Litersum - Musenfluch. Lisa Rosenbecker

Litersum - Musenfluch - Lisa Rosenbecker


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sprang auf und der Schreibtischstuhl rollte schwungvoll ein paar Meter weit. George zuckte kurz zusammen, Noah verzog keine Miene.

      »Der Diner. Die Schicht. Verdammt. Ich komme viel zu spät.« Schnell schnappte ich meine Tasche und war schon um den Schreibtisch gesprintet, als ich mich noch einmal zu den beiden umdrehte. George winkte mir hinterher. Noah sah mich missmutig an. Beim ersten Anzeichen dafür, dass ich nichts mehr tun musste, nahm ich Reißaus. Das passte ihm und seinen Vorurteilen sicher wunderbar in den Kram. Sollte es doch. Es kümmerte mich nicht, was er über mich dachte, solange er mich in Zukunft in Ruhe ließ und mir das Verschwinden der Mädchen nicht in die Schuhe schob. Trotzdem blieben mir die Worte des Abschieds im Halse stecken. Ich musste einmal schwer schlucken, bevor ich doch noch etwas herauspressen konnte.

      »Danke für die Cola.« Ohne einen Blick zurück machte ich mich auf den Weg zum Diner. Dumm nur, dass meine Gedanken hartnäckig waren und mit mir kamen.

      Kapitel Vier

      Clints Rüge über mein Zuspätkommen fiel kurz, aber heftig aus. Er ließ mich mit einer Warnung davonkommen, weil sonst auf mich Verlass war. Noch nie war ich zu einer meiner Schichten oder einem anderen Job zu spät erschienen und es würde ganz sicher nicht noch mal vorkommen. Das schlechte Gewissen sowie die Angst, dass ich damit alles aufs Spiel setzte, waren viel zu groß. Ich nahm mir fest vor, in Zukunft nie wieder die Zeit aus den Augen zu verlieren.

      An diesem Tag strengte ich mich im Diner besonders an. Ich schenkte den Gästen ein Lächeln, streute hier und da ein paar Komplimente in die Gespräche ein und gönnte mir außer ein paar kurzen Trinkpausen keine Auszeit. Clint sollte nicht auf die Idee kommen, dass er mit jemand anderem besser beraten wäre als mit mir. Sophias sorgenvolle Blicke entgingen mir nicht, aber ich ignorierte sie. Wenn ich ihr erklärte, wieso ich zu spät gekommen war, würde sie mir ohnehin nicht glauben. Ganz zu schweigen davon, dass ich damit einen weiteren Regelbruch begehen würde, den ich mir nicht leisten wollte. Die ganze Sache mit den verschwundenen Bloggerinnen war schlimm genug und jeder weitere Fehltritt wäre meine eigene Schuld. Nein. Es reichte. Ich musste das alles abhaken und darauf bauen, dass Noah und George des Rätsels Lösung fanden. Und das Mädchen. Wo sich Anna wohl gerade aufhielt? Vielleicht war sie sogar in einer Buchwelt, die sie mochte? Vielleicht sorgten wir uns unnötig und sie machte gerade eine wunderbare Erfahrung? Schön wäre es … Aber es war nicht richtig. Und ich hatte doch irgendwie schuld daran, da sie nur meinetwegen überhaupt in Kontakt mit dem Litersum gekommen war.

      »Woran denkst du?« Sophia tauchte neben mir auf, als ich gerade ein paar Gläser in die Spülmaschine hinter dem Tresen räumte.

      »Daran, dass ich so ein Industrie-Teil auch zu Hause gebrauchen könnte. Nur zwei Minuten und alles ist supersauber.« Quietschend gab die Klappe der Maschine dem Druck meiner Hände nach und rastete mit einem Klicken wieder in geschlossener Position ein.

      »Aha. Und woran denkst du wirklich?«

      »An den Dienstplan für die nächsten Tage. Ich hoffe, dass ich am Mittwoch Frühdienst oder frei habe.«

      Sophia hob die Augenbrauen. »Du und das Wort ›frei‹ in einem Satz? Dass ich das noch erleben darf! Was hast du denn vor?«

      »Das Straßenfest bei mir zu Hause findet wieder statt. Und Lauren hat mich darum gebeten, ihr im Laden auszuhelfen. Ich wollte zumindest mal nachfragen. Aber nach der Pleite heute traue ich mich nicht. Jetzt kann ich nur noch hoffen.«

      »Soll ich mal mit Clint reden?«

      »Das ist lieb, aber nein danke. Das muss ich schon selbst ausbaden.«

      Schulterzuckend sagte Sophia: »Wenn du meinst.«

      Die restliche Schicht verlief zum Glück ereignislos. Meine Wangen schmerzten von dem ständigen Lächeln und ich fragte mich, wie andere Menschen das freiwillig dauerhaft aushielten. Meine Füße reihten sich in das Klagen meiner Muskeln ein und ich hätte mich am liebsten sofort auf den Boden des Diners geschmissen und geschlafen, als meine Pflichtstunden vorbei waren. Da ich die verlorene Zeit hinten dranhängte, endete meine Schicht später als sonst und die Müdigkeit zermürbte mich. Ich schaffte es gerade noch so, die Schürze in den Wäschekorb zu werfen und mich bei der Küchenmannschaft zu verabschieden, ehe ein langes Gähnen Besitz von mir ergriff.

