Ich habe immer nur den Zaun gesehen. Ernst Heimes
dort hineingezwängt werden musste. An dieser Folter sind viele gestorben.
Gefoltert wurde auch auf dem Prügelbock, auf den der Häftling festgeschnallt und mit einem Stock geschlagen wurde. Je nach Schwere der Strafe wurden zwischen 10 und 50 Schläge auf das Gesäß oder auf den Rücken in Höhe der Nieren verabreicht. Dabei musste der Gefolterte die Stockschläge selbst zählen. Verzählte er sich, wurde wieder bei eins angefangen. Viele verloren bei der Prozedur das Bewusstsein.
Todesstrafen durch Erhängen wurden am Galgen in der Mitte des Lagers öffentlich vollzogen. Alle Häftlinge mussten den Exekutionen ihrer Kameraden zusehen. Wurden mehrere erhängt, ging es der Reihe nach. Der Zweite und der Dritte sahen zu, wie der Erste, der Dritte sah zu, wie der Zweite erhängt wurde, bis er selber an der Reihe war. Der Tod soll jeweils nach einigen Minuten eingetreten sein, wurde also nicht durch einen schnellen Genickbruch, sondern durch langsames Erwürgen durch den Strang herbeigeführt. Die Erhängten wurden in Holzkisten durch das Lager zum Krematorium getragen. Automatisiertes Auslöschen von Leben.
Das Lager Natzweiler diente den Deutschen auch als Hinrichtungsstätte für Nicht-Lagerinsassen. Eine regelrechte Mordindustrie hatte die SS hier geschaffen. Delinquenten wurden von außerhalb zur Tötung ins Lager gebracht. In der Regel wurden diese in aller Stille im Krematorium erhängt und verbrannt. An der Decke waren zu diesem Zweck eine Reihe von Eisenhaken angebracht worden. Die einzigen Zeugen dieser Hinrichtungen sollen der Henker und dessen Helfer gewesen sein.
Mit der Bitte um Sonderbehandlung brachte die Gestapo Gefangene nach Natzweiler. Mit diesem Hinweis Eingelieferte wurden sofort getötet.
In einer Kiesgrube, in der Nähe des Lagers fanden Erschießungen statt. Die Menschen wurden durch Exekutionskommandos oder durch Genickschuss mit der Pistole durch einzelne SS-Leute getötet. Die Leichen wurden verbrannt.
Andere wurden durch Injektionen giftiger Substanzen getötet. Viele wurden, wie es hieß, auf der Flucht erschossen. Sie wurden in den Tod getrieben, erschlagen oder starben an Erschöpfung.
Besonders wegen der Durchführung medizinischer Versuche hat sich das Lager Natzweiler einen grauenvollen Namen gemacht. Es handelte sich dabei um Experimente an lebenden Personen. Mit der ausdrücklichen Genehmigung des Reichsführers SS, Himmler, wurden unter der Leitung des berüchtigten Professors Dr. August Hirt Versuche an KZ-Häftlingen durchgeführt. Manche ausgesuchte Häftlinge wurden eigens zur anschließenden Obduktion getötet. Ein Raum mit Seziertisch befand sich im Gebäude des Krematoriums. Der Umbau des Kühlraumes des ehemaligen Hotels Struthof in eine Gaskammer geschah auf Veranlassung von Prof. Hirt. Zur Gaskammer gab es ein Fenster, von dem aus er den Vorgang der Vergasung seiner Opfer von außen beobachten konnte. Hier wurden Leichen und Leichenteile nach Vorschrift hergestellt, die für medizinische und sogenannte rassenspezifische Untersuchungen Verwendung fanden. Die Leichen wurden auf der Stelle seziert und untersucht oder in bestimmten Fällen zur Universität Straßburg gebracht. Das Anatomische Institut der Universität wurde aus dem Konzentrationslager mit Leichen oder Leichenteilen beliefert, um seine kriegswichtigen Geheimversuche durchführen zu können. Ein Briefwechsel, der heute im Bundesarchiv in Koblenz archiviert ist, befasst sich mit der Lieferung eines Versuchs-Tiefkühlschrankes durch die Firma LINDE an die Reichsuniversität Straßburg.
Manchen Gefangenen wurden testweise Viren oder Giftpräparate injiziert. Im Jahr 1944, so ist in den Nürnberger Prozessakten nachzulesen, wurden im KZ Natzweiler zweihundert Personen Typhusviren eingeimpft.
Eines Tages kamen im Lager der schon erwähnte Universitätsprofessor aus Straßburg und ein Fliegeroffizier an. Sie verlangten dreißig junge und kräftige Internierte, die sie in einem Block isolierten. Eine Hälfte des Blockes wurde abgeschlossen, und niemand außer dem Professor, dem Offizier und mir durfte hineingehen. Man bestimmte mich dazu, die Kranken zu versorgen und den Ablauf der Krankheit zu beobachten. Es war den SS-Leuten verboten, in den Block hineinzugehen. Es war uns verboten zu erzählen, was dort geschah.
