17. Mike Müller-Reschreiter

17 - Mike Müller-Reschreiter


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war doch nicht böse gemeint, Harry, überhaupt nicht böse gemeint“, steuert Heinz jetzt gegen, „Werner hat recht! Dein Wesen ist, so unerklärlich das auch für mich ist, stärker als unseres“, lobhuldigt Heinz beinahe.

      „So einen Quatsch habe ich ja schon lange nicht mehr gehört! Ich habe mir oft genug in die Hosen gemacht, während ihr beide mit keiner Wimper gezuckt habt“, rekapituliere ich die Tatsachen.

      „Darum geht es doch überhaupt nicht, Harry! Tapfer oder nicht, was zählt das schon, wenn man nicht damit umgehen kann. Ich kann es offenbar nicht! Sei froh drum, Harry“, schlingert Heinz gerade nochmal die Kurve und wischt sich verlegen den Dreck aus seinem Gesicht.

      „Wenn ihr wüsstet“, sage ich trotzig. „Wenn ihr nur wüsstet! Warum soll ausgerechnet ich besser mit all dem Unbegreiflichen um uns herum umgehen können?"

      „Wenn wir was wüssten?“, kommt es jetzt im Duett. Die Erklärungsnot nimmt mich gefangen.

      „Na gut! Ich habe es euch noch nie erzählt und ich weiß nicht, ob ich es überhaupt zur Sprache bringen soll.“ Beide mustern mich neugierig und durchdringend. Sie sind auf einmal ganz schweigsam, scheinen fast zum Zerreißen gespannt darauf zu erfahren, was jetzt denn wohl kommen könnte. Selbst Werner hat den lädierten Arm und die Schmerzen vergessen.

      Ich habe mich verquatscht, sitze in der Falle und bin nun in Zugzwang. Warum soll ich es Ihnen erzählen? Sie würden meine Ideologie in Frage stellen, mich einen Verräter nennen, wenn ich mein Erlebtes preisgeben würde. Doch wir sind doch Blutsbrüder? Ich finde insgeheim keine passende Ausrede mehr.

      „Ich glaube, dass der Alte bald wiederkommt, der hat sicher was zu tun für uns“, starte ich dennoch einen letzten Versuch, mich herauszuwinden.

      „Jetzt lenk nicht ab, Harry! Sag schon, was sollten wir wissen?“ Ich könnte jetzt nur noch damit punkten, dass ich mich zornig gebe und darüber entrüstet meiner Wege ginge.

      „Ach, das geht euch doch gar nichts an“, jaule ich verzweifelt, versuche es so glaubwürdig wie möglich ihnen vorzuspielen und entferne mich. „Pustekuchen!“

      Fragende Gesichter sehen mir nach, ich kann ihre Blicke in meinem Rücken spüren. Verflucht noch eins! Ich kam nicht weit! Da hatten wir uns endlich ausgesprochen, uns als Freunde wieder und was mache ich? Also kehre ich wieder um. Sie schweigen, sehen mich fragend an. Verwirrte Blicke, die mich nervös machen.

      „Na schön, ich werde es euch erzählen, aber ihr müsst mir schwören, dass es unter uns bleibt!“ Nickende Köpfe, gekreuzte Finger. „Ich habe euch doch von meinem Arbeitspraktikum erzählt, das ich während der Sommerferien 1940 bei meinem Vater machte? Das war kein Praktikum, sondern eine Strafaktion meines Vaters. Dessen Firma hatte dort einen großen Auftrag erteilt bekommen. Ich habe euch erzählt, dass er in München Dächer mehrerer Häuser reparieren sollte.“ Werner und Heinz erinnern sich. Sie nicken zwar, glotzen sich dennoch fragend an, weil sie nicht recht einen Reim drauf wissen, worauf ich denn nur hinaus will?

      „Er war nicht in München. Sondern weiter außerhalb. In einem sogenannten Straflager bei Dachau. Und es waren auch keine Wohnhäuser, dessen Dächer repariert werden mussten, sondern es waren Barackendächer, welche er bauen sollte. Mein Betteln und Bitten hatte nichts genützt. Ich musste mit, da ich zuvor Riesenmist gebaut hatte. Ihr könnt es euch nicht vorstellen, was ich dort gesehen habe.“

      „Wo warst du? Was war denn das für ein Straflager?“, wollen sie wissen. Ich sehe mich nach allen Seiten um, beuge mich etwas dichter zu beiden herüber und flüstere: „Na solche, für jüdische Menschen“, so als würde ich ihnen den Namen einer totbringenden Krankheit verraten. Heinz will das Wort laut aus seinem Mund poltern lassen, aber er schluckt es im letzten Moment noch einmal herunter.

      „Man hat sie dort wie Vieh eingepfercht, wie das Stallvieh mussten sie in den Baracken hausen. Der Gestank war widerlich“, ergänze ich zitternd. Verstohlenes, ahnungsloses Gaffen! Der spinnt!

