Litersum - Musenfluch. Lisa Rosenbecker

Litersum - Musenfluch - Lisa Rosenbecker


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Augen waren trocken, trotzdem setzte ich mich noch an den Laptop und arbeitete einige Grafikaufträge ab, die sich angesammelt hatten. Als ich ununterbrochen zu blinzeln anfing und das Gähnen zum Dauerzustand wurde, gab ich auf. So machte es auch keinen Sinn. Ich schaltete mein Handy ein, um den Wecker zu stellen, und entdeckte eine Nachricht von Sophia, die schon ein paar Stunden alt war. Es ging um die Schichten im Diner, an die ich gar nicht mehr gedacht, geschweige denn nachgesehen hatte, als ich gegangen war.

       Clint hat den neuen Arbeitsplan vorhin aufgehängt und mir auch per Mail geschickt, weil ich schon weg war. Schon gesehen? Du hast am Mittwoch die Frühschicht. Mit dem süßen Mike. ;)

      Das waren ja ausnahmsweise mal gute Nachrichten. Und zwar nur das mit der Frühschicht. Mit Mike konnte ich nichts anfangen, auch wenn alle anderen Mädels ihn so toll fanden. Egal ob Angestellte oder Gast. Und seine Augen waren bei Weitem nicht so schön wie die von …

      Stopp. Diesen Gedanken führst du nicht weiter aus. Das ist die Müdigkeit, vielleicht träumst du schon. Bei klarem Verstand wäre dir das jetzt nicht in den Sinn gekommen. Zu kraftlos, um den Schlafanzug anzuziehen, kroch ich unter die Decke und schlief augenblicklich ein.

      Wäre ich Dornröschen und mein Wecker der Prinz in schimmernder Rüstung – ich hätte ihm nach seinem Kuss eine reingehauen. Viel zu früh und viel zu unsanft riss er mich mitten aus einem Traum, an den ich mich direkt nach dem Aufwachen schon nicht mehr erinnern konnte. Ein paar Sekunden lang kämpfte ich darum, die Orientierung zurückzugewinnen, dann wankte ich ins Bad. Halbwegs wach schlüpfte ich in frische Klamotten. Und täglich grüßte das Murmeltier. Die Zeitungen trugen sich nicht von allein aus. Beim Rausgehen erschrak ich kurz, als ich das Foto von Anna entdeckte. Dann fiel mir wieder ein, wieso es dort hing. Ich schluckte den Kloß hinunter, der sich in meinem Hals bildete.

      »Pass bloß auf dich auf.«

      Der kalte Wind pfiff mir um die Ohren, als ich auf die Straße trat. Ich fasste meine langen Haare zu einem lockeren Zopf zusammen und zog meine Mütze über. Schnell stopfte ich die letzten losen blonden Strähnen unter den Stoff, damit sie mich nicht kitzelten. Das machte mich auf Dauer wahnsinnig. Ich rieb mir über das Gesicht und meine müden Augen brannten, als ich sie wieder öffnete. Im angelaufenen Spiegel hatte ich mich nicht wirklich gesehen, trotzdem überraschte es mich nicht, als sich Fred an diesem Tag einen Kommentar nicht verkneifen konnte. Er schob gerade einen Wagen voller Zeitungen aus dem Lager und rollte ihn mir vor die Füße. Ohne mich aus den Augen zu lassen, wischte er sich die tintenbefleckten Hände an seiner alten Jeans ab.

      »Du siehst ziemlich fertig aus.«

      »Danke, sehr reizend von dir.«

      Aus einem Ordner auf einem kleinen Beistelltisch zupfte er den Routenplan für heute raus und streckte ihn mir hin. Wer zu spät kam, für den blieben nur noch die unbeliebten Strecken mit den schwierigen Kunden, allerhand kratzbürstigen Hunden und schwer zugänglichen Vorgärten und Briefkästen. Heute allerdings war es mir egal, welche Straßen ich abklappern musste, Hauptsache, es war schnell wieder vorbei. Kurz bevor ich den Plan in die Finger bekam, zog Fred ihn weg.

      »Bist du sicher, dass es dir gut geht? Hast du was genommen? Brauchst du Hilfe?« In seinen grauen Augen lag Sorge. Aber eher von jener Art, die man sich um zu ersetzende Mitarbeiter machte, nicht solche, die man aus Empathie zu anderen empfand.

      Ich schüttelte den Kopf. »Hör zu. Wenn du willst, pinkele ich dir in einen Becher. Außer zu hohe Werte an Koffein und Zucker wirst du darin nichts finden.«

      Fred verzog angewidert das Gesicht. »Danke, ich verzichte. Aber sollte ich mitbekommen, dass du lügst und vielleicht andere da mit reinziehst, kannst du gleich zu Hause bleiben. Haben wir uns verstanden? Ich kann keine Drogen in meiner Firma gebrauchen.«

      Hatten sich alle gegen mich verschworen? Das war nun schon die dritte Warnung in wenigen Tagen. Oder war ich gerade einfach nur furchtbar gut darin, mich in Schwierigkeiten zu bringen? Ich atmete tief durch, ehe ich etwas von mir gab, was ich bereuen würde.

