Revolution. Viktor Martinowitsch

Revolution - Viktor Martinowitsch


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Täfelchen über der Tür mit Adresse oder Name des Betriebs, befingerte mein Telefon, das schon den Miliz-Notruf wählte – ich hoffte immer noch auf Schutz. Und aus dem Hörer antwortete es mir schon streng und ernsthaft, ich wäre an der richtigen Stelle gelandet, warten Sie auf die Antwort des diensthabenden Beamten, als der Fahrer die Tür zuschlug, um den Wagen herumging und meine Tür öffnete. Ich streckte, in den Sitz gekrallt, die Beine vor, bereit zuzutreten, ihn wegzutreten, wenn er mir zu nahe kommen sollte.

      Aber er sagte ungerührt und eine Spur verächtlich: »Jetzt kriech schon raus, dir tut keiner was. Und leg auf, dass du nachher nicht den Fehlalarm zahlen musst.«

      Und er sagte das irgendwie so, dass ich auf »Abbrechen« drückte, da ich meinte, diese kurze Nummer könnte ich jederzeit wieder wählen, sogar mit dem Telefon in der Tasche, einfach wählen, damit sie dort, am anderen Ende der Leitung hörten, was hier vor sich ging.

      Und ich wagte mich ein Stückchen vor, als ich rief: »Was geht hier eigentlich vor? Spinnt ihr, oder was?«

      Aber ich stieg schon aus, leistete schon Gehorsam. Kaum war ich draußen, schon drehte er mir mit einer geübten Bewegung das Telefon aus der Hand, um mich anschließend so zügig und professionell, dass mir das Aufmucken sofort verging, von Fuß (erst rechts, dann links) bis Kopf abzutasten, als suche er nach Waffen, doch das, was er tatsächlich suchte, befand sich in meiner rechten Hemdtasche – ein Lederetui mit meinen Papieren: Fahrzeugbrief, Führerschein, Versicherung, Prüfbericht der Technikinspektion. Er angelte alles aus dem Hemd, schlug sogleich das Heftchen auf, hielt es unter die Taschenlampe und studierte es mit dem Ausdruck eines Beamten der Verkehrsmiliz.

      Nachdem er sich durchgeblättert und alles gelesen hatte (die Lippen bewegten sich mit und offenbarten den Wenigleser, der so selten las, dass seine Lesefertigkeit nicht über das kindliche Mitbuchstabierenmüssen hinausging), meinte er nickend: »Alles da. Immer mir nach.«

      Er schloss die Tür auf, und wir standen in einem hell erleuchteten Kasten mit mehreren Reihen ausgeschalteter Monitore – offenbar war hier die Stube des Wachmanns. Er schob mich in den Nachbarraum, nachdem er am Schlüsselbund endlich den passenden Schlüssel für die Stahltür ausfindig gemacht hatte. Kaum war ich über die Schwelle getreten, hinein ins Dunkel (das Licht war noch aus), schlug er resolut und professionell wie ein Knastschließer die Tür hinter mir zu und nahm mir damit die einzige Lichtquelle. In der totalen Finsternis war ich so perplex, dass ich nicht sofort gegen die Tür hämmerte, meine unverzügliche Freilassung forderte, den FSB anzurufen drohte, das Amt für Terrorismusbekämpfung, meinen Freund Alik, der allen Entführern die Köpfe abreißt (das alles war natürlich, wie du weißt, Olja, völliger Schwachsinn, ich hatte keine Alik-Freunde, aber dort, in diesem muffigen Zimmerchen, in totaler Finsternis, hinter der Stahltür, hatte ich die blanke Kindergartenangst). Ich tastete die Wand entlang, fürchtete schon, mit der Hand in den aufgerissenen Mund eines weiteren Opfers zu geraten, das hier vor ein paar Tagen ums Leben gekommen war, ertastete natürlich auf Augenhöhe einen Schalter, knipste ihn an und musste angesichts der neuerlichen Atomexplosion die Augen zusammenkneifen, so grell, so unerträglich grell knallten die Leuchtstofflampen von oben.