      „Das glaub’ ich dir nicht, Harry“, wirft mir Heinz als erster entgegen.

      „Mensch, genau deswegen wollte ich euch nichts davon erzählen. Wenn ihr nicht dort wart, könnt ihr es auch nicht glauben. Man hat den Männern die Köpfe rasiert und auch die der Frauen und Kinder. Ich werde ihre verzweifelten Blicke nicht mehr los! Wie sie in die Gebäude getrieben wurden, aus denen sie nicht wieder rauskamen! Sie verfolgen mich seither ständig! Das macht mich noch ganz irre!“

      Ich pausiere, muss durchschnaufen. „Das war auch nicht nur ein Straflager, wie ich anfangs dachte. Dort wurde gemordet“, flüstere ich nun so leise, dass selbst ich es kaum noch hören kann.

      „Was erzählst du uns da?“, echauffieren sich Werner und Heinz sichtlich aufgebracht.

      „Aber es stimmt“, bestärke ich meine Aussage.

      „Das ist nicht wahr, Harry, erzähle uns keine Märchen“, kapituliert Heinz endgültig und steht sichtlich irritiert auf. Ich erhebe mich ebenfalls, zerre Heinz an der Schulter, zwinge ihn, mich anzusehen.

      „Du glaubst doch nicht wirklich noch immer diesen heroischen Käse! Sieh dich doch mal um“, fauche ich ihn an. Heinz schnauft aufgeregt, sein Herz schlägt ihm bis zum Hals, man kann seine Halsschlagader wild pochen sehen. „Straflager, sie nennen diese Lager auch Konzentrationslager! Wir selbst haben doch mit angesehen, wie jüdische Schüler von unserer Schule abgehen mussten! Stimmt es denn nicht, Heinz?“ Heinz atmet aufgeregt. Läuft einige Meter auf und ab.

      Das kann, will er nicht glauben, was ich ihnen gerade erzählt habe. Im Grunde will das niemand glauben. Und doch wissen so viele davon. Tatsache!

      „Es ist jedes Wort wahr, das kannst du mir glauben, Heinz, jedes Wort ist wahr! Und weißt du, was dort noch passiert ist?“ Heinz reißt sich los und dampft davon. Werner winkt mich wieder zu sich. „Erzähl mir noch mehr davon, Harry, ich will alles ganz genau wissen. Egal, was es ist!“

      Ich setze mich also wieder, blicke ihm dabei tief in die Augen und sage: „Willst du das wirklich?“

      Kapitel 5 (Der Auftrag)

      Wir erfuhren es damals beim Abendessen. Kurz und knapp.

      „Ich habe einen größeren Auftrag von der Gauleitung erhalten. Ab nächster Woche bin ich für einige Wochen nicht zuhause“, erörtert uns Vater in seiner typisch monotonen Art. Weiter will er nicht darauf eingehen. Kein zusätzliches Wort der Erklärung kommt über seine Lippen.

      Wir sitzen am Tisch und unsere Gedanken machen Saltos, doch keiner von uns würde es wagen, meinen Vater diesbezüglich noch eine weitere Frage zu stellen, nicht einmal Mutter!

      Mutters Ratlosigkeit steht ihr ins Gesicht geschrieben. Sie ist völlig überrascht und irritiert. Denn üblicherweise wurden solche Dinge nicht beim Abendbrot angesprochen, weder private Angelegenheiten noch geschäftliche. Meine Eltern hatten es stets so gehalten, dass, wenn Veränderungen bevorstehen, sie es erst einmal miteinander besprechen und sich danach an uns wenden.

      Wenn Vater meine Gedanken lesen könnte. Innerlich habe ich diese Nachricht mit Freuden vernommen. Endlich könnte ich so lange außer Haus bleiben wie ich will. Könnte durch die Nachbarschaft ziehen, Äpfel und Pflaumen nach Herzenslust aus den Nachbargärten stibitzen, mir den Wanst damit vollstopfen, und ich wüsste, dass Vater nicht auf der Türschwelle auf mich warten würde, um mir den Hintern gehörig zu verhauen. Die Sommerferien würden großartig werden, feiere ich bereits im Geiste.

      Nach dem Abendessen gehen Erika und ich in unser Zimmer. Erika will andauernd von mir wissen, ob ich eine Ahnung habe, wohin Vater wohl gehen muss. Ich kann ihr keine Antwort darauf geben.

      „Sei doch froh“, sage ich stattdessen zu ihr. Endlich würden wir nicht ständig gemaßregelt werden. Erika scheint das nicht so sehr zu freuen wie mich. Sie hat gehofft, dass wir mit Vater wieder auf Wanderschaft gehen würden, wie wir es sonst immer machten.

      „Für diese Art der Ergüsse bin ich schon zu alt“, werfe ich ihr entgegen.

      „Du bist erst zwölf,


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