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Revolution. Viktor Martinowitsch
als wir telefonierten, um in den Hörer zu schnurren.
Die Zeit ist so ein mieses, sprunghaftes Vieh, dass man sie am besten mindestens zu zweit totschlägt, sonst schlägt sie einen raffinierten Haken, schlüpft aus deinem Blickfeld, und du lässt Kimme und Korn deines Blickes hilflos über die Wände gleiten, rührst mit dem Löffel das Sumpfgebiet aus kaffeegetränktem Zucker am Boden deiner Tasse durch und langweilst dich.
Ich lungerte mit Phäno-Andrjuscha, einem Husserl- und Merleau-Ponty-Spezialisten und entsprechend mit den Spitznamen »Monty«, »Andrjusserl« oder »das Phänomen« bedacht, an unserem Lieblingstischchen herum. Wir schnatterten wie zwei alte Segel im Gedankenwind. Dabei war von einem Gedankenwind nicht mal so viel zu spüren, wir schnatterten einfach, ohne Wind, wie zum Trocknen aufgehängte Wäsche.
Ich, gerupft von den Studierenden, er, zermürbt von der Übersetzung eines französischen Aufsatzes mit lauter Wörtern, für die es im Russischen keine begrifflichen Äquivalente gab, er musste sie alle erfinden und immer gleich erläutern. Darüber beklagte er sich nicht zum ersten Mal bei mir. Aber darum geht es ja gerade beim Schnattern, dass man sich wieder und wieder beklagen kann.
Andrej war mein bester Kumpel, und unsere Sitzungen in der Bar hatten für ihn manchmal etwas Tragisches, weil er sich bei jedem meiner Kaffees einen Whisky holte, aber ich habe dir ja viel von ihm erzählt, weißt du noch? Und weißt du noch, dass ich irgendwann plötzlich aufgehört habe, Andrjuscha in unseren Gesprächen zu erwähnen?
Die Bar, in der wir die verbleibende Zeit totzuschlagen versuchten, nannte sich Barthes. Das Barthes lag im obersten Stockwerk unserer MIAU, und die Bewohner der umliegenden Betonfelsen gönnten sich ab und zu ein Mittagessen im Kreise der tschilpenden Philosophen.
Beim Betreten der Bar durch den handtuchbreiten Alkoven vor den Aufzugtüren fand sich der nach dem Intellektuellen in sich forschende Besucher in einem großzügigen Raum mit etwa fünfzig Tischen wieder, dessen vollverglaste Stirnseite einen Ausblick auf die Hochhäuser am Arbat gewährte. Der Barmann, aus dem die harte Hand des Namefinders einen »Barthesmann« gemacht hatte, sah aus wie Einstein, dem die Flucht aus dem Reich nicht geglückt war. In einem ausführlichen Gespräch mit ihm über zweifelhafte Thesen in Lossews Interpretation der frühbyzantinischen Ästhetik hatte er sich einmal sorgsam des Slangs eines höheren Akademikers bedient. Wenn ich mit Andrjuscha noch eine halbe Stunde länger geblieben wäre, hätte ich den Barthesmann bitten müssen, ihm ein Taxi zu rufen, und er hätte mir hundertprozentig widersprochen. Andrjuscha steckte in weiser Voraussicht nie Taxigeld ein (er wollte sich auf dem Heimweg mit mir unterhalten).
Die gesamte Wand hinter der Bar zierte ein Porträt des großen B. höchstselbst, allerdings nicht desjenigen, den man in einem Hochschulcafé erwartet hätte, sondern eines von Bart Simpson, der auf der Tafel den immer gleichen Satz schrieb, in Spalten, vielfach wiederholt, wie jedes Mal im Vorspann der Simpsons: »Am Nullpunkt der Literatur … Am Nullpunkt der Literatur …«
Ich riss mich von diesem Bart los und sagte, manchmal sei es das Wichtigste, rechtzeitig aufzuhören, aber Andrjuscha wollte nicht, konnte nicht aufhören, er fing zum dritten Mal von seinen Vorbehalten gegenüber der Semiotik an (in einen Konflikt verwickeln, Versöhnung feiern und dann zur Festigung der emotionalen Bindung einen gemeinsamen Heimweg vorschlagen, alter Schluckspecht).
Er hoffte immer noch, mich an der Bar festhalten und sich in mein Auto einladen zu können, damit ich ihn nach Hause fuhr, wo er mich zum »Aquarium gucken« nötigen würde und, falls ich so töricht sein sollte, ihm keine Abfuhr zu erteilen, mich mit einem Segelflosser-Blick von Kopf bis Fuß messen und mir, unsystematisch mit seinen Flossen segelnd, vorschlagen würde, zu zweit abzustürzen, weil »das Sofa für dich ist ja da«.
Schon mehrfach war ich dieser Logik (sich besaufen, weil da ein Sofa ist, auf dem man den Rausch ausschlafen kann) phänomenologisch verkatert zum Opfer gefallen, aber dieser Aprilabend kam dann doch allzu klar daher. Wie der erste Regen seit einem Jahr auf verrunzelte, geschwärzte Schneewehen. Allzu verführerisch funkelten dort unten die Lichter der inzwischen weniger gewordenen Autos. Allzu verlockend leuchteten die Schaufenster der Nachtclubs – das Leben erschien, wie so häufig im beginnenden Frühjahr, viel attraktiver und geheimnisvoller, als es eigentlich war. Der Alkohol drohte alles einzuebnen und die denkbar banalsten Erklärungen für diese Geheimnisse zu liefern, sodass man sich der Geheimnisse selbst, vielmehr der Empfindung ihres Daseins im Leben, hinterher nur noch peinlich berührt erinnern könnte.
