Litersum - Musenfluch. Lisa Rosenbecker

Litersum - Musenfluch - Lisa Rosenbecker


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unbedingt auf einer Wellenlänge.

      Eine Woche hatte ich nun Zeit, den angehenden Autor oder die Autorin zu küssen und eine Idee auszulöschen. Hoffentlich wohnte er oder sie nicht so weit weg oder in der Nähe einer Buchhandlung und ich bekam es ohne Probleme in meinem Terminplan unter.

      Der zweite Brief steckte in einem Umschlag aus dickem creme­weißen Papier. Meine Adresse war in dicken Lettern aufgedruckt, oben rechts prangte ein weiß-goldenes Logo, das mir nichts sagte. Keine Briefmarke, kein Absender. Merkwürdig. Ich riss den Umschlag auf und zog den gefalteten Bogen heraus.

      Es war eine Einladung für die an die Musenagentur gekoppelte Akademie, die im Sommersemester des nächsten Jahres für alle Bureal-­Kinder ihre Pforten öffnen würde. Bisher waren nur die Erfinder und die Musen dort ausgebildet worden, in Zukunft sollten auch alle anderen dort aufgenommen werden. Man würde uns nicht nur bei den Aufträgen unterstützen, sondern uns auch die Geschichte des Litersums lehren sowie Inhalte, die uns in der echten Welt voranbrachten. So zumindest hieß es in dem Schreiben. Um uns einen Eindruck von den Angeboten zu verschaffen, würden wir bereits im bevorstehenden Wintersemester Schnupper- und Orientierungskurse belegen können, bevor wir uns dann für unseren weiteren Weg entschieden. Neben der Akademie oder der Rückkehr zu seinem »alten« Leben gab es auch noch andere Optionen.

      Die Bureal-Kinder nutzten ihre Gaben, bis sie dreißig wurden, dann verebbte die Magie, nur die Fähigkeit zum Wandeln durch die Welten blieb bestehen. Die meisten von ihnen nahmen bereits davor oder danach normale Jobs an und suchten das Litersum später nur noch privat auf. Durch das so entstandene Netzwerk der älteren Bureal-Kinder konnten die neuen Generationen quasi überall auf der Welt einen Job finden, auch schon weit vor der dreißig. Egal in welcher Branche. Vorausgesetzt, man eignete sich dafür und besaß die entsprechenden Kompetenzen. Fürs Faulenzen wurde man nicht belohnt. Auch ich hätte möglicherweise von diesen Kontakten profitieren können, doch das stand für mich außer Frage. Ich wollte mich nicht auf andere verlassen. Ich wollte mit meinen eigenen Fähigkeiten, meinen eigenen Qualitäten – so karg sie auch sein mochten – überzeugen und mich aus eigener Kraft um mich kümmern. Und bei einem Job, den ich schlussendlich nur über das berühmte Vitamin B bekommen hätte, wäre das nicht der Fall. Damit würde ich mich nicht gut fühlen und das war es mir nicht wert. Zumal ich bezweifelte, dass mein Werdegang für irgendetwas ausgereicht hätte.

      Ich las mir das Schreiben zwei Mal durch. Dort stand, dass der Besuch der Akademie angeblich nichts kostete, aber nichts darüber, wie lange eine Ausbildung dauerte. Es wurde auf eine Infoveran­staltung verwiesen, die in einem Monat stattfinden sollte. Dort werde man alle weiteren Fragen beantworten und genauer auf die Pläne für die Zukunft eingehen. Man freue sich auf uns und werde sich um uns kümmern.

      Ich faltete den Brief zusammen und ging zur Küchenzeile. Die Post legte ich auf dem Tisch ab. Aus dem Kühlschrank holte ich mir eine Dose Cola, öffnete sie und trank einen Schluck. An die schmale Theke gelehnt betrachtete ich die Einladung.

      Es waren viele Versprechungen, die sie machten. Große. Ob sie sie einhalten würden … zweifelhaft. Versprechen glitten schnell über die Lippen, bauten Erwartungen auf. Und wenn sie gebrochen wurden und die Hoffnung verpuffte, rissen sie mehr als das mit sich. Ein Stück Herz. Ein Stück Vertrauen.

      Ich trank die Cola leer und ließ den Brief links liegen.

      Unter meiner Bettdecke fand ich meinen Laptop, der beim Hochfahren aus dem letzten Loch pfiff.

      »Lass mich nicht im Stich, Thor.« Das alte Gerät sprühte ab und an ein paar Funken, wenn ich das Ladekabel anschloss, daher der Name. Er hatte sich schon so verhalten, als ich ihn im Secondhandladen kaufte.

      Doch der Gott des Donners fuhr ohne Murren hoch. Ich checkte meine Mails und fand zwei neue Grafikaufträge vor: ein Flyer für eine Party sowie eine Save-the-Date-Karte für ein junges Paar. Die Party war bereits in einer Woche, das Design brauchte der Käufer idealerweise bis zum nächsten Tag. Für die besonders eiligen Sachen bekam ich mehr Geld und ich grinste. Dann schaute ich auf die Uhr und stöhnte. Die Mail war von gestern.

