Litersum - Musenfluch. Lisa Rosenbecker

Litersum - Musenfluch - Lisa Rosenbecker


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forderte sie mich auf und ihr zuliebe kam ich der Aufforderung nach. Es schmeckte ganz widerlich, aber erfüllte seinen Zweck. Der Tee wärmte mich von innen wie von außen. Noah und George verfolgten das Ganze schweigend. Nichts an ihnen verriet, warum sie hier waren. Ob es gute oder schlechte Gründe hatte.

      »Hi«, sagte ich deshalb nur, als ich meine Finger wieder spürte. Sowohl George als auch überraschenderweise Noah ließen sich zu einem kleinen Lächeln hinreißen, als sie meine Begrüßung erwiderten. Unsicher darüber, was ich als Nächstes tun sollte, nahm ich einen weiteren langen Schluck der braunen Brühe, die sich wohl Darjeeling schimpfte. Das zumindest behauptete der Aufkleber auf dem goldenen Päckchen, das neben der Kanne auf dem Tablett stand.

      »Wir sind wegen Lauren hier«, meinte George.

      Mein Herz sackte mir in die Knie. »Wie… Wieso das?«

      Lauren legte eine Hand auf meinen Rücken. »Keine Sorge, sie brauchen nur meine Hilfe.«

      Ich sah zwischen den dreien hin und her. »Wobei?« Wollten sie Lauren über mich ausfragen? Um doch noch einen Grund zu finden, damit sie mir die Schuld an allem geben konnten?

      Noah streckte seine Hand aus. Auf der Innenfläche lag ein merkwürdiges Ding. Ein schmales Glasröhrchen, ungefähr so lang wie Noahs Zeigefinger, eingefasst von gravierten Metallscheiben auf beiden Seiten. In dem Röhrchen schwappte eine klare Flüssigkeit, die je nach Einfall des Lichts in schillernden Farben glitzerte. »Das kann uns vielleicht dabei helfen, Anna zu finden.«

      »Was ist das?«

      »Es hat keinen Namen.«

      Stirnrunzelnd sah ich zu ihm auf. »Und woher hast du es?«

      »Von Malou.«

      »Du meinst die Anti-Muse, die vor einem halben Jahr quasi alles auf den Kopf gestellt hat?«

      »Wenn du es so nennen willst.«

      »Und wo hat sie das Ding her? Geklaut?«

      Noah hob das Kinn und zog die Brauen zusammen. Schmeckte ihm der Witz etwa nicht? Dabei hatte er selbst noch vor ein paar Tagen darauf angespielt, dass die Anti-Musen, die man früher auch Diebinnen genannt hatte, Dinge entwendeten und verschwinden ließen. Er schien nicht gerade ein Fan von uns zu sein. Dass er in so einer wichtigen Sache dann doch eine Anti-Muse um Hilfe bat, war umso seltsamer, wobei ja auch die Taskforce aktuell von einer Anti-Muse geleitet wurde. Wir starrten uns an wie zwei Kinder, die sich ein Blickduell lieferten. Ich ballte die Hände zu Fäusten. Jetzt bot sich für ihn die Gelegenheit, rauszuhauen, was ihn an den Anti-Musen störte. Ich wollte es hören, ihm Widerworte geben. Ihm all das vor den Latz knallen, was ich all jenen sagen wollte, die mich arrogant ansahen, mich aber nie getraut hatte. Ich biss mir auf die Lippe, um die Worte zurückzuhalten, die mir schon auf der Zunge lagen. Noahs Blick huschte zu meinem Mund, nur für eine Sekunde. Mein Herzschlag beschleunigte sich und mir wurde auf eine ganz andere Art warm. Ich ertrug das herausfordernde Funkeln seiner Augen nicht mehr und drehte den Kopf weg.

      Lauren grinste breit, wohingegen George mit übertriebener Intensität das Etikett der Teeverpackung neben der Kanne untersuchte.

      »Sie hat es zusammen mit Mnemosyne entwickelt«, sagte Noah mit belegter Stimme. »Es handelt sich dabei um Wasser aus der Quelle Hippokrene aus der Heimat der Musen, dem Berg Helikon. Es besitzt wohl magische Eigenschaften, die durch die Symbole auf der goldenen Fassung steuerbar sind. Mithilfe des Quellwassers lässt sich ›Falsches‹ aufspüren.« Es gefiel mir nicht, wie er mich dabei ansah. Zum Glück sprang Lauren mir zur Seite.

      »Was genau bedeutet das?«

      »Es bedeutet«, mischte sich George ein, »dass wir damit in der Lage sind, Auren aufzuspüren, die sich in den falschen Welten befinden. Gib mal her.« Er nahm Noah das Ding ab und drehte an den Scheiben der Fassung.