      »Tut mir leid. Ich verspreche dir, ich konsumiere keine Drogen. Und ich handele nicht damit. Es ist nur Müdigkeit.« Bevor er es sich anders überlegen konnte, nahm ich den Griff des Zeitungswagens in eine Hand und streckte die andere aus. Fred fuhr sich mit den Fingern durch den dichten Bart und verteilte etwas von der Tinte darin.

      »Na gut«, sagte er. »Ich glaube dir. Aber du solltest dringend mal schlafen, Mädchen.« Er hielt mir das Blatt hin, ich schnappte es schnell, ehe er es sich anders überlegen konnte.

      »Sobald mich jemand dafür bezahlt, mache ich das.«

      Kopfschüttelnd wandte sich Fred ab und ich begab mich auf meine Route, die heute fast doppelt so lang war im Vergleich zu sonst, aber auch entsprechend mehr Geld brachte.

      Meine Finger waren eisig, als ich Stunden später zu meiner Wohnung zurückkehrte. Mittlerweile war es später Morgen, doch hartnäckige Wolken verdeckten die Sonne, als wollten sie deren wärmende Strahlen ganz für sich allein. Wenn der Winter kam, würde die Kälte Alltag werden. Vielleicht sollte ich dann endlich mal meine Magie anwenden und an ganz schlimmen Tagen in andere Länder flüchten, in denen Sommer herrschte. Neuseeland zum Beispiel. Möglich wäre es. Ich konnte jederzeit dorthin. Doch die Arbeit mitzunehmen war nicht drin, und die Grafikaufträge allein würden mich niemals über Wasser halten. Und Auswandern … Nein. Unmöglich. Ich hatte es bisher nicht mal weiter als ein paar Blocks von meinem alten Zuhause geschafft, obwohl ich theoretisch überall hätte hinziehen können. Der Plan war ursprünglich ein anderer gewesen. An meinem achtzehnten Geburtstag wollte ich eigentlich so weit wie möglich weg von meinem alten Zuhause und meiner Mutter fliehen … Aber als der Tag dann kam, konnte ich es nicht durchziehen. Ich brachte es nicht über mich, sie im Stich zu lassen, und wenn ich zu weit weg war, fühlte es sich genau so an. Obwohl ich ihr nichts schuldig war, wollte ich in der Nähe sein, falls es einen Notfall gab. Und der würde früher oder später eintreten, so wie meine Mutter lebte … Die entsprechenden Stellen hatten meine Nummer und konnten mich kontaktieren. Keine Ahnung, was mich damals geritten hatte, sie ohne das Wissen meiner Mutter zu verteilen, aber nun war es so und ließ sich nicht mehr ändern. Ich hatte mir selbst ein paar Fesseln angelegt, jetzt musste ich damit leben.

      Aber ein Ausflug könnte drin ein. Gerade jetzt, da die Pop-up-Buchwelten nicht mehr zur Verfügung standen.

       Wofür du auch immer noch einen Ersatz brauchst.

      Manchmal hasste ich mein Gewissen. Fast genauso sehr wie meinen Wecker.

      Wie um sich für diesen Gedanken zu rächen, ratterte mein Hirn eine Liste von Dingen herunter, die es noch zu tun gab. Grafikaufträge. Schichten im Diner. Aufräumen. Den Kuss-Auftrag. Lauren beim Straßenfest unterstützen.

      Ich brauchte eine Cola. Ganz schnell. Doch vorher wollte ich Lauren noch die guten Nachrichten überbringen. Der Laden war mittlerweile geöffnet, doch so früh verirrten sich kaum Kunden hierher. Erst in und nach der Mittagspause wurde es voller. Umso überraschter war ich, als ich Lauren im Laden im Gespräch mit zwei Kunden vorfand, die mit dem Rücken zum Eingang standen. Beim Läuten der Türklingel drehten sich alle drei um.

      »Ich bin gleich bei Ihnen … Oh, Riley! Du kommst wie gerufen!« Lauren schob sich an den beiden Männern vorbei und kam zu mir. Doch ich achtete gar nicht auf sie, denn erst jetzt erkannte ich die beiden Lederjacken … Noah und George waren zurück. Ihre Gesichter zeigten kaum eine Regung, als sich unsere Blicke trafen. Lediglich Noahs Miene verfinsterte sich, als er mich von oben bis unten musterte. Dann schob sich Lauren in mein Sichtfeld.

      »Deine Lippen sind ganz blau«, sagte sie vorwurfsvoll und griff nach meiner Hand. »Und deine Finger auch. Wieso hast du deine Handschuhe nicht mitgenommen? Es wird morgens doch stetig kälter. Hier, trink erst mal einen Tee.«

      Lauren zog mich mit sich zur Kasse. Auf einem Beistelltisch stand ein Tablett, darauf ein Stövchen mit einer Kanne. Sie schenkte mir eine dunkelbraune, herb riechende Brühe in eine Tasse und drückte sie mir in die Hände. Erst fühlte es sich


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