Litersum - Musenfluch. Lisa Rosenbecker
steht an und die hier will ich an die Kunden weitergeben.« Sie zog etwas aus dem Karton. Es war ein Teebeutel, auf dessen Verpackung das Logo des Ladens prangte.
»Die sind echt hübsch.«
»Ich habe noch Lesezeichen und werde Kekse backen. Kam das letzte Mal echt gut an.«
»Planst du auch wieder ein kleines Event?«
»Ja. Darum muss ich mich noch kümmern. Du könntest nicht zufällig ein paar echte Buchcharaktere für den Abend organisieren?« Ihre Augen blitzten hoffnungsvoll auf.
Ich hob eine Augenbraue. »Du weißt, dass sie es nicht länger als ein paar Stunden in unserer Welt aushalten, bevor sie wortwörtlich und ohne Vorankündigung ins Litersum zurückgezogen werden. Erkläre das mal deinen Kunden, wenn sie auf einmal mitten in der Veranstaltung verpuffen. Außerdem ist es für sie momentan superschwer, eine Genehmigung für einen Ausflug in unsere Welt zu bekommen. Und ich werde niemanden ohne eine solche herbringen, das ist noch illegaler, als Menschen ins Litersum mitzunehmen … glaube ich zumindest. Ich weiß nicht mal, ob das überhaupt geht.«
»Hm. Schade. Aber hättest du nicht Lust, einen Charakter zu spielen? Ich gebe dir, wenn möglich, auch eine Rolle, in der du nichts anderes tun musst, als dazustehen und die Leute böse anzufunkeln. Plus etwas Hübsches zum Anziehen.«
»Das könnte mir gefallen«, sagte ich und grinste.
Lauren tippte sich mit dem Zeigefinger an den Kopf. »Das dachte ich mir. Also bist du dabei? Es ist nächsten Mittwoch, von nachmittags bis spätabends. Essen und Trinken geht natürlich auf mich. Und du darfst dir fünf Bücher aussuchen, die ich dir schenke.«
Mit anderen Worten: ein unbezahlter Tag voll Arbeit. Dafür aber Verpflegung. Und Bücher, die ich nicht würde lesen können. Laurens Blick war flehend. Ich schluckte.
»Kommt drauf an, wie ich im Heartbreak Hotel eingeteilt bin. Ich gebe dir schnellstmöglich Bescheid, ja?«
»Supi. Das Kostüm müssten wir dann noch anpassen, aber …«
Die Klingel über der Eingangstür des Ladens läutete – was unmöglich war, da sie verschlossen war. Lauren blinzelte. »Habe ich vergessen abzuschließen?«
»Nein. Ich stand neben dir.«
Wir sahen uns einen Herzschlag lang an. Ich warf den Teebeutel zurück in die Kiste und ging zur Tür des Lagers. Von hier konnte man nicht in den vorderen Verkaufsraum sehen, aber eventuell etwas hören. Tatsächlich. Schritte und Gemurmel. Jemand war in den Laden eingebrochen! Und wir hatten die Jacken samt Handys vorne liegen lassen. Verdammt.
Lautlos deutete ich Lauren mit dem Kopf an, mir zu folgen. Sie hatte noch immer das Teppichmesser in der Hand. Wir huschten in den hinteren Verkaufsraum. Mein Blick fiel auf den Tisch, den wir gestern Abend zusammen bestückt hatten. Ich schnappte mir den Dolch aus Plastik und den roségolden besprühten Stein. Er war schön schwer und würde sicherlich wehtun, wenn er auf einen Schädel traf. Der Dolch würde mir im schlimmsten Fall nicht helfen, aber zur Abschreckung sollte er reichen. Lauren musterte meine Auswahl kritisch, vor allem den Stein. Vermutlich hatte er einiges gekostet, so schön, wie er aussah. Aber Sicherheit war mir gerade wichtiger.
Schritt für Schritt gingen wir zum Hauptraum, meine Hände wurden feucht und ich drückte meine Finger fester zusammen. Wir schlichen um die Ecke in den vorderen Teil des Ladens.
Zwei Männer standen dort und sahen sich um, als wäre es das Normalste der Welt.
»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte Lauren mit zitternder Stimme, bevor ich sie davon abhalten konnte. Ich blieb dicht neben ihr, ließ die Eindringlinge nicht aus den Augen. Meine Muskeln brannten vor Anspannung und mein Herz raste.
Die Männer drehten sich zu uns um, seelenruhig. Ich war überrascht darüber, wie jung sie wirkten, höchstens Anfang zwanzig, genau wie ich. Sie trugen schwarze Lederjacken über dunkelgrauen Shirts sowie schwarze Hosen ‒ wie eine halbe Boyband mit Dresscode. Jung, gut gebaut und der identische Klamottenstil machte sie auf den ersten Blick nicht unterscheidbar. Unerklärlicherweise richtete sich meine Aufmerksamkeit auf den Rechten der beiden. Irgendwas an seiner Ausstrahlung zog mich an. Seine dunklen Haare und der leichte Bartschatten standen in starkem Kontrast zu seinen strahlenden Augen – die mich interessiert musterten.
