Freiheit und Ehre - Roman nach der wahren Geschichte eines dänischen Freiheitskämpfers. Pernille Juhl
ich habe es einfach nicht geschafft.“
Sah sie ihn skeptisch an?
„Sehr schade, ich hätte mich sehr gefreut.“
„Ja.“
Sie hoben beide ihre Kaffeetasse, und Christian sah aus dem Fenster. Draußen gingen zwei kichernde Mädchen vorbei, gefolgt von einer alten Dame mit Gehstock.
„Wie geht es dir denn draußen auf Lindholm?“, fragte er.
„Ganz ausgezeichnet.“
Er spürte, dass etwas sie beschäftigte.
„Wir hatten es richtig schön, damals, als wir noch Kinder waren, nicht wahr?“, wechselte sie das Thema. „Wir waren richtig gute Freunde, oder?“
Er nickte ernst, und plötzlich vermisste er die gemeinsamen Stunden mit ihr bei den Pferden. Bekämpfte den Impuls, den Arm auszustrecken und ihr über die Wange zu streicheln. Am liebsten hätte er ihr gesagt, dass er sie heiraten wolle, aber erst einmal mussten sie miteinander reden. Vielleicht hatte er das mit dem dunkelhaarigen Kerl ja falsch verstanden. Er wünschte, es wäre so.
„Erinnerst du dich, wie wir uns auf dem Weg von der Schule nach Hause ins Gras gelegt und über Gott und die Welt geplaudert haben? Das war eine schöne Zeit.“
„Ja, das war es“, flüsterte er beinahe. Fühlte sich gerührt und traurig zugleich.
„Reitest du noch manchmal?“ Sie hob das Kinn und sah ihm in die Augen, und fast hätte er vergessen zu antworten.
„Nur ganz selten, seit ich von Zuhause weg bin, aber ich würde gerne.“
„Vielleicht ergibt sich ja mal wieder eine Gelegenheit.“ Es war die Annäherung an das, was sie eigentlich sagen wollte, und es war nichts Gutes, so viel war ihm klar.
„Ja, vielleicht, obwohl der Dienst mir nicht viel Zeit lässt.“ Er wandte den Blick ab, irritiert über seine Unbeholfenheit. Hätte er nicht strotzen müssen vor Selbstbewusstsein? Er hätte ein paar witzige Soldatengeschichten erzählen können. Sie könnten hier sitzen und gemeinsam lachen. Er liebte es doch, sie zum Lachen zu bringen. Und jetzt hockte er da wie das Leiden Christi, steif und unsicher und wusste nicht, was er sagen sollte, kaum in der Lage, die kleine Porzellantasse zu halten vor lauter Angst, sie könnte zerbrechen. Nachher, wenn sie sich verabschiedet hatten, dann würden ihm all die charmanten Bemerkungen einfallen, die er hätte machen können.
„Vermisst du das manchmal? Also Kind zu sein und keinerlei Verpflichtungen zu haben? Einfach nur zur Schule zu gehen und das Leben zu genießen?“ Sie sah ihn mit ernstem Blick an, versuchte sich dann aber doch an einem sanften Lächeln.
Er legte den Kopf ein wenig schief. „Und ob ich das vermisse, das kannst du mir glauben … genauso wie dich.“ Die letzten Worte hatte er nicht aussprechen wollen, sie rutschten ihm heraus, ohne dass er etwas dagegen tun konnte.
Sie sah auf den Tisch zwischen ihnen. „Du sollst wissen, dass ich das auch als eine wunderschöne Zeit empfunden habe.“ Sie atmete tief ein, und er dachte, dass es jetzt endlich soweit war.
Er wartete. Aß etwas von seinem Kuchen, obwohl es schien, als verwandele er sich in seinem Hals zu einem Klumpen, den er kaum schlucken konnte.
Sie schaute ihn mit einem Anflug von Verzweiflung an.
„Ich höre auf auf Lindholm.“
„Was?“ Sein Ausbruch überraschte ihn selbst.
„Es ist so, dass ich im Sommer heiraten werde.“
Schweigen. Es dauerte eine Zeit lang, bis er sich gesammelt hatte und eine Antwort zustande brachte.
„Ja, also, was sagt man …? Herzlichen Glückwunsch. Das ist mal eine ...“ Er konnte sich nicht erinnern, jemals einen solchen Unsinn von sich gegeben zu haben.
