17. Mike Müller-Reschreiter
zerren die Kameraden herunter, legen sie auf Decken, bringen sie wie aufgetragen unter kahle Apfelbäume und warten ab, was wohl als Nächstes kommen würde. Der Alte verschwindet mit dem SS-Offizier in dem Postamt, das wir vor Tagen bereits inspiziert hatten.
Für eine geschlagene Stunde bleiben sie darin verschollen. Dann kommt er zurück. Er offeriert uns, dass man einen Transport für die Verwundeten geordert hat. ‘Gott sei Dank’, denke ich still, ‘dann kommt Werner wenigstens aus dieser Hölle raus’.
Die Panzerleute sitzen indes auf ihrem schweren Stahlgefährten, rauchen und warten darauf, dass der Feldwebel sich die Bestätigung ihrer dargebotenen Geschichte einholt. Der lange Panzerunterfeldwebel steht kerzengerade, als man sich ihm zuwendet. Nach kurzem Nicken und salutierender Grüße steigen sie in ihre Wannen zurück und bringen die Dieselmotoren auf Touren. In Formation walzen sie sich zum Ortsausgang. Auf Nimmerwiedersehen.
Ich sehe ihnen nach, danke im Stillen, und hoffe, dass sie es überstehen werden. Weiß Gott, wir könnten ihre Unterstützung wirklich brauchen!
Werner wimmert, sein Arm muss baldigst versorgt werden, die provisorische Bandage und Schienung würde nicht verhindern können, dass sich der Bruch entzündet. Blut hatte er schon zur Genüge verloren. Schmerzmittel sind auch nicht verfügbar. Das wenige Verbandsmaterial, das wir bei uns haben, würde allenthalben für Schürfwunden, Schnitte und Platzwunden genügen. Jedoch nicht für solch schwerwiegende Verletzungen, wie sie die Kameraden davongetragen haben. Vom Sani fehlt bereits jede Spur!
Ich kann nur hoffen, dass der Transport, den der Alte angekündigt hat, schnellstens hier eintrifft. Hauptsache, er kommt!
Ich gebe Werner etwas Wasser aus meiner Feldflasche, es ist nicht mehr frisch, aber es löscht den Durst. Heinz sitzt mir gegenüber, starrt unverändert wie abwesend zu mir rüber. Will er etwas zu mir sagen? Ein Wort oder einen Satz?
Die Kameraden auf ihren Decken wälzen sich, biegen und krümmen sich vor Schmerzen, faseln und fantasieren vor sich hin, sind zwischen Wachen und Dahindämmern. Vielleicht erbarmt man sich ihrer und lässt sie noch einmal von ihren Lieben daheim träumen, bevor sie sich in die Kolonnen derer einreihen, die bald hinüber gehen müssen.
Der Feldwebel steht mitten auf der Straße, die sich durch den Ort schlängelt wie eine Ringelnatter im Dorfweiher. Auf dieser erspähe ich den Unterscharführer Meinele wieder, wie er auf den Alten zugeht. Ich habe diesen recht undurchsichtigen Menschen völlig aus den Augen verloren, nun taucht er wieder auf. Meinele, den begreife ich irgendwie nicht.
Ich sehe den Alten dann wieder in dessen Uniformbluse kramen, er klopft sie nach etwas ab, wühlt, und als er gefunden hat, wonach er nervös plierte, kam ihm ein Seufzer über die Lippen. Wieder sieht er sich um, wie er es immer tut, wenn er in dem kleinen Buch blättert. Als wäre es ihm unangenehm, dass ihn jemand darauf anreden könnte, was denn der Inhalt dieses handgeschriebenen Werkes sei. Diesmal nimmt er eine Fotografie heraus und besieht sie sich andächtig.
Ich kann es spüren, wie er in dieses Bild hineintauchen will, sich danach sehnt, der Person auf dem Foto wieder so nah sein zu können, wie es sich sein geschundenes Herz seit langem wünscht. Doch die bittere Realität hält nichts von Gefühlsduselei und stellt sich erbarmungslos vor seine Hoffnung.
„Herr Feldwebel, Sie werden am Fernsprecher verlangt“, informiert ihn eine aufgeregte Stimme, die einem Funker gehört, welcher sich flinken Fußes wieder entfernt. Der Alte muss sich schnellstens wieder richten, zurückfinden, an die Kandare nehmen, in diesem verkorksten Wahnsinn.
„Gefreiter Hebrank!“, schellt es in meinen Ohren. Ich habe es kommen sehen, springe sogleich auf und renne auf ihn zu.
„Jawohl, Herr Feldwebel?“, melde ich bewusst zackig.
„Passen Sie auf unseren Haufen auf, lassen Sie sich von keinem anderen außer mir zu irgendwelchen Aufgaben verpflichten, verstanden?“, beordert mich der Alte.
