Litersum - Musenfluch. Lisa Rosenbecker

Litersum - Musenfluch - Lisa Rosenbecker


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      Mit einem Zucken fuhr ich aus dem Schlaf hoch. Meine Augen brannten noch schlimmer, in meinem Hals steckte ein dicker Kloß. Ich befeuchtete meine Lippen, die sich ganz trocken anfühlten. Verdammt, wie spät war es? Ich strich mit den Fingern über das Touchpad des Laptops und er leuchtete auf. Es blieben mir zwanzig Minuten, um mich für die Arbeit im Diner fertig zu machen. Gerade noch genug Zeit.

      Rechts unten am Bildschirm blinkte eine Benachrichtigung. Jemand hatte einen neuen Kommentar unter meinem Beitrag im Forum gepostet. Ich klickte darauf und das Browserfenster öffnete sich. Der Eintrag stammte von einer der Teilnehmerinnen gestern und bezog sich auf ihre Freundin, die ebenfalls mit in Rivers Welt gewesen war.

      Mir stockte der Atem.

      Bookish Wednesday: Hat jemand seit heute Morgen was von Anna von Your & My Books gehört? Wir waren zum Frühstück verabredet, aber sie ist nicht aufgetaucht. Sie ist nicht zu Hause, geht nicht an ihr Handy und reagiert nicht auf Nachrichten. Mache mir Sorgen, denn das ist nicht ihre Art.

      Nein.

      Das musste ein schlechter Scherz sein.

      Mein Herz drohte mir aus der Brust zu springen. Konnte es sein … war noch eine der Bloggerinnen verschwunden? Ich klappte den Laptop zu. Meine Hände verkrampften sich zu Fäusten. Wenn die Mädchen nach dem Ausflug in das Litersum verschwanden, war das nicht meine Sorge. Sie alle waren erwachsen und für sich selbst verantwortlich. Ich hatte nichts damit zu tun. Es war nicht meine Aufgabe, mich darum zu kümmern.

      Ich erhob mich, schnappte mir eine Cola und trank sie auf dem Weg ins Bad leer. Eine schnelle Dusche würde meine schmerzenden Muskeln lockern und mich auf andere Gedanken bringen.

      Falsch gedacht. Der Kommentar ging mir noch immer nicht aus dem Kopf, als ich umgezogen und für die Arbeit fertig in meiner Wohnung stand. Das würde sicher eine total entspannte Schicht im Diner werden.

      Ich band meine Schuhe zu, schnappte mir den Hausschlüssel und öffnete die Tür.

      Im Zurücklassen war deine Familie schon immer gut, flüsterte mir eine innere Stimme zu. Meine Stimme. Die einer jüngeren Version von mir. Ich hielt inne. Wenn ich jetzt einfach weitermachte, mich nicht für das Schicksal der jungen Frau interessierte, war ich nicht besser als meine Schwester Jamie. Auch sie war gegangen, ohne sich umzudrehen. Hatte die Verantwortung für mich abgestreift und mich allein bei unserer Rabenmutter gelassen. Das würde ich ihr nie verzeihen. Und mir? Würde ich mir vergeben, wenn ich mich nun genauso verhielt wie sie?

      Und wenn es die Taskforce herausfand, würden sie früher oder später wieder vor meiner Tür stehen, und wie ich mich dann guten Gewissens rausreden sollte … Georges Warnung klingelte mir in den Ohren. Besser, ich kam ihnen zuvor.

      Ich schloss die Tür und setzte mich an den Laptop zurück. Erneut scrollte ich mich durch die Kommentare. Niemand hatte etwas von der Bloggerin gehört, sie war nach wie vor verschwunden. Würde sie wie die anderen im Litersum auftauchen? Aber wie war das möglich? Egal warum, es war Eile angesagt. Denn wenn es ihr erging wie den anderen, würde man sie ohne Gedächtnis wiederfinden. Vielleicht konnte man das verhindern, wenn man sie früher in die echte Welt zurückholte.

      Stöhnend dachte ich an den nächsten notwendigen Schritt. Der Gang zu Noah Carver und George Farley war unausweichlich. Blieb nur zu hoffen, dass sie mich nicht direkt vor Ort verhaften würden … sofern sie die Befugnis dazu hatten. Ich würde ohnehin zu spät zu meiner Schicht im Diner kommen, aber lieber so als gar nicht. Oder sollte ich erst danach zu ihnen gehen? Nein, dann konnte es für das Mädchen schon zu spät sein.

      Ich wählte die Nummer des Diners. Nach zweimaligem Klingeln nahm jemand ab.

      »Heartbreak Hotel Diner, Sophia am Apparat, wie kann ich Ihnen helfen?«

      »Hey, hier ist Riley. Ich verspäte mich etwas. Kannst du mich bei Clint entschuldigen? Ich komme nach, so schnell ich kann.« Stille am anderen Ende. Dann ein Rascheln und endlich wieder Sophias Stimme.