Ich habe folgendes gesehen: Der Offizier und der Professor setzten ihre Gasmasken auf. Sie spritzten dann in die Handfläche und auf die Innenseite des Vorderarmes etwa zehn Kubikzentimeter eines Produktes ein. Zehn Gefangene bekamen sodann fünfzehn Tropfen Vogan, zehn andere acht solcher Tropfen und der Rest nichts.
(…) Am ersten Abend begannen die Kranken vor Schmerzen zu schreien. Die Impfstelle hatte sich entzündet und glich einer Verbrennung. Bald war ihr ganzer Körper damit überzogen. Sie hatten Schmerzen in den Augen und den Lungen. Ich tat mein Möglichstes, um ihnen zu helfen. Ich legte mich um Mitternacht zu Bett, und am nächsten Tag musste ich feststellen, dass auch ich kaum noch etwas sehen konnte. Der Offizier kam, nicht um die Kranken zu pflegen, sondern um sie zu fotografieren. Von diesem Tag an fotografierte man sie alle Tage, aber man kümmerte sich nicht um die Kranken, die wie Tiere brüllten. Sie waren bald willenlos, bald wie verrückt. Der erste starb nach vierzehn Tagen (am 21.12.42). Seine Leiche wurde nach Straßburg geschickt. In der Folgezeit durfte keine Leiche mehr das Lager verlassen. Man machte die Versuche an Ort und Stelle. Die Autopsie ergab folgende Resultate: Rückgang des Gehirns, die Lungen mit Eiter angefüllt und zerfressen, die Leber ebenso. Die übrigen waren halb blind und lungenkrank. 5
5 Konzentrationslager Dokument F 321 für den Internationalen Militärgerichtshof. Nürnberg, herausgegeben von Eugène Aroneanu. Französisches Büro des Informationsdienstes über Kriegsverbrechen
(…) diese Ärzte machten Versuche mit Gasen an diesen Unglücklichen in einer Gaskammer außerhalb des Lagers. An einem einzigen Tag, am 10. August 1943, wurden 86 Frauen vergast und ihre Leichen sofort nachher verbrannt. 6
6 Konzentrationslager Dokument F 321 für den Internationalen Militärgerichtshof. Nürnberg, herausgegeben von Eugène Aroneanu. Französisches Büro des Informationsdienstes über Kriegsverbrechen
Tatsächlich handelte es sich bei der hier geschilderten Begebenheit um 87 jüdische Häftlinge. Es waren 30 Frauen und 57 Männer.
Gearbeitet wurde in dem schon erwähnten, 700 Meter oberhalb des Lagers gelegenen Steinbruch. Für die Beaufsichtigung der Arbeiten und die Einhaltung der Vorgaben durch die SS waren die Kapos verantwortlich. Diese gingen in der Regel brutal und rücksichtslos gegen die Gefangenen vor. Sie hatten dafür zu sorgen, dass ein gewisses Arbeitspensum erledigt wurde. Lagen sie unter dem Limit, hatten sie selbst eine Bestrafung zu erwarten. Dieser konnten sie nur dann entgehen, wenn sie nachweisen konnten, dass sie die Häftlinge massiv durch Schläge zur Arbeit angetrieben hatten. Beim morgendlichen Marsch der Kolonnen in den Steinbruch wurde von der SS Anweisung gegeben, wie viele Häftlinge am Abend ins Lager zurück getragen werden mussten. Diese hatten entweder völlig erschöpft oder tot zu sein. Von dieser Anweisung waren vorwiegend die N.N. Häftlinge, die Russen und die Polen betroffen.
In den Hallen auf dem Gelände des Steinbruchs mussten Junker-Motoren abgeschossener Flugzeuge durch die Häftlinge demontiert und auf Wiederverwendung überprüft werden. Bei diesen Arbeiten kam es immer wieder zu Sabotageakten. Später wurde die Tätigkeit für die Flugzeugindustrie intensiviert und weitere Montagehallen entstanden. Mit dem Ziel, die Arbeiten unter die Erde zu verlegen, begannen Häftlinge, zum Teil fünfzig bis sechzig Meter tiefe Stollen in die Granitfelsen des Steinbruches zu treiben. Zu einer unterirdischen Produktion, wie im Tunnel Bruttig-Treis, kam es in Natzweiler jedoch nicht.
Ein erschütterndes Zeugnis gibt der ehemalige Häftling Doktor Ragot in seinem Bericht über eine Weihnacht in Natzweiler: Weihnachten kam … und an zwei Tagen hintereinander wurde uns nachmittags die Arbeit erlassen und wir wurden eine Stunde später geweckt. Vierzehn Tage vorher hatten wir einen anderen Kapo bekommen, einen »grünen« Deutschen, der schon seit vielen Jahren Gefangener war. Ungefähr fünfzig Jahre alt, trieb er uns zu schneller Arbeit an, aber meiner Meinung nach hatte er das große Verdienst, gerecht zu sein.
Von unseren Liedern am Sonntag eingenommen, bat er uns, etwas für den Heiligen Abend vorzubereiten, und er selbst besorgte einen Tannenbaum,