Litersum - Musenfluch. Lisa Rosenbecker

Litersum - Musenfluch - Lisa Rosenbecker


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sie ab. Noah musterte mich erst skeptisch, dann aufmerksam, als er auf mich zukam. Heute trug er nur ein dunkles Langarmshirt, die Lederjacke war nirgends zu sehen. So gefiel er mir besser, irgendwie nahbarer.

      »Was machst du hier?« Er verschränkte die Arme vor der Brust.

      »Ich glaube, dass eine weitere Bloggerin verschwunden ist«, murmelte ich.

      Noahs Gesichtszüge entglitten ihm. »Wieso das?«

      »Ich habe einen Kommentar im Forum gefunden, der mir nicht geheuer ist.«

      »Komm mit«, befahl er mir.

      Ich ging um die Theke herum und folgte ihm durch das Büro. Unterwegs schnappte er sich einen Schreibtischstuhl von einem anderen Tisch und rollte ihn neben seinen eigenen. Mit der Hand wies er mich an, Platz zu nehmen.

      »Was genau ist passiert?« Er tippte ein Passwort auf die Tastatur und der Computer erwachte aus dem Ruhezustand. Nur teure Technik stand hier herum, das Neueste vom Neuesten. Oder eben das Beste, was man mit mächtiger, alter Musen- und Göttermagie zu zaubern vermochte. Wenn ich doch nur auch Dinge auf diese Weise erschaffen könnte … Fast all meine Probleme würden sich in Sekundenbruchteilen in Luft auflösen.

      »Riley?« Noah wedelte mit einer Hand vor meinem Gesicht herum und schreckte mich auf.

      »Sorry. Ich weiß nicht genau, was passiert ist. Ruf mal das Forum Literabookish auf. Und such nach Einträgen von meinem Pseudonym.«

      Noah machte sich ans Werk. Er ließ die Finger über die Tastatur fliegen und vertippte sich nicht ein Mal. Seine Hände gefielen mir …

      »Hier?« Auf dem Bildschirm prangte die braun-graue Benutzeroberfläche des Forums.

      »Ja.« Ich beugte mich ein Stück nach vorne und zeigte auf den entsprechenden Eintrag. Dabei stieg mir der Geruch von Zitrone und einem Männerdeo in die Nase. Noah roch wirklich gut. Ich räusperte mich und richtete meine Aufmerksamkeit auf den Bildschirm. Ein paar Klicks und etwas Scrollen später war der Beitrag von Bookish Wednesday zu sehen, den ich heute Morgen entdeckt hatte. Mittlerweile waren danach noch ein paar Kommentare dazugekommen. Alle hatten denselben Inhalt. Niemand hatte etwas von Anna gehört, seit sich die Wege der Bloggerinnen nach dem Termin getrennt hatten. Aber ihren Berichten zufolge war sie wieder mit in die echte Welt zurückgekehrt. Ihre Freundinnen hatten sich noch von ihr verabschiedet, sie also mit eigenen Augen gesehen.

      »Und du hast keine Ahnung, was danach passiert sein könnte?«, wollte Noah von mir wissen. Er fuhr sich mit den Fingern durch die Haare und musterte mich aufmerksam.

      »Nein.«

      »Du siehst aber ein, dass das kein gutes Licht auf dich wirft, oder? Drei illegale Abstecher ins Litersum, drei Mal verschwindet kurz darauf eine junge Frau.«

      »Ich mag eine Regelbrecherin sein, aber dumm oder ignorant bin ich nicht«, erwiderte ich. Ich war mir der prekären Lage durchaus bewusst, das ungute Gefühl im Magen war ein eindeutiges Indiz dafür.

      Noahs Blick ruhte auf mir, er fuhr jeden Zentimeter meines Gesichtes nach, als wollte er sich jeden Zug, jede Sommersprosse merken und alle meine Reaktionen genauestens unter die Lupe nehmen. Ich richtete mich auf, da mir seine ungeteilte Aufmerksamkeit unangenehm war. Er räusperte sich.

      »Ist dir während eures Aufenthaltes dort etwas Verdächtiges aufgefallen? Hat dieses Mädchen mit einem der Charaktere geredet? Hat sie etwas mitgehen lassen?«

      »Soweit ich das beurteilen kann, hat sie sich nicht anders verhalten als der Rest der Gruppe. Ich kann mich nicht an sie direkt erinnern, aber mir ist niemand negativ aufgefallen. Keiner hat nervös gewirkt oder wollte besonders schnell wieder gehen.«

      »Und da bist du dir zu einhundert Prozent sicher?« Noah legte den Kopf schief. In seiner Frage schwang ein Hauch Skepsis mit, über den auch sein einfühlsamer Blick nicht hinwegtäuschen konnte.