Es fröstelte mich, als mir dämmerte, dass wir sie niemals überwältigen könnten, da sie uns kräftemäßig weit überlegen waren. Ich schluckte schwer und packte meine provisorischen Waffen fester. Mein Blick huschte umher und blieb an dem Gesicht des linken Mannes mit den dunkelblonden Haaren hängen. Irgendetwas stimmte daran nicht. Er riss die Augen auf, trat einen Schritt zurück und hob die Hände.
»Entschuldigung, dass wir einfach so hereinplatzen. Wir wollten euch nicht erschrecken.«
Lauren schnaubte. »Wie seid ihr hier reingekommen?«
»Durch die Tür«, erwiderte der Mann ruhig. Unwillkürlich machte ich einen Schritt auf ihn zu. Er legte den Kopf schief, als ich sein Gesicht musterte. Die Augen. Hellbraun, funkelnd – aber einen Tick zu leblos. Ich entspannte mich und ließ die Hände sinken.
»Du bist ein Buchcharakter.« Meine Stimme war kratzig und ich räusperte mich.
Er lächelte mich an. »Richtig. Und ich – wir – sind in einem offiziellen Auftrag hier.« Langsam senkte er einen Arm und griff sich in die linke Jackentasche. Lauren und ich wichen gleichzeitig einen Schritt zurück. Er zog eine Marke ähnlich der eines Detectives aus der Tasche. Auf dem goldenen Material war ein mir bekanntes Logo eingraviert. Lauren warf mir einen unsicheren Blick zu. Ich nickte nur kurz und auch sie entspannte sich.
»Ihr seid von der Taskforce.«
»Richtig. Wir sind hier, weil wir ein paar Fragen an Riley Bell haben. Ich nehme an, das bist du?« Er steckte die Marke wieder ein und deutete mit dem Kinn auf mich. Ich nickte. Mein Puls wurde schneller. Jetzt hatten sie mich also erwischt.
»Möchte jemand einen Tee?«, fragte Lauren plötzlich und legte mir eine Hand auf den Arm. Ich entspannte mich etwas, aber ein ungutes Grummeln in meinem Magen blieb.
»Sehr gern«, antwortete der Mann.
»Gib mir die Deko, Riley. Bin gleich wieder da.«
Ich presste die Lippen aufeinander und händigte Lauren den Dolch und den Stein aus. Der Schweiß in meinen Händen hatte die Farbe des Steins angegriffen, sie klebte nun zum Teil an meinen Fingern und die blanken silbrigen Mosaiksteinchen kamen darunter zum Vorschein. Lauren zog missmutig die Brauen zusammen, sagte aber nichts. Ohne die provisorischen Waffen fühlte ich mich schutzlos. Ich verschränkte die Arme vor der Brust.
»Verratet ihr mir auch eure Namen?«, presste ich schließlich hervor.
Der Buchcharakter lächelte. »Mein Name ist George Farley, das hier ist mein Kollege Noah Carver.« Ich sah dem jungen Mann ins Gesicht, der die ganze Zeit still neben seinem Kollegen gestanden hatte. Seine grün-braunen Augen waren die eines Menschen. Und wunderschön. Voller Leben und heller Sprenkel, die im Licht schimmerten. Ich konnte nicht wegsehen, war wie gebannt davon. Sie passten nicht so recht zu seinem leicht gequälten Gesichtsausdruck. Er war attraktiv, nur leider erkannte man in dem Moment nicht viel davon, weil er so verkniffen dreinblickte.
»Kennen wir uns?«, fragte er mit tiefer Stimme und holte mich damit aus meiner Trance. Ups.
»Nicht dass ich wüsste.« An diese Augen würde ich mich erinnern. Ganz bestimmt. »Was bist du?«
»Erfinder«, antwortete er. So also sah einer von ihnen aus. Ein Bureal-Kind mit der Gabe, Ideen zu erschaffen und sie an die guten Musen weiterzugeben, die sie dann wiederum mit einem Kuss an Autoren verschenkten. Ich hatte sie mir anders vorgestellt. Irgendwie verschroben … Dieser Noah wirkte … ganz normal. Bis auf den Gesichtsausdruck, der den Anschein erweckte, als hätte er Schmerzen. Die dunkelbraunen Haare hingen ihm leicht zerzaust in die Stirn, der einzige Punkt, in dem er mit meinem Bild eines Erfinders übereinstimmte.
Gut, dass du keine Vorurteile hast, Riley,