung durch Arbeit.
Cochem mit seinen Nebenlagern Bruttig und Treis war nur eines von 72 Außenlagern des KZ Natzweiler. Andere große KZs hatten ähnlich viele. Man stelle sich das vor. Deutschland war gespickt von Lagern, übersät von Stätten der Folter und des Todes. Und schenkt man den Zeitgenossen Glauben, die davon nichts gewusst haben wollen, sollen sie doch heute endlich zur Kenntnis nehmen, dass in der Nähe von fast allen deutschen Städten und Ortschaften solche Terroreinrichtungen platziert waren. Der Internationale Suchdienst von Arolsen gibt die Zahl der Konzentrationslager im damaligen Reichsgebiet mit 1.037 an. Dreiundzwanzig seien Hauptlager, 1.014 Nebenlager gewesen. Ferner habe es acht Vernichtungslager und unzählige andere Lager gegeben. Wie Treis und besonders Bruttig zeigen, befanden sich die Außenlager teilweise inmitten der Ortschaften.
Das KZ Natzweiler-Struthof, ungefähr fünfzig Kilometer südwestlich von Straßburg gelegen, wurde am 1. Mai 1941 eröffnet. Bereits im September 1944 wurde es geschlossen, nachdem die Gefangenen nach Dachau deportiert worden waren. In den allgemeinen Publikationen über die Konzentrationslager im SS-Staat wird Natzweiler-Struthof als Vernichtungslager charakterisiert. Es gehörte jedoch, misst man die Größe eines Konzentrationslagers an der Anzahl der dort hin Deportierten und Ermordeten, nicht zu den größten Vernichtungslagern. Allerdings war Natzweiler berüchtigt wegen der Durchführung medizinischer Versuche an lebenden Personen. Natzweiler war Endstation für viele Widerstandskämpfer aus den Staaten westlich des Reichsgebietes.
Die Benennung des Lagers ergab sich aus dem Namen der kleinen, im Tal gelegenen Gemeinde Natzweiler und dem Struthof, eines Hotels mit angrenzendem Bauernhof. Oberhalb des Struthofs wurde an einem Berghang das Konzentrationslager errichtet. Um die Arbeiten auszuführen, wurden im Mai 1941 die ersten Gefangenen hierher gebracht. Die Besitzer des Struthofs hatten zu dem Zeitpunkt das Hotel und den Hof bereits geräumt. Ein erstes provisorisches Lager wurde im Struthof errichtet. Die Gefangenen wurden gezwungen, rund achthundert Meter oberhalb des Struthofs das Lager aufzubauen. Die Strecke dazwischen, über die das gesamte Baumaterial von den Gefangenen geschleppt werden musste, war extrem steil und führte damals durch unwegsames Gelände.
Der Beschluss, das Lager an diesem Ort zu errichten, war durch das Vorhaben der Nazis bestimmt, die in der Nähe gelegenen Granitvorkommen durch den Einsatz der Gefangenen abzubauen. Dieses Vorhaben wurde in den Folgejahren unter Ausnutzung der Arbeitskraft der Häftlinge verwirklicht. Natzweiler wurde das einzige Konzentrationslager auf französischem Boden. In seinen vierzehn Häftlingsbaracken war Platz zur Unterbringung von 1.500 Menschen. Zu Beginn des Jahres 1944 lag die Zahl der Häftlinge noch unter 2.000, im September des gleichen Jahres, kurz vor der Umsiedlung und Schließung des Lagers, war es mit 7.000 Menschen völlig überbelegt.
