Die falsch gestellten Weichen. Von Kuehnelt-Leddihn Erik
es ihn in die preußische Politik zurück.1) Die Kriege von 1866 und 1870–1871 betrachtete er als unvermeidlich. Ursprünglich konservativ und von Konservativen unterstützt, glitt er langsam nach links ab – darum auch die Begeisterung von Marx und Engels für ihn.2) Den „Kulturkampf“ gegen die katholische Kirche im Zweiten Deutschen Reich hatte er vom Zaune gebrochen, was ihm die Unterstützung der Nationalliberalen einbrachte, einer gemäßigten Fortschrittspartei. Dieser Zweikampf mit Rom, der eher zugunsten der „Ultramontanen“, zumindestens aber mit einem Patt endete,3) erschütterte vielleicht auch seine religiösen Gefühle. Ein schweres Problem erwuchs ihm in der Sozialdemokratischen Partei. Anfänglich trat er für ein dynamisches Sozialprogramm ein, das Formen eines Etatismus annahm4) und selbst zu einer Zusammenarbeit mit Ferdinand Lassalle führte.5) Dann aber änderte er seine Taktik, proklamierte die repressiven Sozialistengesetze und näherte sich schließlich dem Unternehmertum, ein Schachzug, der auch zur Entfremdung zwischen ihm und dem „jungen Kaiser“, Wilhelm II., beitrug, der Bismarck sozusagen „links überholte“.6)
Auch in seiner Außenpolitik ließ sich Bismarck nicht immer von festen ideologischen Prinzipien führen: er blieb immer Staatsman und Politiker zugleich, Ursprünglich auf eine Dreikaiserpolitik – Berlin, St. Petersburg, Wien – eingeschworen, sah er zu seiner Betrübnis später ein, daß er sich zwischen Wien und St. Petersburg zu entscheiden hatte. Als deutscher Nationalist fiel dann seine Wahl unausweichlich auf Österreich, wo ihm die „Deutschnationalen“ aller Richtungen ungeteilte Sympathien entgegenbrachten. Ihm, der die Habsburger aus dem Neuen Reich verdrängt hatte, widmete man in Österreich allenthalben Bismarckstraßen und Bismarckplätze.7) Die geradezu klassischen russophilen Gefühle unter den preußischen Konservativen wurden dabei von Bismarck ignoriert. Und demgemäß wurde die konservative Kreuzzeitung, für die Bismarck in jüngeren Jahren Beiträge geliefert hatte, ein ihm feindliches Blatt.8) Doch von den breiten Schichten, besonders von den Liberalen, wurde seine Entlassung durch Wilhelm II. als eine Tat äußerster kaiserlicher Willkür angesehen.
Bismarcks wichtigstes Werk blieb aber die Reichsgründung 1871, die in einer Huldigungszeremonie vor Wilhelm I. im Spiegelsaal von Versailles am 18. Jänner 1871 feierlich stattfand. Es ist kaum zu bezweifeln, daß dieser Staatsakt in jener Form den „Erbfeind“ bewußt erniedrigen wollte, der aus Gründen der „Sicherheit“ und der Hegemonie am Festland den Nachbarn im Osten schwach und geteilt wissen wollte. Jahrhunderte hindurch waren die Bourbonen und Bonapartes die Feinde der deutschen Dynastie, der Habsburger, gewesen. Nicht nur hatten sie zeitweilig oder auf Dauer die habsburgischen Besitzungen von Belgien bis zur Schweiz und nach Katalonien hinunter besetzt oder annektiert, sie hatten auch stets die Reichsfeinde unterstützt: die Schweden, die norddeutschen Fürsten, die magyarischen Aufständischen, die italienischen Nationalisten und nicht zuletzt auch die Türken. Der allerchristlichste König machte ohne Gewissensbisse Allianzen mit Ketzern und Heiden gegen den Römischen Kaiser.9) Noch im Ersten Testament Friedrichs II. von Preußen werden die Franzosen als die verläßlichsten Alliierten bezeichnet.10) Auch trotz des Renversement des Alliances 1756, das das Königreich Preußen von einem Liebkind Frankreichs in ein Liebkind Englands verwandelte, blieben die französischen Sympathien, und zwar besonders jene der fortschrittlich aufgeklärten Kreise, auf Seiten Preußens. Die krisenreiche Freundschaft zwischen Voltaire und dem Preußenkönig blieb unvergessen, und die Führer der Französischen Revolution, die den alten Habsburgerhaß fortsetzten, appellierten laut an die preußischen Sympathien.11)
Hier darf man auch nicht vergessen, daß die Aufhebung des Edikts von Nantes, wodurch den Hugenotten die früher zugestandene Religionsfreiheit genommen wurde, und das Edikt von Potsdam, das die hugenottischen Flüchtlinge nach Brandenburg-Preußen einlud, den Hohenzollern ein höchst wertvolles und lange Zeit hindurch auch kulturell höherstehendes Element brachten, das das feudale Kurfürstentum in einen modernen Staat umwandelte. Noch am Anfang des 18. Jahrhunderts war Berlin eine fast überwiegend französische Stadt, und auch Grillparzer sagte den Berlinern die Bildungsgrundlagen von Juden und Franzosen nach.12) Das Französische Gymnasium Berlins bleibt bis in unsere Tage das beste in seiner Art.13) Friedrich II. schätzte diese Refugiés nicht nur ganz außerordentlich; kulturell war und blieb dieser Monarch, sehr zum Unterschied von Maria Theresia, ein Franzose, der die deutsche Sprache für Hunde, aber nicht für Menschen geeignet hielt.14) (Mit der deutschen Rechtschreibung blieb der „Olle Fritz“ stets auf Kriegsfuß.) Und das Berliner Außenamt verkehrte mit seinen eigenen Diplomaten bis 1863 in französischer Sprache, die übrigens auch Bismarck glänzend beherrschte.15)
Doch diese Frankophilie hatte durch die napoleonischen Kriege einen ganz argen Schock erlitten. Der „Franzmann“ war seit diesen nun ganz deutlich der „Erbfeind“ geworden – sicher aber nicht persönlich für Bismarck, der eine kürzere Zeit hindurch sogar an eine echte Annäherung an Frankreich dachte und dem westlichen Nachbarn jede Gelegenheit gab, sein Kolonialreich zu vermehren. Auch in den Territorialansprüchen im Frieden von Frankfurt (1871) waren Bismarcks Forderungen bescheiden: nichteinmal das ganze Elsaß wurde annektiert (Belfort mit Umgebung blieb bei Frankreich) und nur der kleinere Teil Lothringens (das bis ins 18. Jahrhundert zur Gänze zum Reich gehört hatte) kam zum Deutschen Reich.