      »Geht es dir nicht gut, Riley? Du bist nie zu spät.«

      »Es ist alles in Ordnung. Ich muss nur noch schnell etwas wirklich Wichtiges erledigen.«

      »Okay. Aber beeil dich. Clint ist heute nicht gut drauf. Und es sind viele Gäste da.«

      »Geht klar. Danke!«

      Ein ungutes Gefühl breitete sich in meinem Magen aus. Aber ich wusste, ich würde keine Ruhe finden, wenn ich jetzt zur Arbeit ging. Eins nach dem anderen. Mit einer frischen Dose Cola bewaffnet machte ich mich auf den Weg zum Knotenpunkt.

      Kapitel Drei

      Die Schönheit des Knotenpunkts war wie immer atemberaubend. Das Kommen und Gehen der Charaktere, das Auf- und Zuschlagen der Türen, gepaart mit dem Geruch von Papier und den schillernden Farben der unzähligen Buchläden, kreierten eine Atmosphäre des Aufbruchs, aber auch des Heimkehrens. Alles hier war stets im Wandel wie das Litersum selbst und doch beständig. Im letzten halben Jahr hatte sich einiges verändert. Mnemosyne hatte als Reaktion auf die Vorkommnisse in der Buchwelt Stage of Death Magie angewandt und dem Litersum eine Art Upgrade verpasst sowie das Gebäude der Taskforce erschaffen und die Akademie ausgebaut. Aber nicht nur das: Jede Magie, die außerhalb ihrer Heimat-Buchwelt ausgeübt wurde, verschob das Gleichgewicht im Litersum ein wenig und sorgte für Veränderungen, wenn es sich wieder einpendelte. Zu viel, und es würde unwiderruflich kippen. Deswegen war das Wirken von Zaubern abseits ihrer Geschichten allen Charakteren verboten oder nur unter Auflagen möglich. Mnemosyne selbst hatte bewusst dagegen verstoßen und es blieb abzuwarten, welche Folgen ihr Handeln haben würde. Von alldem bekam ich abseits der Erzählungen beim Stammtisch nichts mit, weil es mein restliches Leben kaum tangierte.

      Doch jedes Mal, wenn ich mich in den riesigen Hallen wiederfand, erhaschte ich einen Eindruck davon, wie groß und unbegreiflich diese magische Welt, dieses Universum war. Im Vergleich dazu war ich nur ein unbedeutender Wimpernschlag. Ich lockerte die Schultern und suchte das Gebäude der Taskforce. Wie angekündigt, befand sich der Hauptsitz direkt neben der Agentur. Der gotische Bau, dessen Fassade an eine Kirche erinnerte, wirkte alt und so, als hätte er schon immer an genau dieser Stelle gestanden. Aber er war ganz neu, eine Kreation von Mnemosyne und ihren Töchtern, den Musen, die innerhalb der Grenzen des Litersums Neues zu erschaffen vermochten.

      Sogar den Geruch nach altem, nassem Stein hatten sie imitiert. Er zog mir in die Nase, als ich die scheinbar in die Jahre gekommene Holztür öffnete und das Foyer betrat. Das Innere mutete auf den ersten Blick ebenfalls wie eine Kirche an. Unter den gebogenen hohen Decken beherbergte das Gebäude allerdings ein modernes Großraumbüro, das vom vorderen Teil lediglich durch einen Wartebereich und eine Theke getrennt wurde. Sanft leuchtende Lampen hingen an endlos scheinenden Kabeln von der Decke herunter und erhellten die Tische aus dunklem Holz und den Boden aus poliertem Marmor. Ein paar Umzugskartons standen hier und da herum, Zeugen des jungen Alters der Einrichtung. In der Luft lag der Duft von Kaffee, altem Gemäuer und Leder. Im Gegensatz zur Haupthalle herrschte hier eine angenehme Ruhe. Nur vereinzelt saßen Frauen und Männer an den Tischen oder räumten Kisten aus.

      Ich trat an den Empfang und nur wenige Augenblicke später kam eine junge Frau zu mir herüber. Sie fasste sich die blonden Haare im Gehen zu einem Zopf zusammen und zupfte ihr Shirt zurecht.

      »Hallo. Wie kann ich Ihnen helfen?« Ihren Augen nach zu urteilen, war sie ein Buchcharakter. Sie lehnte die Arme locker auf den Tisch, das Leder ihrer schwarzen Jacke knarzte.

      »Hi. Ich bin auf der Suche nach Noah Carver und George Farley. Sie meinten, ich solle mich melden, wenn ich noch Hinweise zu einem Fall habe.«

      »Kleinen Moment.« Die Frau stieß sich vom Tresen ab und ging zum hinteren Ende des Raumes. An einem der Arbeitsplätze verharrte sie. Ihre Worte waren nicht zu verstehen, doch wenig später tauchte ein Kopf unter dem Schreibtisch hervor. Dem dunkelbraunen Haarschopf nach zu urteilen,


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