Ich klopfte Andrjuscha auf die Schulter und gab zum Abschied das Übliche über die Zeit von mir: »Jeder weiß, was das ist. Aber niemand kann es den anderen erklären.« Die alkoholzentrierte Conclusio aus Augustinus hörte ich mir nicht mehr bis zum Ende an, sondern beeilte mich, zum Aufzug zu kommen.
Es passierte, als ich unseren Rosenbaum aus der Tiefgarage fuhr, und jetzt muss ich den anderen erklären, was der »Rosenbaum« ist. Nach einem Jahr in Moskau ohne meinen schnittigen Mazda, den ich bei der überstürzten Abreise aus meiner Heimat nicht hatte mitnehmen können, hatte ich mir endlich wieder ein Auto zulegen wollen. Im vollen Bewusstsein, wie selbstmörderisch diese Idee unter Moskauer Bedingungen war.
In dieser Stadt gibt es drei Kategorien von Fahrzeugen:
Die WAZ-Fraktion, getunt, mit Schalldämpfer oder ohne (Sound identisch).
Dann die GAZellen, plattschnäuzige Monster, die eher an Weißwale erinnern als an springende, zierliche Gazellen. GAZellen reiten Viehzüchter, die hinterm Steuer leben, deshalb ist es trotz der schwachen Motoren und dem extremen Gewicht dieser menschenbepackten Blechbüchsen sinnlos, sich mit ihnen in Sachen Geschwindigkeit oder Dreistigkeit messen zu wollen. Sie werden dich sowieso bedrängen, überholen, abdrängen und dann auch noch beschimpfen.
Die dritte große Gruppe Moskauer Fahrzeuge bilden die ausländischen Fabrikate, kreditfinanziert und deshalb weniger aggressiv unterwegs. Die einzelnen Ordnungen (Nager, Paarhufer, Erectus) lassen sich in Unterklassen aufgliedern, es gibt Mutanten wie den Niva-Chevrolet, aber wer sich erstmals ans Steuer setzt, findet sich unweigerlich auf einer der Sprossen dieser Evolutionsleiter wieder. Mein Rang als Hochschullektor (ich war ja nicht mal Dozent, ungeachtet einer vor langer Zeit und in einem anderen Land erfolgreich verteidigten Doktorarbeit – wenigstens kein Fliesenleger!) berechtigte mich höchstens zu der Hoffnung, mich in die WAZiaten-Armee einzureihen. Blieb nur noch zu klären, welches der drei in den vergangenen zwanzig Jahren auf dem Markt befindlichen Modelle es sein sollte.
Als Mechaniker war ich nicht zu gebrauchen, also gab ich dem WAZ 2105 den Vorzug, den ein Datschenbesitzer aus dem Treppenaufgang nebenan fuhr. Ausschlaggebend für meine Entscheidung war, dass er sein Auto manchmal erfolgreich startete und zum Fahren brachte. Er wollte dafür so wenig haben, dass man sogar mit meinem Gehalt von dieser Art Erzeugnissen der Automobilindustrie gleich drei Exemplare zur Probe hätte kaufen können.
Die Begutachtung von Karosserie, Innenraum, Stutzen und Verbindungen unter der Kühlerhaube half mir nicht, die Frage zu klären, wann dieser WAZ zugelassen worden war. Rost war kaum zu finden, er konnte also aus dem Vorjahr stammen oder von Anfang der 1980er. Die Hauptsache aber war das vorsintflutliche Autoradio mit Kassettendeck.
Sobald man den Motor anließ, krächzte das Radio los, durch das weiße Rauschen drang eine kratzige Stimme: »polem, polem, polem, belym-belym polem dymmmm«, du klatschtest in die Hände und sagtest: »Ja, Wahnsinn! Das ist doch Rosenbaum!« Nachdem wir Alexander Rosenbaum dreimal beidseitig angehört hatten (Autoreverse funktionierte bei diesem Wunder sowjetischer Technik nicht), wollten wir den Chansonnier aus dem Kassettenfach befreien.
Aber Pustekuchen! Offenbar steckte Rosenbaum schon seit Jahrhunderten hier fest, so gründlich verklemmt, dass sich die Kassette nur noch herauszerren ließ, wenn man den Tonkopf gleich mit ruinierte. Weiterhin offenbarte sich, dass sich das Gerät mit Rosenbaum automatisch einschaltete, sobald man den Zündschlüssel umdrehte, dass es sich nicht mehr abschalten ließ, die Luft mit dieser Reibeisenstimme vermengte und nicht einmal leiser gestellt werden konnte – der Lautstärkeregler drehte durch. Vielleicht war auch gar keine Lautstärkeregelung vorgesehen, der Sowjetmensch hatte Musik so zu hören, wie es Partei und Institut für Fahrzeugbau festgelegt hatten.
Wir