Ich habe immer nur den Zaun gesehen. Ernst Heimes
das Lager in Natzweiler nicht, sondern wurden sofort einem Außenlager zugeteilt. Dadurch erhöht sich die Zahl der Häftlinge, die in den Büchern von Natzweiler auftauchen erheblich. Am 3. Mai 1944 sind beispielsweise 850 Russen und Polen direkt von Auschwitz nach Cochem gekommen, wurden aber in Natzweiler als Zugänge registriert. Im Sommer 1944 sollen etwa 10.000 Häftlinge allein in den Außenlagern von Natzweiler gearbeitet haben. Ende September 1944 erreichte diese Zahl mehr als 16.000 und Ende Oktober 1944 sogar 20.822 Häftlinge, darunter 2352 Frauen.
Die Zahl der Toten von Natzweiler lässt sich nicht exakt rekonstruieren. Es müssen jedoch mehrere Tausend gewesen sein, die hier den Tod fanden. In der Broschüre KZ Lager Natzweiler-Struthof ist von 108 Gefangenen die Rede, die allein in der Nacht zum 2. September 1944 umgebracht worden seien. Die Überlebenden entsinnen sich, heißt es darin, der Kamin des Krematoriums war die ganze Nacht über rot.3
3 Quelle: KZ Lager Natzweiler Struthof, Nancy 1982
Alle Häftlinge mussten zur Erkennung unterschiedliche Abzeichen auf ihrer Kleidung tragen. Diese bestanden aus der Häftlingsnummer und den bereits erwähnten Winkeln, worunter man sich ein gleichschenkliges Dreieck vorzustellen hat, dessen Fläche farbig gefüllt war. Ein in den Grünen Winkel, Spitze nach oben, gedrucktes SV stand für Sicherheitsverwahrung, woraus sich im Laufe der Zeit die Bezeichnung Schwerverbrecher entwickelte. Bibelforscher und Zeugen Jehovas wurden durch ein lila Dreieck, Angehörige der Sinti und Roma durch ein schwarzes Dreieck gekennzeichnet. Die Spitze zeigte nach unten, wenn sie zusätzlich als asozial galten. Juden waren in Natzweiler nicht besonders gekennzeichnet. Sie trugen rote, einige auch grüne oder schwarze Winkel. Ein schwarzes Dreieck erhielten zusätzlich sogenannte Rassenschänder. Den Rosa Winkel, Spitze nach unten, gab es für Homosexuelle. Ausländer trugen ab dem Frühjahr 1944 in ihren Winkeln den Anfangsbuchstaben ihrer Nationalität. Angehörigen der Strafkompanie wurde zusätzlich ein schwarzer Punkt aufgenäht. Fluchtverdächtigen wurde auf Brust und Rücken eine rot-weiße Zielscheibe aufgenäht oder aufgemalt. Die SS hatte eine besondere Kennzeichnung für sogenannte Blöde. Auf einer Armbinde mussten die Betroffenen den Satz Ich bin blöde tragen. Die Kategorie der Nacht-und-Nebel-Häftlinge, kurz mit N.N. bezeichnet, der überwiegend Belgier, Franzosen, Holländer, Norweger, Luxemburger aber auch einige Häftlinge anderer Nationen angehörten, war mit den Initialen N.N. gekennzeichnet.
Einlieferungsgründe in das KZ Natzweiler ergaben sich aus den Kategorien: politische Häftlinge wegen ihrer Aktivitäten gegen das faschistische NS-Regime, andere wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer sogenannten minderwertigen Rasse, sowie die sogenannten Asozialen und Arbeitsscheuen, die Homosexuellen und die Kriminellen. Dabei bleibt zu berücksichtigen, dass hinter den Bezeichnungen arbeitsscheu, asozial oder kriminell die menschenverachtende Gesinnung des faschistischen NS-Staates stand.
Kriminelle, echte Kriminelle, gemeint sind bösartige Menschen, die vor Brutalitäten nicht zurückschreckten, wurden bevorzugt als sogenannte Kapos eingesetzt. Kapos waren Funktionshäftlinge, denen von der SS die Aufsicht über die übrigen Gefangenen übertragen wurde. Sie sollen häufig brutaler als die SS selbst, ja, teilweise völlig enthemmt, gegen ihre Mitgefangenen vorgegangen sein.
In das KZ Natzweiler wurden Menschen aus Belgien, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Italien, Luxemburg, Norwegen, Polen, der Sowjetunion, Spanien und der Tschechoslowakei verschleppt. In geringer Zahl gab es auch Häftlinge anderer Nationen. Für viele der Gefangenen aus dem politischen, bewaffneten Widerstand, die von den Nazis die Bezeichnung N.N. erhalten hatten, war eine sogenannte Sonderbehandlung vorgesehen, nämlich die Vernichtung bei Nacht und Nebel. In sogenannten Nacht-und-Nebel-Aktionen wurden Menschen von der Straße verschleppt und blieben für immer verschwunden. Den N.N. Gefangenen, die nach ihrer Einlieferung nicht sofort getötet wurden, erging es von allen Häftlingen im Lager am schlechtesten. Sie hatten praktisch überhaupt keinen Schutz mehr und durften jeder Zeit gequält und getötet werden. Der Formulierung bei Nacht und Nebel oder Nacht-und-Nebel-Aktion begegnet man auch heute noch. Manchmal wird sie von älteren Menschen benutzt, die es vielleicht besser wissen könnten, oft aber auch von jungen Leuten, die nichts über den nationalsozialistischen Gebrauch dieser Redewendung wissen.