      Noch nie hatte ich an meinen Beobachtungen gezweifelt. Ich hatte mich immer für einen aufmerksamen Menschen gehalten. Zumindest bisher. Aber was, wenn die langen Tage und Nächte nun ihren Tribut forderten und mich nachlässig machten? Bröckelte meine Zuverlässigkeit?

      Ich schwieg und das war Antwort genug. Noah presste die Lippen aufeinander und seine Kiefermuskeln zuckten. Ich schluckte schwer. »Es tut mir leid. Ich kann mir das wirklich nicht erklären«, schob ich hinterher.

      Er drehte den Kopf zu mir, ich wich seinem Blick aus. Dass er mir nicht glaubte, wusste ich auch so. Ein paar Sekunden war es still zwischen uns und ich traute mich nicht, noch etwas zu sagen. Als ich gerade aufstehen und gehen wollte, meldete sich Noah zu Wort.

      »Wieso bringst du überhaupt Menschen in das Litersum, wo es doch verboten ist?«, fragte er und wandte sich wieder dem Forum zu.

      »Weil ich das Geld brauche.«

      »Kannst du dir nicht einen richtigen Job suchen?«

      »Mensch, dass ich da nicht von selbst draufgekommen bin«, pampte ich zurück. »Ich gebe meine anderen drei Jobs einfach ganz schnell auf und lüge mir eine Ausbildung zusammen, dann ist das bestimmt ein Klacks.«

      Noah hielt im Scrollen inne und musterte mich von der Seite. Als ich seinen Blick erneut auf mir spürte, stieg mir vor Scham Hitze in die Wangen. Er wusste es ja nicht besser, ich hätte ihn nicht so anfahren dürfen.

      »Tu…«

      »Tut mir leid«, sagte er, bevor ich es konnte. »Ich … Das geht mich nichts an.«

      Ich senkte den Kopf, noch immer unfähig, ihm in die Augen zu sehen.

      Noah rief den Blog des verschwundenen Mädchens Anna auf. »Ich möchte mich auch für mein Verhalten in der Buchhandlung entschuldigen, als ich meine schlechte Laune an dir ausgelassen habe. Das war falsch.«

      Ich nickte langsam. Das hätte ich nicht erwartet. Noah tippte etwas ein und rief eine Seite auf der Homepage auf. Er notierte sich ihre Adresse aus dem Impressum und fand ein aktuelles Selfie von ihr. »Ist sie das?«

      »Ja.« Strahlend blaue Augen blickten uns entgegen. Ihr Lächeln war ansteckend. Mein Magen zog sich zusammen und ich packte die Armlehnen des Schreibtischstuhls fester. Warum nur war sie verschwunden? Und hatte ich etwas damit zu tun? Brummend spuckte der Drucker das Foto des Mädchens ein paar Mal aus und Noah überreichte mir eine Kopie.

      »Damit werden wir rumgehen und uns erkundigen, ob jemand sie gesehen hat«, erklärte Noah.

      »Okay.« Das war es dann wohl. Mehr konnte ich nicht tun. Oder? Ein Blick auf die Uhr und mein schlechtes Gewissen verdreifachte sich. Ich würde so verdammt viel zu spät kommen. Seufzend sackte ich im Stuhl zusammen, wollte nur noch einen Moment durchatmen, bevor ich mich wieder der echten Welt stellte. Hoffentlich vergaß Clint nicht, dass ich sonst … Moment. Das Gedächtnis. Ich richtete mich auf. »Wieso bitten wir Mnemosyne nicht um Hilfe? Sie könnte in den Erinnerungen der verschwundenen und dann wieder aufgetauchten Mädchen lesen und rausfinden, was ihnen passiert ist, oder?«

      Noahs Augen blitzten auf. Eine Hand ans Kinn gelegt, lehnte er sich in seinem Stuhl zurück. »Keine schlechte Idee. Im Fall von Malou hat sie auch die Erinnerungen der Londoner Polizei manipuliert. Vielleicht kann sie …«

      »Nein«, schaltete sich eine weitere Stimme ein. George trat an den Tisch. Er lächelte mir freundlich zu, als wäre es total normal, dass ich hier war. »Eine schöne Idee, aber nicht umsetzbar. Mnemosyne ist aktuell nicht in der Lage, das zu tun. Außerdem ist diese Taskforce gegründet worden, um ihr Arbeit abzunehmen, nicht, um ihr noch mehr zu beschaffen.«

      »Was hindert sie daran?«, hakte ich nach.

      George lehnte sich an den Schreibtisch und verschränkte die Arme. »Jede Magie hat ihren Preis, auch die einer fiktiven Göttin. Sie hat sich mit dem Bau der Taskforce, dem Ausbau des Knotenpunktes sowie der Zwischenweltsbibliotheken und der Akademie verausgabt und muss in ihrer Welt erst wieder zu Kräften kommen. Es wird noch eine Weile dauern, bis sie Magie wirken kann. Solange sind wir dran.« Er lächelte stolz. »Was machst du eigentlich hier, Riley?«

      Ich


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