„Jawohl, Herr Feldwebel“, versichere ich. Er macht scharf auf dem Absatz kehrt und läuft flugs retour wieder auf dieses ominöse Postgebäude zu. Ich tue, wie mir befohlen, und lasse meine Kameraden keine Sekunde aus den Augen. Was man wohl von ihm will? Sicher sagt man ihm jetzt, dass der Transport nicht kommen kann. Oder ein neuer Einsatz? Ein beschissener Einsatz? Wir gehen alle vor die Hunde! Ganz bestimmt!
Die Gedanken verselbstständigen sich hinter meiner Stirn. Heinz beginnt auf einmal herzhaft an zu lachen. Das macht mich völlig perplex, verstört mich derart, dass ich ihn wie belämmert anschnauze: „Was lachst du so blöd?“
„Mensch, Harry, mach dir nicht so einen Schädel, wir können ja sowieso nichts dagegen ausrichten“, gibt der völlig aus dem Zusammenhang gerissen von sich.
„Was ist los mit dir, Heinz?“, will ich von ihm wissen, um sein idiotisches Gehabe zu verstehen.
„Was mit mir los ist?“, bricht es, halb lachend, halb verzweifelt, aus ihm heraus, „Ja, hast du denn keine Augen im Kopf, Harry?“
Ich glotze ihn fragend an, werde nicht schlau aus ihm. „Du bist verrückt geworden! Du spinnst ja“, schiebe ich das Gebrabbel beiseite. Doch dann komme ich doch etwas in Fahrt. „Ich habe sehr wohl erkannt, wie sehr du dich verändert hast, alle haben wir uns verändert! Glaubst du, ich habe keine Angst? Du wolltest doch unbedingt hierher, Werner und Du!“
Heinz verschluckt sich regelrecht, bringt außer einem Gurgeln nichts mehr heraus. Sprachverlust! Habe ich bei Heinz noch nie erlebt! Das ist ein ein unverrückbares Indiz für dessen Veränderung. „Warum sagst nix? Hm? Mensch, wo ist der Heinz, den ich mal kannte, der fröhliche, starke und unerschütterliche Heinz, der mein Freund war? Wo ist er denn jetzt? Das gleiche gilt für Werner“, füge ich noch besonders betonend hinzu. Der eine dreht langsam durch, der andere wird vermutlich an Blutverlust oder Wundbrand sterben! Nach Heulen ist mir zumute, ich kann aber immer noch nicht. Bringe keine nennenswerte Träne heraus! Als hätte man all meine Tränenkanäle wasserdicht zugeschweißt.
„Jetzt hört endlich damit auf“, wirft sich Werner dazwischen. Der hat sich etwas aufgerichtet, sieht mich an, dann Heinz und schüttelt seinen blassen Schädel. Er ist sichtlich geschwächt. Er hat Mühe zu sprechen, presst die Worte mit letzter Kraft uns entgegen. „Ihr seid zwei Holzköpfe, wisst ihr das? Wir haben uns doch einmal geschworen, egal was passiert, immer fest zusammenzuhalten! Der Schwur, habt ihr den vergessen?“, kann Werner noch sagen, bevor ihm die Stimme wieder versagt.
Natürlich! Der Schwur, die Blutsbande, zelebriert im letzten Sommer, der sich heiß über das Thüringer Land legte.
Mit einer rostigen Klinge wandelten wir auf Winnetous und Old Shatterhands Spuren und ritzten uns die Unterarme auf. Beknackte Buben! Das war ein Schmerz! Blutsbrüder wollten wir sein, bis ans Ende unserer Tage. Was waren für doch für Träumer.
Nun spielt sich dieser Film wieder vor mir ab. Heinz lässt den Kopf hängen, schämt sich, das nehme ich jedenfalls an. Werner hat ja recht, uns mit ‘Holzköpfe’ zu titulieren. Ich gebe Werner was zu trinken, betrachte dabei Heinz, der sich ebenfalls sehr um Werner sorgt.
„Heinz, vergeben und vergessen?“, spreche ich ihn an und strecke ihm meine rechte Pfote entgegen, die auf einen Handschlag hofft. Heinz sieht zu mir her, setzt ein gequältes Lächeln auf, das sich über sein fahles Gesicht zerrt. Handschlag drauf! Werner beugt sich etwas zu uns herüber, legt seine gesunde Hand obenauf.
„Egal, was passiert, wir bleiben Brüder bis ans Ende unserer Tage!“ Es zerreißt mir beinahe die Pumpe! Aber etwas Hoffnung kehrt dadurch zurück. Sie wird begleitet von einem warmen Gefühl der Erleichterung, da man sich ein wenig vom inneren Schmutz befreien konnte. Was in Zukunft mit uns geschehen würde, ob wir sterben würden oder nicht, so soll doch nichts zwischen uns stehen, was der Einzelne am Ende sein Lebtag lang bereuen müsste.
„Manchmal bewundere ich dein Gemüt, Harry“, sagt Werner zu mir. Ich pliere ihn verdutzt an.
„Welches Gemüt? Was meinst du damit?“ Will er mich auf die Rolle nehmen?
„Na, ich meine, du scheinst das alles nicht so nah an dich heranzulassen?“, erklärt