Begründet wurde diese Sonderbehandlung durch den Nacht-und-Nebel-Erlass des Generalfeldmarschalls Wilhelm Keitel, dem Chef des Oberkommandos der Wehrmacht. Er führte in dem umfangreichen Schreiben aus, wie mit den N.N. zu verfahren sei. Damit folgte er dem Willen Hitlers, den Angriffen gegen das Deutsche Reich oder gegen die Besatzungsmacht in den besetzten Gebieten mit abschreckenden Maßnahmen entgegenzutreten und zwar durch den Tod oder durch Verschickung nach Deutschland. In der geheimen Mitteilung Keitels von 12. Dezember 1941 heißt es: Eine wirksame und nachhaltige Abschreckung ist nur durch Todesstrafen oder durch Maßnahmen zu erreichen, die die Angehörigen und die Bevölkerung über das Schicksal des Täters im Ungewissen halten.
Das KZ Natzweiler-Struthof wurde daraufhin zu einer Stätte, die nach dieser Anordnung arbeitete: schnelle Vernichtung von Gegnern des Regimes, ohne Hinterlassung von Spuren. Es ist schwer, all die Grausamkeiten und verschiedenen Strafen aufzuschreiben, die sich die SS für die Häftlinge ausgedacht hatte. Dennoch will ich Dir einen Eindruck vermitteln, wie es den Menschen in Natzweiler ergangen ist, denn Natzweiler war das Stammlager von Cochem und damit maßgebend.
Der Augenzeuge René Marx berichtet: Außerdem wurde von der SS eine Jagd auf Widerstandskämpfer begonnen. (…) Das Ergebnis dieser Offensive ließ nicht auf sich warten. Noch am gleichen Abend, gegen Mitternacht, kam ein Lastwagen nach dem anderen und fuhr zum Krematorium. Von dem Motorenlärm geweckt, bezog ich wieder meinen Beobachtungsposten am Fenster, das auf die Hauptstraße ging. Der Kamin des Krematoriums, vom Schein des Feuers gerötet, hob sich unheimlich von der Dunkelheit ab. Was ging da vor? Vielleicht, sagte ich mir, verbrennt die SS ihre Akten, bevor sie das Lager evakuieren würde. Am nächsten Tag war ich erstarrt. Ein Kamerad aus Luxemburg, der die Nacht im Ankleidungsblock direkt über dem Krematorium verbracht hatte, erzählte mir, dass stundenlang Scharen von Männern und Frauen auf Lastwagen gebracht wurden und dass man die ganze Zeit ein Geräusch gehört habe, das an das Zuknallen einer Tür erinnerte und gleichzeitig erstickendes Schreien und Singen. Von all diesen Menschen, die man zum Krematorium gebracht hatte, war nicht mehr übrig, als ein brenzliger Geruch im Lager und grauer Rauch, der unaufhörlich vom großen Kamin aufstieg und dann in das Tal hinabsank. Es war leicht zu verstehen, was geschehen war. Die Menschen, die man ins Krematorium gebracht hatte, waren die Widerstandskämpfer aus der Umgebung. Man hatte sie eingekreist, gefangengenommen, auf Lastwagen geladen und zu den Verbrennungsöfen gebracht. Das Geräusch, das einer schlagenden Tür ähnelte, war das Knallen der Sechsmillimeter-Revolver der SS, die ihre Opfer durch Genickschuss tötete.4
4 Quelle: KZ Lager Natzweiler Struthof, Nancy 1982
Die Anforderungen in der Strafkompanie waren so schwer, dass die Zuteilung in diese für viele Gefangene einem Todesurteil gleich kam. Mit der Zunahme der N.N. Häftlinge, die ja die brutalste Behandlung überhaupt erfuhren, verlor die Strafkompanie allmählich an Bedeutung. Die Bestraften wurden einfach den N.N. gleichgesetzt.
Nach der regulären Arbeitszeit, die im Sommer bereits um 4:00 Uhr morgens begann, mussten häufig noch Strafarbeiten ausgeführt werden. Dabei handelte es sich meist um völlig unsinnige Beschäftigungen, wie das Tragen von Schnee oder Material von einem Ort zum anderen und zurück.
Eine harte Strafe war das Torstehen. Je nach Schwere der Vergehen mussten die Häftlinge stunden- oder tagelang am Lagertor stehen. Sie bekamen während dieser Zeit nichts zu essen. Ihre Mütze mussten sie abnehmen und in der Hand halten. Viele brachen vor Erschöpfung zusammen.
Bestrafungen für Verstöße gegen die Disziplin waren in drei Stufen unterteilt. Erste Stufe: Drei Tage Holzpritsche in einer hellen Zelle mit Wasser und Brot. Zweite Stufe: Bis zu 24 Tage Holzpritsche in einer dunklen Zelle bei Wasser und Brot, nur jeden vierten Tag normale Ernährung. Dritte Stufe: Eingepfercht in eine Wandnische, die eigentlich als Heizungsschacht vorgesehen war. Ein Mensch konnte darin nicht liegen, nicht sitzen, nicht aufrecht