Levin Schücking: Historische Romane, Heimatromane, Erzählungen & Briefe. Levin Schücking

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Das Alibi

       Inhaltsverzeichnis

      Monsieur Ermanns hatte seinen kleinen Transport über die Rheider Burg dirigiert. Er wollte dort den Untersuchungsrichter sprechen und hören, welche Aussagen Claus gemacht, mit dessen Vernehmung sich der letztgenannte Beamte zu beschäftigen vorhatte, während der Polizeibeamte mit seinem Gefangenen die Exkursion nach dem Hammer machte. Als Ermanns oben auf dem Edelhofe wieder angekommen war und, das Gebäude umgehend, die vordere Seite des alten Schlosses erreicht hatte, sah er ein ungewöhnliches Leben vor demselben – eine vierspännige Equipage, die ein Detachement berittener Guiden umgab, hielt vor dem Haupteingange.

      Der Großherzog war in der Burg. Er hatte eine kleine schwarzgekleidete Dame mitgebracht und dieselbe in das Innere geführt.

      Monsieur Ermanns ließ seinen Gefangenen unten in den Korridor bringen und hier abseits bewachen. Er selbst eilte die Treppe hinauf, und als er in den alten Saal trat, welcher von dem Wohnzimmer des ermordeten Grafen nur durch ein paar Räume getrennt lag, sah er Murat in einer Fensterbrüstung stehen, vor ihm den Untersuchungsrichter, den jener am Knopf gefaßt hielt und auf den er sehr eifrig einredete, während der Beamte selber ein höchst bestürztes Gesicht machte, wohl mehr aus Beklommenheit wegen dieser durchlauchtigen Nähe seines Souveräns als aus irgendeinem andern Grunde.

      »Ah, Monsieur Ermanns,« rief der Großherzog aus, als er den Polizeimann erblickte; und während er dem verlegenen Untersuchungsrichter sofort den Rücken wendete, fuhr er fort: »Kommen Sie herbei, erzählen Sie mir das – Sie haben den Mörder und der Mörder ist nicht dieser verfluchte Hammerschmied, auf den alles als auf den Schuldigen deutete ...«

      »So ist es, Hoheit,« versetzte Ermanns, mit tiefen Verbeugungen näher tretend.

      »Und dieser Mensch, den Sie hier verborgen gefunden haben, ist der Sohn des Hauses – ein Herr von ... von ...«

      »Huckarde, Hoheit.«

      »Huckarde–-richtig!«

      »Was in aller Welt hat diesen Bösewicht so tief heruntergebracht, daß er zum Meuchelmörder geworden ist?«

      Ermanns zuckte die Achseln.

      »Was den Menschen herunterbringt, Hoheit, das Elend!«

      »Er hat frank und frei gestanden?«

      »In der Tat, er hat alles eingestanden – er gesteht wie – ein Angeklagter der einen Henker neben und eine Folterbank hinter sich sieht, gerade so!«

      »Was wollen Sie damit sagen, Ermann«?«

      »Daß sein Geständnis etwas Höhnisches, Ironisches hat, etwas Erzwungenes – ich habe schuldige Verbrecher noch nicht so gestehen sehen!«

      »Nun, es wird ihm der Hohn schon vergehen ...«

      »Der Hausmeister beteuert auf seinen Eid, daß Richard von Huckarde erst am heutigen Tage in die Burg gekommen, daß er früher gar nicht habe hineinkommen können,« schaltete hier schüchtern der Untersuchungsrichter ein.

      Während Ermanns sich dem letztern zuwandte und auf dessen Mitteilung augenscheinlich Gewicht zu legen im Begriff war, rief Murat aus: »Der Hausmeister ist ein Mitschuldiger, den man, um sicher zu gehen, gut täte, ebenfalls zu hängen.«

      »Es ist freilich sehr möglich,« bemerkte Ermanns, »daß der Mörder einen Zugang zu der Burg gefunden hat, ohne daß dieser Tropf von Hausmeister es merkte.«

      »Nun, dem sei wie ihm wolle,« sagte Murat laut, »machen Sie kurzen Prozeß mit dem Schurken, meine Herren. Der Mörder gesteht, ich sehe nicht ein, weshalb nicht binnen wenig Tagen alle Förmlichkeiten erfüllt sein könnten. Ich wünsche das und hoffe innerhalb dieser Frist tut die Guillotine ihre Pflicht an diesem Huckarde!«

      »Huckarde?!« rief hier eine wohllautende Frauenstimme erschrocken aus.

