Litersum - Musenfluch. Lisa Rosenbecker

Litersum - Musenfluch - Lisa Rosenbecker


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setzte George Farley mit einem kurzen Blick zu Noah hinzu, »würden wir uns gern mit dir unterhalten, Riley.«

      »Schießt los.« Ich verlagerte mein Gewicht von einem Bein aufs andere. Meine Muskeln schrien: Lauf weg! Und doch bewegte ich mich keinen Zentimeter.

      Noah griff in seine Jackentasche. Er zog einen Frischhaltebeutel heraus und hielt ihn mir hin. »Die gehört zu dir, oder?«

      Zögernd streckte ich meine Finger nach dem Beutel aus und nahm ihn entgegen. Schöne Hände, schoss es mir durch den Kopf, als wir uns kurz berührten.

      Es war kein Frischhaltebeutel, sondern eine Beweismitteltüte. Darin steckte eine beschriftete weiße Karteikarte. Ich strich das Plastik glatt, um die Wörter entziffern zu können. Hitze stieg mir ins Gesicht, als die Buchstaben vor meinen Augen sichtbar wurden. Mein Vorname. Mein Pseudonym im Internet. Ein Hinweis auf die Pop-up-Buchwelten und die Adresse von Books by Bea. Schwarz auf weiß, mit Kugelschreiber in einer schönen Handschrift. Mit Bleistift war daneben in einer anderen Schrift ein Datum gekritzelt, es handelte sich um den Termin eines vergangenen Besuches im Litersum.

      »Woher habt ihr die?«

      »Kommt sie nicht von dir?«, fragte Noah.

      »Nein. Ich habe diese Karte noch nie gesehen.«

      Die beiden Männer warfen sich einen vielsagenden Blick zu.

      »Ich schwöre, dass sie nicht von mir kommt, auch wenn mein Name darauf steht.« Das entsprach der Wahrheit. Aber natürlich verstand ich, wieso das schwer zu glauben war.

      »Die Angaben sind korrekt, oder?«

      Ich ballte die Hände zu Fäusten. Lügen war zwecklos. »Ja.«

      Erneut griff Noah in seine Jackentasche. Was hatte er da noch alles drin? Dieses Mal kam ein Foto zum Vorschein. Nein, zwei.

      »Kennst du diese jungen Frauen?« Ich gab ihm den Beweismittelbeutel im Austausch für die Bilder und er steckte ihn wieder ein. Die beiden jungen Frauen waren ungefähr in meinem Alter. Sie lächelten mit jeder Menge Bücher in den Armen, die sie in die Kamera hielten. Mein Magen zog sich zusammen und ich presste die Lippen aufeinander. Die Gesichter kamen mir vage bekannt vor und ihre T-Shirts mit den Logos und die Nicknamen bestätigten meinen Verdacht, dass ich den beiden schon begegnet war. Ich schluckte schwer. Noah versteifte sich, seine Stimme war rau, als er sagte: »Ich werte das als ein Ja.«

      »Ich habe sie schon mal getroffen.«

      Wieder wechselten die Männer einen Blick. Die Rettung erreichte mich in Gestalt von Lauren, die Tee und Kekse brachte. Sie setzte ein Tablett auf einem Stapel Bücher neben uns ab und schenkte ein paar Tassen ein. George nahm eine davon, Noah lehnte ab. Auch ich wollte nichts, meine Hände zitterten zu sehr. Lauren schnappte sich selbst einen Becher und stellte sich ganz entspannt neben uns. Sie griff nach einem ihrer selbst gemachten Schokokekse, für die ich normalerweise alles stehen und liegen ließ, aber gerade wurde mir allein von dem Geruch schlecht.

      »Worum geht es denn?«, erkundigte sich Lauren.

      Noah warf mir einen fragenden Blick zu.

      »Sie weiß Bescheid. Redet ruhig weiter«, erklärte ich.

      Seine Miene war ausdruckslos, als er fortfuhr, doch der missbilligende Unterton in seiner Stimme entging mir nicht. »Das sind Isabel Rubens und Emily White. Sie sind ganz normale Menschen aus der echten Welt. Die beiden waren für jeweils knapp vierundzwanzig Stunden verschwunden, ehe sie in der Londoner ZwiBi gefunden wurden. Isabel vor drei Wochen, Emily vor drei Tagen. Beide waren verwirrt und erinnerten sich nicht daran, wer sie sind oder wie sie in das Litersum kamen. Geschweige denn, dass sie überhaupt wussten, was das Litersum ist. Bei Emily haben wir gestern diese Visitenkarte gefunden. Du hast die beiden – und andere – in das Litersum geführt, oder?«

      »Dreizehn gehen rein, dreizehn wieder raus«, sagte ich.

      »Wie bitte?«, mischte sich George ein.