      Mit hängenden Schultern machte ich mich auf den Weg nach Hause. Ich bemerkte erst spät, dass ich bei den jungen Frauen, die mir dabei begegneten, nach dem Gesicht von Anna suchte. Vielleicht war sie ja doch schon wieder aufgetaucht?

      Zu Hause angekommen, verlief mein erster Gang wie immer zum Kühlschrank. Der Deckel der Cola-Flasche gab zischend nach und ich trank einen schnellen Schluck daraus, ehe ich sie auf dem Beistell­tisch neben dem Sofa abstellte. Ich ließ mich in die Kissen fallen und kramte nach Thor, der nach kurzem Flackern meinem Willen nachgab und hochfuhr.

      Die Seite des Forums war noch immer im Browser geöffnet, ein Klick und sie frischte sich auf. Doch die neuen Kommentare, die sich unter dem Beitrag gesammelt hatten, lieferten nicht das gewünschte Ergebnis. Ganz im Gegenteil. Anna war noch immer weg und ihre Freundin auf der Suche nach ihr. Die Eltern hätten sich schon mit der Polizei in Verbindung gesetzt, die allerdings erst drei Tage nach einem vermeintlichen Verschwinden aktiv wurde. Einen Tag noch also, bevor auch die reale Welt anfing, nach Anna zu suchen – und vermutlich ins Leere laufen würde. Natürlich konnte es sein, dass Anna aus freiem Willen abgehauen und den Kontakt zu Freunden und Familie abgebrochen hatte. Aber die Tatsache, dass bereits zwei andere Bloggerinnen, die ebenfalls mit mir in Kontakt gestanden hatten, zeitweise auch wie vom Erdboden verschluckt gewesen waren, machte das doch unwahrscheinlich. Ich griff nach der Cola und hielt mir das kühle Glas der Flasche an die Stirn. Ein Schauder überlief meinen Rücken, und meine angespannten Muskeln protestierten angesichts dieser Anstrengung. Wie um alles in der Welt konnte so etwas nur passieren? War das vielleicht alles nur ein Traum und ich würde jeden Moment aus einem Zuckerschock erwachen, unter einem Berg voll Arbeit, der mich unter sich begraben hatte? Ich rieb mit meiner freien Hand über den Sofabezug und tippte im Anschluss mit dem Zeige­finger auf Thor. Ein winziger Funken blitzte auf und verpasste mir einen kleinen Schlag. Sonst passierte nichts. Ich war also tatsächlich wach. Aus meiner hinteren Hosentasche zog ich das zusammen­gefaltete Foto von Anna, das ich von Noah bekommen hatte. Ich breitete es auf dem Tisch aus und fuhr die Faltlinien mit dem Finger nach. Annas Augen schienen meinen Bewegungen zu folgen.

      »Wo bist du nur?« Keine Antwort. Wie auch, ich lebte schließlich nicht in Hogwarts, wo es sprechende Bilder gab. In diesem Moment hätte ich aber so ziemlich alles dafür getan, an die Karte des Rumtreibers für das Litersum zu kommen, um Anna zu finden. »Es tut mir leid. Ich weiß nicht, wie das passieren konnte. Aber irgendwie ist es meine Schuld, dass du verschwunden bist, oder?« Wieder keine Reaktion. Nur das Gluckern des Kühlschranks, das Bitzeln meiner Cola und die Geräusche der Straße plätscherten auf mich ein. War Anna so allein wie ich in diesem Moment? Fühlte sie sich einsam? Wie musste es für sie sein in einem Universum, in dem es nichts Vertrautes gab wie das wässrige Gemurmel eines alten Kühlschranks, der manchmal unter Schluckauf litt? Mein Herz zog sich zusammen, als sich vor meinen Augen das Bild eines Mädchens manifestierte, das sich in eine Decke geschlungen in einer Ecke eines dunklen Zimmers zusammenkauerte und wartete. Auf etwas, irgendetwas, was die Dunkelheit durchbrach und sie fortbrachte. Irgendwohin, nur weg von hier. Nein, das war nicht Anna, aber so könnte sie sich fühlen, in genau diesem Moment. So wie ich mich damals gefühlt hatte …

      Dein Selbstmitleid kannst du dir sparen, tadelte ich mich. Diese Zeit, dieses Verhalten war vorbei. Anna war es, der geholfen werden musste. Ich stand auf und lief im Zimmer auf und ab. Nur nicht zurückwerfen lassen. Immer nach vorne sehen. Ich nahm das Foto und hängte es mit ein paar Klebestreifen, die ich in einer Schublade in der Küche aufbewahrte, an die Wohnungstür. Ich wollte mir ihr Gesicht einprägen, damit ich sie zwischen anderen wiederfand, falls ich sie sehen sollte. Egal ob in der echten Welt oder im Litersum. Ihre Augen kamen auf dem Bild nicht so schön zur Geltung, das war bei Fotos immer schwer, aber ich würde sie bestimmt wiedererkennen. Falls ich sie denn jemals


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