Unverantwortlich war, wie wir sagten, die Gründung des Zweiten Deutschen Reiches im Spiegelsaal von Versailles, ebenso unverantwortlich war das Friedensdiktat 48 Jahre später in derselben Lokalität. Anstatt im gerade besiegten Ausland hätte die Reichsgründung an einer von allen Deutschen verehrten Stätte gefeiert werden können, so zum Beispiel in Frankfurt (im Dom, am Römer, in der Paulskirche), in Aachen, in Augsburg, ja selbst in Berlin. (Ein theoretisches Äquivalent zu „Versailles“? Die Ausrufung der Tschechoslowakischen Republik in der Wiener Hofburg beziehungsweise in Schönbrunn, oder der wiedererstandenen Republik Polen in Sanssouci.) Man greift sich also wirklich an den Kopf, wie ein solcher Plan in den Hirnen von wohlgeborenen, kultivierten Menschen entstehen konnte!16) Das zwanzigste, das Jahrhundert der absoluten Barbarei war eben nicht mehr fern. Und Hitler? Von ihm sagte der Prälat Kaas mit Recht, er wäre nicht in Braunau, sondern in Versailles geboren.
Für Frankreich war diese Niederlage mit dem Verlust von fünf Milliarden Franken (nach heutiger Kaufkraft etwa 20–25 Milliarden Mark) und den Departments Oberrhein (ohne Belfort), Niederrhein und Mosel verbunden. Wie wir schon sagten, blieb der größere Teil Lothringens bei Frankreich, doch gaben von den Reichslothringern immerhin 30 Prozent Französisch als ihre Muttersprache an. Im Elsaß war der französisch-sprechende Teil der Bevölkerung sehr gering, doch war der überwiegende Teil der Bevölkerung damals französisch gesinnt.17) Die psychologische Behandlung der Elsässer und Lothringer war durch eine größtenteils preußische Verwaltung der „Reichslande“ auch denkbarst ungeschickt. (Dasselbe konnte man von Nordschleswig sagen, von den polnischen Gebieten ganz zu schweigen.) Erst sehr langsam gewöhnten sich die deutschen Elsässer an den neudeutschen Stil, der eben leider ein borussischer Stil war, und noch im Jahre 1913 kam es in Zabern zu richtigen Zusammenstößen zwischen Volk und Armee.18) Doch berichtigend sollte auch gesagt werden, daß die E’sässer als typisches Grenzvolk nur zu oft eine „zweideutige“ Haltung an den Tag legten, die aber wiederum nicht als Unaufrichtigkeit oder Unehrlichkeit gedeutet werden soll, sondern eines „Sowohl-alsauch“, eines Sehens in zwei Richtungen. Man stelle sich aber vor, was geschehen wäre, wenn die Verwaltung des Elsaß nicht in preußische, sondern in österreichische Hände gelegt worden wäre, in Hände von alemannischen Vorarlbergern oder Freiburger Vorderösterreichern, und nicht von Männern, die von der Warthe, der Spree oder der Lausitz kamen.19)
Die militärische Niederlage (die zweite im 19. Jahrhundert) und der Verlust der östlichsten Departments hatten auf Frankreich eine traumatische Wirkung – nicht nur als Folge des Deutschenhasses, den es in der Vergangenheit eigentlich nicht gegeben hatte, sondern auch aus „geopolitischen“ Gründen. Der Rhein wurde als die „natürliche“ Ostgrenze Frankreichs aufgefaßt, was er wohl trotz der stupiden Behauptung des deutschfeindlichen Friedrichs II. nie gewesen war.20) (Hier nützt auch keine Berufung auf Cäsars De Bello Gallico, da die Römer bekanntlich nie recht zwischen Kelten und Germanen unterscheiden konnten.) Flüsse mögen für den Laien ideale oder „natürliche“