      Als die Augen aufhörten, dem Gehirn das Weiß eines belichteten Films zu melden, und sich hinter dem unerträglichen Schleier Tisch, Schrank, Safe und Gitterfenster abzeichneten, erkannte ich, dass ich mich in einem winzigen Zimmerchen befand, zwei mal drei Meter, in dem dennoch irgendwie Tisch, Schrank, Safe und sogar ein breites Fensterbrett unter dem Gitterfenster (Zeichnung »Sonnenaufgang über dem Gefängnis«) Platz fanden. Als Semiotiker ging ich natürlich zuerst zum Schrank, einem Bücherschrank, in dem Bücher standen. Ich wollte wissen, was das für Bücher waren, ich spürte, dass ich verstehen könnte, an was für einem Ort ich hier war, nur anhand der Buchrücken, der Titel (dabei wäre die einzig richtige Entscheidung gewesen, sich den Tisch genauer anzusehen – in der Schublade hätten irgendwelche Papiere sein können, aber ich hatte anders entschieden). Also, in diesem Schrank, einem tschechoslowakischen Schrank aus goldfarbenen Spanplatten, standen weiße Taschenbücher in Reih und Glied, ohne Titel auf dem Rücken, eigentlich überhaupt ohne Rücken. Es waren eher Broschüren, hemdsärmelig geheftet, mit Klammern oder Kunststoffspiralen. Die Bücher waren unterschiedlich dick und machten einen ziemlich mitgenommenen Eindruck. Ich drückte gegen die Glasscheibe, schob die eine Hälfte beiseite, griff mir willkürlich ein Buch heraus, und ich fand einen Titel, nach dem ich mich sofort setzen musste, auf den Tisch, die Kante, da stand nämlich: Die Makarow PM im Gefechtseinsatz. Aber das allein war es noch nicht einmal, was bringen findige Verleger zur Befriedigung der von einer krankhaften Leidenschaft für Mordwaffen befallenen Psychopathen nicht alles heraus? Ein Stückchen oberhalb, in der Kopfzeile stand: »Ministerium des Inneren der Russischen Föderation«. Und das ganze Layout war dermaßen holprig, und dann die dämlichen Illustrationen, wie gewollt und nicht gekonnt, Konturzeichnungen, in denen Milizionäre mit aufmerksamen Gesichtern, ein Auge zugekniffen, Verbrecher umnieteten, die vor ihnen Reißaus nahmen, gebückt nach Räuberart (wieso lehrte dieses Lehrwerk eigentlich, auf Unbewaffnete zu feuern? Hätte man den Bösewichtern nicht wenigstens eine abgesägte Schrotflinte in die Hand drücken können? Oder ein Stück Heizungsrohr? Aber das hier war alles dermaßen »für den Dienstgebrauch«, dermaßen hausintern, dass diese Fragen unweigerlich ins Leere laufen mussten).

      Ich schob die Broschüre schnell wieder zwischen ihresgleichen und wurde dabei auf eine weitere gleich daneben aufmerksam, etwas über die psychologische Grundierung von Ermittlungsmaßnahmen, wiederum mit MdI-Signet, und ich schloss, sicher ist sicher, die Glasfront und sah ein, dass es tatsächlich denkbar unsinnig gewesen war, die Polizei anrufen zu wollen, und ich schaute in das Spiegelbild mit meiner erschrockenen Visage und der gespaltenen Stirn und versuchte, mich mit einem Lächeln aufzumuntern.

      Aber ich wollte dann doch noch wissen, was im Safe war. Er wäre natürlich zu. Bei einem Zahlenschloss könnte ich die ganze Nacht hindurch nach dem sechsstelligen Code suchen, bis sie mich dann am Morgen holten, sich entschuldigten und mir erklärten, ihr Untergebener hätte es übertrieben und überzogen. Aber das Schloss war ganz simpel, ein schamhaft verdeckter Schnapper, überstrichen in der Farbe des Safes (der in der Farbe der Wände gestrichen war), ein Schlüsselloch. Und ich streckte die Hand nach dem Griff, mir freilich keinerlei Hoffnung machend, der Safe könnte nicht verschlossen sein, lag doch in den Geschichten mit einem hinter vergitterten Fenstern eingesperrten Helden der Schlüssel zur Flucht immer im Safe, nur krieg den mal auf! Die Nuss wird immer geknackt, der Safe springt auf, darin liegt der Türschlüssel oder die Feile für das Gitter vor dem Fenster, Happy End eben!

      Aber der Griff gab nach, der Schnapper klackte, die zentimeterdicke Stahltür schwang auf, und drinnen, im Safe, lag nur ein Revolver, mit einem »Iss mich, Alice«-Aufkleber auf dem Griff. Nein, das mit dem Aufkleber war natürlich nur ein Witz. Da war kein Aufkleber auf dem Griff, aber der Revolver war da. Wahrhaftig, schwer und kalt wie ein Fossil aus dem Paläozoikum. Und ich ergriff ihn sogleich, griff nicht nach ihm, sondern ergriff ihn tatsächlich, wie einen Rettungsring, der mich natürlich retten würde.

      Und ich fand die Sicherung unter meinem linken Daumen, ganz primitiv, zur Arretierung der Trommel, ich spannte den Hahn vor, jetzt konnte ich mich locker erschießen, ha ha. Mich überkam ein leichtes Zittern. Mir war klar, dass sie in einem Raum, der mit MdI-Broschüren zum Waffengebrauch vollgestellt war, kaum eine Schreckschusspistole oder Gummigeschosse aufbewahren würden, außerdem ließ der Umstand, dass jemand vergessen hatte, den Waffenschrank abzuschließen, auf einen äußerst sorglosen Umgang der Hausherren mit diesen tödlichen Spielzeugen schließen. Ich hielt die Mündung nach oben und schaute in den Lauf – da war keine Laufsperre drin, blieb nur noch zu klären, ob das Ding geladen war. Bei eingelegter Sicherung betätigte ich sämtliche Hebel, dass es ein paarmal klickte, ein bisschen wie Russisch Roulette, wobei der Gewinn am Ende unklar blieb – ich würde ja nicht auf den Mann schießen, der mit all meinen Papieren irgendwohin verschwunden war. Des rätselhaften Trommelzugangs Lösung lag in dem Stift unterm Griff, den ich zunächst für einen Putzstock gehalten hatte. Als ich daran zog, klappte die Pistole klirrend auseinander wie ein Jagdgewehr. Die Trommel war leer: nichts. Natürlich gab es noch die vage Möglichkeit, dass derjenige, der mich hier wieder einsammeln würde, das nicht wusste, doch das Knirschen des Schlüssels im Schloss hinderte mich daran, handfeste Pläne rund um die Pistole zu schmieden, und schon


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