      Er benötigte den Flyerentwurf heute. Ich startete das Design­programm, das ewig zum Laden brauchte, und holte mir in der Zwischen­zeit noch eine weitere Cola. Es würde noch eine lange Nacht werden. Auf meinem Rückweg zum Sofa kam ich an dem Beistelltisch vorbei, auf dem das Buch lag.

      »Irgendwann klappt es noch mit uns beiden. Oder damit, etwas trinken zu gehen. Oder mit dem belanglosen Geplauder bei einer Tea Time. Irgendwann.« In einer anderen Zeit. Einem anderen Leben. Ich nahm einen Schluck aus der Dose und machte mich an die Arbeit.

      Kapitel Zwei

      Du verarschst mich doch.«

      Mein Wecker und ich führten eine sehr innige Beziehung, in der man offen und ehrlich miteinander reden konnte. Ich schaltete den Alarm aus und fuhr mir mit den Händen über das Gesicht. Draußen war es noch dunkel, ich hatte gerade einmal drei Stunden Schlaf hinter mir. Gefühlt war es noch mitten in der Nacht. Doch die Zeitungen trugen sich nun mal nicht von selbst aus. Auch heute nicht.

      Stöhnend schlug ich die Decke beiseite und rollte mich vom Sofa. Mein Rücken schmerzte, Strecken machte es nicht gerade besser. Augenreibend tapste ich in das kleine Bad, warf alle Klamotten von mir und stieg unter die Dusche. Das Wasser erwachte blubbernd zum Leben und fegte lautstark durch die alten Rohre. Es klang, als würde eine riesige Welle anrauschen, aus der Brause prasselte dann allerdings nur ein Rinnsal.

      Anschließend schlang ich mir ein Handtuch um und wischte mit der Hand das Kondenswasser von einer Ecke des Spiegels. Meine Augen waren gerötet, die Haut darunter dunkel. Das Grau meiner Iriden wirkte dadurch noch blasser. Fast so hell wie meine blonden Haare. Hoffentlich würde Fred, mein Chef bei der Zeitung, mir nicht wieder unterstellen, dass ich Drogen nahm, um wach zu bleiben. Das tat er jedes Mal, wenn ich so aussah. Dabei lag es nur an den Nachtschichten und dem Auf-den-Bildschirm-Starren.

      Ich schlüpfte in die bereitgelegten Klamotten, föhnte meine Haare und schob sie unter eine Mütze. Zu dieser Uhrzeit war es draußen bereits winterlich kalt und eine Erkältung konnte ich mir nicht leisten. Ich stopfte auch die dünnen Handschuhe in meine Tasche, schwang mir diese um und machte mich auf den Weg.

      Meine Glieder waren träge, mein Mund trocken und mein Magen knurrte. Doch sobald ich aus der Haustür trat, traf mich die Kälte wie ein Schlag und rüttelte mich wach. Alles andere war für den Moment vergessen.

      Beim Verlagshaus holte ich einen kleinen Rollwagen ab, der randvoll mit der heutigen Ausgabe der London Locally gefüllt war, ohne mir einen doofen Kommentar seitens Fred einzubrocken. Zwei Stunden benötigte ich für meine Route durch London. Normale Menschen brauchten für diese Strecke länger, ich konnte es dank meiner Gabe und den magischen Türen von Buchläden ein wenig abkürzen. Trotzdem war ich müde und meine Muskeln schmerzten, als ich mich auf den Rückweg machte. Ich brachte den leeren Wagen zurück, steckte den Scheck von Fred ein und ging wieder nach Hause. Es dämmerte schon. Ich hatte noch gut zwei Stunden, ehe ich zur Schicht ins Heartbreak Hotel aufbrechen musste. Konnte ich mir noch ein wenig Schlaf gönnen? Nur ein paar Minuten, bevor ich noch andere Aufgaben erledigte? Meine Augen waren ganz trocken und ich musste ständig blinzeln. Das würde mich den Rest des Tages wahnsinnig machen.

      Am Haus angekommen wurde mir die Entscheidung abgenommen. Lauren schleppte ein paar Kisten aus einem Transporter in den Laden, der erst in zwei Stunden öffnen würde. Ich schnappte mir auch eine und folgte ihr. Dem Gewicht nach zu urteilen, waren es keine Bücher, dafür waren sie zu leicht. Lauren eilte mir auf halbem Weg zurück entgegen.

      »Riley! Du kommst wie gerufen! Stell den Karton einfach im Lager zu den anderen. Danke!«

      Sie huschte an mir vorbei, zurück zur Straße. Gemeinsam schleppten wir noch vier Boxen in das Hinterzimmer, ehe Lauren den Laden abschloss. Wir legten unsere Jacken an die Kasse, dann ging es ans Auspacken.

      »Was ist denn da drin?« Ich deutete auf einen der Pappkartons.


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