      »Es stimmt. Ich habe die beiden und andere Menschen in das Litersum mitgenommen. Aber ich habe ihnen und auch mir klare Regeln und Grenzen gesetzt. Eine davon lautet: Ich achte darauf, dass alle, die mit reingekommen sind, auch wieder mit rausgehen. Keiner mehr und keiner weniger. Es sind immer dreizehn Leute, die ich mitnehme. Und bisher habe ich auch immer alle wieder mit heraus­genommen. Wenn diese beiden also im Litersum gestrandet sind, dann nicht meinetwegen.«

      »Du gibst also zu, dass du mit diesen angeblichen Pop-up-Welten diverse Regeln gebrochen hast.« George legte den Kopf schief.

      Ich straffte die Schultern und antwortete: »Ja.« Noahs Blick huschte zu Lauren. »Sie hatte keine Ahnung«, warf ich ein. »Ja, sie weiß, dass ich eine Anti-Muse bin und was ihr seid. Aber sie hat nichts mit den Übertritten in das Litersum zu tun.« Den letzten Satz sagte ich direkt an Lauren gewandt. Sie sollte ja nicht auf die Idee kommen, etwas anderes zu behaupten. Ich würde sie nicht in meinen Mist hineinziehen. Sie presste die Lippen zusammen und sah mich entschuldigend an.

      »Das Einweihen von Menschen in die Belange des Litersums ist verboten«, erwiderte George und trank genüsslich einen Schluck Tee. Seine Augen blitzten herausfordernd auf.

      »Dessen bin ich mir durchaus bewusst.«

      Seelenruhig setzte er die Tasse wieder auf dem kleinen Tellerchen ab. Noah wartete still, seine Hände hatte er in die Hosentaschen gesteckt. Gab es zwischen den beiden eine Hierarchie? Angespannte Stille breitete sich aus. Ich konnte mein Blut in den Ohren rauschen hören.

      »Keks?«, fragte Lauren und hielt den Teller mit dem Gebäck hoch. Die Männer lehnten ab und George räusperte sich.

      »Die jungen Frauen sind erst ein paar Tage nach den offiziell von dir durchgeführten Übertritten verschwunden und im Litersum aufgefunden worden. Was glaubst du, wie sie nach deinen Terminen dort gelandet sind? Gab es noch weitere Besuche, von denen wir nichts wissen? Hast du sie noch einmal in die Welt geführt und dort vergessen?«

      »Ich hätte sie unter keinen Umständen zurückgelassen. Das schwöre ich. Ich kann mir nicht erklären, wie die beiden danach ins Litersum gekommen sind, es gab keine weiteren Besuche, bei denen sie dabei waren«, sagte ich mit leicht zitternder Stimme. »Wie geht es ihnen jetzt?«

      Noah hob den Kopf. »Interessiert dich das wirklich?«

      Ich biss mir auf die Lippe. Lauren griff nach meinem Arm und ich entspannte mich wieder. »Natürlich tut es das«, gab ich zwischen zusammengepressten Zähnen zurück. »Ist das so schwer zu glauben?«

      »Bei einer Anti-Muse? Ja, das ist es.« Noah reckte das Kinn und schaute mich mit altbekannter Arroganz an. So sahen die meisten Buchcharaktere auf mich herab. So sahen die Musen auf uns herab. All jene, die glaubten, sie wären besser als wir, nur weil sie in einer schicken Akademie lebten, zu der wir anderen noch keinen Zugang hatten. Dabei hatten wir an unserer Gabe genauso wenig Anteil wie sie. Wir erfüllten auch nur unsere von der Agentur übertragenen Aufgaben. Dass bei den Anti-Musen mehr dahintersteckte als nur das Auslöschen von Ideen, wusste ich selbst erst seit Kurzem. Wir konnten Ideen mithilfe der Wandler verändern, sogar verbessern und zurückgeben, doch das schien noch nicht überall angekommen zu sein. Es würde noch dauern, bis die Vorurteile abgebaut wurden und wir vielleicht wieder mit den Wandlern zusammenarbeiteten … Falls es überhaupt so weit kam. In den letzten Monaten hatte es mehrere Treffen mit Anti-Musen aus England gegeben, eine Art Stammtisch, bei dem wir uns austauschten. Dort hatten wir unsere Erfahrungen geteilt und sie waren in der Hinsicht nahezu identisch. Wir waren uns auch einig, dass sich das ändern musste. Dazu brauchte es allerdings auch Geduld von unserer Seite.

      »Wie geht es ihnen?«, wiederholte ich mit Nachdruck.

      Noah erwiderte meinen Blick mit unverhohlenem Missfallen. Seine Augen, die vor wenigen Momenten noch Wärme ausgestrahlt hatten, wirkten kalt. Leider waren sie trotzdem wunderschön.

      »Den Umständen entsprechend. Sie erinnern sich noch immer an nichts. Aber das könnte sich ändern«, sagte er und es klang wie eine Drohung.

      Ich schluckte meine Wut herunter,


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