      Alle wandten sich und erblickten auf der Schwelle der Tür des Saales, welche von des ermordeten Grafen Wohnzimmer herführte, eine kleine schwarzgekleidete schmächtige Dame, die jetzt eilig herantrat.

      Es war die Gräfin von Epaville, die bei dem Großherzog am Morgen dieses Tages eine Audienz gehabt hatte und die er selber sich entschlossen nach der Rheider Burg zu geleiten, sowohl aus einer Art menschenfreundlicher Teilnahme für sie, wie in seinem Verlangen, sich dort nach dem Stande der Untersuchung zu erkundigen. Es war natürlich, daß Murat, der durch das Geschenk der Rheider Burg an den Grafen von Epaville unwillkürlich die erste Veranlassung zu dem Tode seines unglücklichen Günstlings geworden war, sich lebhaft für diese Untersuchung interessierte.

      »Ew. Hoheit sprachen den Namen Huckarde aus?« rief jetzt Madame d’Epaville aus den Zimmern kommend, wo man sie allein gelassen hatte bei der Leiche ihres Mannes.

      »So heißt der Mörder Ihres Gatten, Madame,« antwortete der Großherzog.

      »Unmöglich, Hoheit!«

      »Er ist der Tat geständig!«

      »So ist dies nicht Richard von Huckarde, sondern ein anderer, der den Namen führt ...«

      »Er nennt sich Richard von Huckarde,« bemerkte Ermanns, »und wir haben die Identität seiner Person ermittelt.«

      »Und der ist geständig, den Grafen ermordet zu haben?«

      »Sie hören es, Madame.«

      »Es ist unmöglich, Hoheit, ich wiederhole es. Ich kenne diesen Mann ...«

      »Sie kennen den Mörder?«

      »Er ist nicht der Mörder,« versicherte die Gräfin, »wann ist mein armer Mann ermordet worden?«

      »In der Nacht von vorgestern auf gestern!«

      »Nun wohl, in der Nacht von vorgestern auf gestern habe ich neben dem Herrn von Huckarde in dem Postwagen gesessen, welcher von Arnheim nach Wesel fährt.«

      » Sacré mille tonnerres, die Geschichte verwickelt sich!« rief hier Murat aus.

      »Können Sie das eidlich zu Protokoll geben, Madame?« fragte Ermanns.

      »Mit zehn Eiden, Monsieur,« beteuerte eifrig die kleine Gräfin.

      »So sind wir allerdings auf einer ganz falschen Fährte,« bemerkte der Polizeibeamte.

      »Das heißt,« fiel der Großherzog ein, »wenn Madame sich nicht in der Person irrt. Wo ist dieser Mensch?«

      »Er wird unten von meinen Leuten bewacht,« versetzte der Polizeibeamte.

      »Herauf mit ihm! Lassen Sie ihn heraufkommen; augenblicklich,« rief Murat. »Wir werden sehen, woran wir uns zu halten haben!«

      Ermanns eilte hinaus, und nach wenigen Augenblicken vernahm man die Schritte mehrerer Männer im Korridor. Die eskortierenden Gendarmen blieben hier zurück; Ermanns trat mit Richard von Huckarde in den Saal.

      Murat hatte unterdes der Gräfin einen Wink gegeben, sich in eine der tiefen Fensterbrüstungen zu stellen, wo sie den Blicken des Eintretenden verborgen war.

      Der junge Mann machte dem Großherzoge eine ruhige und fast stolze Verbeugung, welche Murat nicht erwiderte.

      »Sie haben den Grafen von Epaville ermordet?« sagte Murat wie drohend ihm entgegentretend.

      »Ihre Beamten, Hoheit,« versetzte Richard mit einem fast höhnischen Lippenzucken, »haben in mir den Mörder erkannt.«

      »Und Sie gestehen ...«

      Richard verbeugte sich.

      Murat rief jetzt den Namen der Gräfin. Diese trat einen Schritt vor.

      »Herr von Huckarde,« sagte sie, »was in aller Welt kann Sie bewegen ...«

      »Madame – Sie hier?!«

      »Ich bin’s, Herr von Huckarde – hier, zu Ihrem Glücke, Sie spielen ein verwegenes Spiel!


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