      »Halt!« Ich streckte die Hand aus und legte sie auf die von George. Der sah überrascht auf, hielt aber in der Bewegung inne. »Können wir das vielleicht im hinteren Verkaufsraum machen? Wo uns nicht jeder von draußen aus sieht?«

      George blinzelte, als wäre ihm gar nicht aufgefallen, dass es noch andere Menschen gab außer uns. »Natürlich. Entschuldigung.«

      Lauren deutete mit dem Daumen in die Richtung des kleinen Büros hinter der Kasse. »Wenn ich es richtig verstanden habe, wird dieses Experiment den ganzen Tag in Anspruch nehmen, oder? Dann sage ich den Mädels kurz Bescheid, dass sie den Laden heute ohne mich schmeißen müssen.«

      »Experiment?«, hakte ich nach.

      »Das werden die beiden dir sicher gleich erklären. Geht schon mal vor.«

      Hinten angekommen stellte ich erfreut fest, dass sich der Tisch mit den Neuerscheinungen schon gut geleert hatte. Die neuen Bücher schienen gut zu laufen. Ob ich mir wieder den Dolch oder den Stein schnappen sollte? Nur zur Sicherheit? Wer weiß, was für ein »Experiment« sich die beiden Möchtegern-Detektive da ausgedacht hatten?

      »Wie seid ihr beide eigentlich bei der Taskforce gelandet?«, fragte ich.

      »Wir haben uns freiwillig auf einen Aufruf gemeldet«, antwortete George. »Ich war beziehungsweise bin in meinem Buch nur ein langweiliger Stubenhocker und dachte, ich ändere mal was dran. Die Worte von Tom Almon, der vor einem halben Jahr in einer fremden Geschichte gestorben ist, haben mich nachdenklich gemacht und mich dazu inspiriert, mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, soweit möglich.«

      Noah sah nicht so aus, als ob er etwas ergänzen wollte, also redete ich weiter.

      »Kanntet ihr euch vorher schon?«

      George grinste. »Nein. Aber dazu ist die Taskforce ja da. Um Brücken zwischen den Bewohnern des Litersums und der echten Welt zu bauen. Wir verstehen uns echt gut. Nur wenn man ihm seine Skittles wegisst, wird Noah ungehalten.«

      »Skittles, mhm?«, neckte ich und musste schmunzeln. »Na ja, ich würde meine Cola auch nicht mit jedem teilen, ich kann das schon verstehen.«

      Noah warf George einen selbstgefälligen Blick zu. Bevor ich ihn noch mal fragen konnte, warum er bei der Taskforce war, kam Lauren zurück.

      Sie war ganz in ihrem Element und stieß mitsamt Tablett und Tee zu uns. Sie drückte mir eine weitere volle Tasse in die Hand und flüsterte, sodass nur ich es hören konnte: »Wann hast du das letzte Mal etwas Anständiges gegessen? Du bist fürchterlich blass.«

      Ich nahm ihr die Tasse ab. »Gestern Abend im Diner«, log ich. Ehrlich gesagt erinnerte ich mich nicht. Ich sah ihr an der Nasenspitze an, dass sie mir nicht glaubte, und wollte sie beruhigen. »Sobald die halbe Boyband wieder weg ist, koche ich mir was. Versprochen.«

      Sie grunzte zufrieden. Das Loch in meinem Magen wurde noch größer. Aber nicht vor Hunger. Ihr Verhalten war dem meiner Schwester Jamie manchmal so ähnlich. Es erinnerte mich an Zeiten, die gleichzeitig schlechter und besser gewesen waren als heute. Die mich immer wieder in ein Wechselbad der Gefühle abtauchen ließen, wenn ich an sie dachte. Am Ende aber stand ich doch immer noch allein da und nichts hatte sich geändert.

      »Also«, sagte ich, »was habt ihr mit dem Ding ohne Namen und seiner geheimnisvollen Magie vor?«

      George drehte erneut an den Scheiben und stellte eine mir nicht verständliche Reihenfolge der Symbole ein. Er beobachtete Laurens Reaktion und lächelte stolz, weil sie seinen Bewegungen fasziniert folgte. Anschließend streckte er die Hand aus und balancierte das Ding auf der Innenfläche. Zunächst passierte nichts, dann kam Bewegung in die Flüssigkeit. Wie ein in Glas gebannter Sturm tobte sie in ihrem kleinen Gefängnis, schlug in Wellen gegen die Wände und schäumte. Von einer Sekunde auf die andere verfärbte sich das Wasser. Die nun indigoblaue, fast schwarze Flüssigkeit hüllte Georges Hand in Schatten. »Ich gehöre nicht in diese Welt, in dieses Universum. Und das Wasser kann es anhand meiner Aura ›spüren‹ und reagiert darauf.«

      »Wow«, hauchte Lauren und starrte mit großen Augen auf das magische Ding. »Darf ich mal?«

      George reichte den Gegenstand an Lauren weiter. Kaum lag er auf ihrer Hand, wurde das


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