„Du bist ihm übrigens schon begegnet. Er heißt Hans-Jørgen, mein Vater hat ihn mir vor einigen Jahren vorgestellt. Ja, und seitdem … na ja, hat es sich weiterentwickelt, und nun hat er also bei meinem Vater um meine Hand angehalten.“
Tausend Gedanken schossen Christian durch den Kopf. Warum hatte er sich nicht zusammengenommen und war schon viel früher zu ihr nach Haderslev gefahren? Er hätte Gerda schon vor Jahren sagen können, dass es doch nur sie beide gab. Dass er ohne sie nicht leben konnte und kein Tag verging, an dem er nicht an sie dachte. Dass er nachts von ihr träumte. Er wusste ja, dass ihr Vater Pläne hatte, sie in eine vornehme Familie zu verheiraten – aber das entschied doch wohl nicht ihr Vater! Hans-Jørgen konnte unmöglich ihre eigene Wahl sein.
Er spürte den Impuls, zu schreien und auf den Tisch zu schlagen und sie zu fragen: ,Willst du das wirklich? Ich sehe dir doch an, dass du dir etwas anderes wünschst! Deine Augen verraten dich. Wir sind doch füreinander bestimmt. Ich bin nur langsam. Viel zu langsam!?
Er räusperte sich, versuchte, den Kloß herunterzuschlucken, der sich in seinem Hals festgesetzt hatte. „Glückwunsch“, wiederholte er. „Das ist … Das ist mal eine Überraschung.“
Sie lächelte kaum merklich.
Einige Augenblicke lang saßen sie schweigend da. Er drehte seine halbleere Tasse zwischen den Händen. Stocherte mit der Kuchengabel herum. Hilflos sah sie aus dem Fenster.
„Ich werde demnächst Unteroffiziersanwärter“, sagte er dann. Die Bemerkung schien völlig deplatziert.
Sie schaute ihn überrascht an.
„Wenn ich fertig bin, gehe ich nach Sønderborg und mache die Ausbildung zum Feldwebel“, fuhr er fort und fingerte an seiner Tasse herum.
Kurz darauf musste sie nach Hause. Er versuchte, sich an den letzten Teil ihres Gesprächs zu erinnern, aber er war voll und ganz aus seinem Gedächtnis gelöscht. Als habe er nicht stattgefunden. Als hätten zwei andere Menschen an dem Tisch im Café gesessen und über Sønderborg und andere Belanglosigkeiten gesprochen. An ihren Abschied konnte er sich wiederum erinnern. Sie standen sich gegenüber, gaben sich die Hand. Hielten sie, als hinge ihr Leben davon ab, bis beide meinten, jetzt sähe es doch etwas sonderbar aus, wir sollten besser loslassen.
Dann gingen sie beide ihrer Wege, ohne sich noch einmal umzusehen.
Sønderborg, 1938
Christian war beeindruckt von der Sønderborg Kaserne. Das schöne, rote Gebäude bot einen wunderschönen Ausblick auf den Als Sund. Er stellte sich vor, wie er Spaziergänge am Wasser entlang unternahm und versuchte, die innere Stimme in ihre Schranken zu weisen, die ihm sagte, dass dazu wohl kaum Zeit bleiben würde. Stimmten die Gerüchte, war der Dienst hier hart und dauerte oft vierzehn, fünfzehn Stunden am Tag. Und bevor die Rede von Spaziergängen am Meer oder durch die Stadt oder von anderem Luxus sein konnte, waren Briefe zu schreiben. Das hatte höchste Priorität unter den privaten Angelegenheiten. Briefe an Oma, Alma und Jes, Tidde und Tanta Adda. Sie verstanden nicht, dass er nur selten Gelegenheit fand, sie zu besuchen, obwohl er doch nicht weit von zu Hause weg war. Aber stolz waren sie auf jeden Fall. Als er nach Sønderborg kam, war er Unteroffizier, wenn er die Kaserne verließ, würde er Feldwebel sein. Für sie war es so, als sei er Leutnant. Christian musste lächeln, wenn er daran dachte.
Im Speisesaal war ihm ein blonder Hüne aufgefallen. Der Mann hatte etwas Ruhiges und Sympathisches an sich und schien ebenso auf sich allein gestellt wie er selbst. Meistens saßen sie nicht weit voneinander entfernt. Jetzt war der Speisesaal bereits halbleer, die meisten waren gegangen, und der Mann saß alleine an seinem Tisch. Christian entschied sich, ihn anzusprechen. Er nahm sein Tablett und setzte sich ihm gegenüber.
„Wir haben uns noch gar nicht vorgestellt“, sagte Christian, reichte seinem Gegenüber die Hand und nannte seinen Namen.
„Peter Østergaard“, entgegnete der andere, begleitet von einem festen Händedruck. Er war ein außergewöhnlich gutaussehender Mann, schlank, große graue Augen und hohe Wangenknochen. Sie lächelten beide.
Peter Østergaard fragte, woher er komme, und Christian