Von den 150 Häftlingen, die im Mai 1941 mit dem ersten Transport auf dem Struthof ankamen, befanden sich 145 Deutsche. Fünf Häftlinge waren Polen. Die Deutschen, zum großen Teil politische Gefangene, mussten den Roten Winkel als Kennzeichnung tragen. Andere, aufständische Matrosen aus Kiel, waren der Spezialabteilung Wehrmacht (SAW) zugeordnet. Wieder andere, sogenannte Asoziale, trugen den Schwarzen Winkel, Homosexuelle den Rosa Winkel und so genannte Gemeinverbrecher den Grünen Winkel auf ihrer Kleidung. Als diese Männer die ersten drei Baracken fertig gestellt hatten, wuchs die Zahl der Häftlinge auf 400 Personen an. In der Folgezeit veränderte sich die Zahl der Gefangenen wie folgt: zum 1. Januar 1942 auf 419 Häftlinge; zum 1. Januar 1943 auf 709 Häftlinge und zum 1. Januar 1944 auf 1.840 Häftlinge. Die höchste nachweisbare Gefangenenzahl lag am 27. August 1944 bei 5.538 Häftlingen.
Neben den 14 Häftlingsbaracken hatte das Lager eine Küche, ein Gebäude mit Gefängniszellen und ein Krematorium. Die Baracken standen stufenförmig in einem Nordhang auf der Schattenseite eines Berges. Auf der untersten Stufe der Anlage befand sich eine Grube, in der die Asche und die Knochenreste von verbrannten Häftlingsleichen verscharrt wurden. Auf der obersten Stufe überragte ein Galgen auf der Mitte des Appellplatzes das Lager. Durch die doppelte Stacheldrahtumzäunung floss elektrischer Strom. Acht hölzerne Wachtürme machten das Gelände zu einer Festung, aus der es kein Entrinnen gab. Außerhalb der Umzäunung, standen die Unterkünfte der Wachmannschaft, die Hundezwinger und die Villa des Kommandanten mit Schwimmbad. Eine Gaskammer wurde auf dem Struthof eingerichtet. Hierzu wurde die Kühlkammer des ehemaligen Hotels umfunktioniert.
Wie viele Menschen insgesamt das Lager Natzweiler durchleiden mussten, ist nicht genau festzustellen. Die Zugänge und Abgänge von Häftlingen wurden zwar peinlich genau festgehalten. Viele sogenannte Angehörige minderwertiger Rassen, also Russen, Polen, Angehörige der Sinti und Roma, verächtlich Zigeuner genannt, wurden jedoch ermordet, ohne Hinterlassung von Spuren. Ebenso erging es vielen Gefangenen, die dem französischen Widerstand angehörten. Nach ihrer Ergreifung wurden sie nach Natzweiler gebracht und umstandslos exekutiert. Die Zahl von rund 45.000 Häftlingen wurde offiziell erfasst. Von diesen sind jedoch nur 10.000 bis 15.000 im Hauptlager Natzweiler, die übrigen in den Außenlagern gewesen. In der Zahl von 15.000 sind etwa 3.000 nicht offiziell erfasste Häftlinge mitgerechnet.
Ein ehemaliger luxemburgischer Gefangener erinnert sich. Er sei in der Schreibstube des Lagers eingeteilt gewesen und habe über alle Zugänge und Abgänge Protokoll führen müssen. Er berichtet:
In Natzweiler sind immer wieder nachts Leute aus dem bewaffneten französischen Widerstand eingeliefert worden, die Maquisards, Mitglieder der Partisanenbewegung, die sich Maquis nannte. Ihre Mitglieder lebten in den Wäldern Frankreichs, daher auch ihr Name, der für dichten Buschwald steht. Sie wurden in Natzweiler oft sofort nach ihrer Ankunft durch Genickschuss getötet oder mit Gift totgespritzt, ohne registriert zu werden. Wenn nachts eine Gruppe Gefangener gebracht wurde, musste ich aufstehen, weil ich ja Buch zu führen hatte. Wenn ich dann von der SS wieder zurückgeschickt wurde, ohne meine Eintragungen machen zu müssen, wusste ich, was geschehen würde. Ich habe mir das aber nie anmerken lassen. Es war zu gefährlich, wenn man zu viel wusste. Ebenso sind auch Russen ohne weiteres einfach umgebracht worden, weil es ja nur Russen waren.2
2 Persönliche Aufzeichnung des Autors aus Gesprächen mit Ernest Gillen, Luxemburg
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