Villa im Tiergarten. Artur Hermann Landsberger
— Aber ich werde ihm nicht meine Schönheit opfern. Es gibt ja Gott sei Dank noch andere, die mich schätzen. Ich bin nicht auf ihn angewiesen.“
„Bestimmt nicht! Aber sorgen Sie, daß die Trennung von Ihnen ausgeht — nicht von ihm. Es wird den Kreis Ihrer Bewerber verdoppeln, wenn es heißt, daß Sie dem eleganten, reichen Rolf den Laufpaß gegeben haben.“
„Gemacht! — Heute noch! Aber sehen muß ich sie doch.“
„So suchen Sie sie auf!“
„Was ziehe ich an? — Rasch, telephonieren Sie an die Schneiderin. Sie muß mir sofort das neue Kleid schicken. Und an die Gerstel! das Pariser Modell! — Oh! ich werde ihm schon zeigen, wie ich aussehen kann!“
Sie begann in fieberhafter Eile, sich anzuziehen. Als die Zofe vom Telephonieren kam, sagte Häslein mit vorwurfsvoller Miene:
„Weshalb hast du mir den Trick mit dem Magenleiden nicht früher erzählt?“
„Warum sollte ich denn?“ fragte die.
„Weil er längst das schönste Magenleiden haben könnte. Statt dessen habe ich fünf Monate lang noch darauf geachtet, daß er nicht so viel Mayonnaisen und Schlagsahne ißt und den Sekt nicht so kalt hinuntergießt! Das hat man von seiner Güte! Wie könnte sein Magen heute aussehen! Und statt meine Rivalin aufzusuchen, könnte ich vielleicht heute schon seine Frau sein!“
Die Zofe hatte Mühe, sie zu beruhigen, und Häslein, das bittere Tränen weinte, dabei wenn möglich aber noch reizvoller aussah, beruhigte sich erst, als die Zofe ihr versprach, den Nachfolger gleich von Anfang an, statt mit Zärtlichkeit, „auf Magen“ zu behandeln.
Eine andere Tonart schlug Lola, einer der strahlendsten Sterne am Berliner Nachthimmel, an. Als ihre Wirtin auf Veränderungen im Wesen Baron Etvilles aufmerksam machte, erwiderte sie:
„Quatsch! Lass’n man! Er nimmt’s mit der Treue nicht so genau. Ich muß sagen, ich auch nicht. — Mag er sich amüsieren! Was wird das schon sein, was er da wieder am Halse hat? Ich weiß, was ich kann und wert bin. Bisher ist er noch von jeder verliebter als zuvor zu mir zurückgekehrt!“
„Das ist anders diesmal,“ erwiderte die Wirtin. „Er hat das Bummeln eingestellt. Das ist mehr als bedenklich. Ein Mensch, der wie er an ein regelmäßiges Leben gewöhnt ist und plötzlich anfängt, um zehn Uhr schlafen zu gehen und um acht Uhr aufzustehen, der ist entweder schwer krank oder bis über beide Ohren verliebt.“
„Ich muß sagen, du hast recht! Sie macht ihn krank. Wer weiß, mit was für Mitteln! Mit Koks und Morphium wird sie meinen Liebling ruinieren, und wenn er zu mir zurückkehrt, wird er ein verbrauchter Mann sein!“
„Darum müssen Sie versuchen, ihn zu retten.“
Lola sprang aus dem Bett. Etwa um die gleiche Zeit, zu der Häslein in ihr neues Kleid stieg.
„Ich gehe hin,“ rief Lola, „und verschaffe mir Gewißheit.“ —
Hildegard von Strichlitz hatte ihrem Vater die Bescheinigung von Töns abgegeben und erklärt:
„Dumm ist es ja.“
„Wieso?“ fragte der.
„Weil Töns’ Vater einer der reichsten Männer von Europa ist.“
„Was hat das damit zu tun?“ fragte der Alte und wies auf den Schein, den er noch immer in der Hand hielt.
„Nun,“ sagte Hilde zögernd, „vielleicht — ich bin ja nicht dumm — hätte er mich geheiratet.“
Der Vater sah sie verdutzt an.
„Nun ja,“ fuhr sie fort. „Zumal er so viel für den Adel übrig hat.“
„Und dieses Zettels wegen, auf dem er dir bescheinigt, daß du ein braves, unschuldiges Mädchen bist, meinst du, wird er, wenn er überhaupt die Absicht hatte ... — das verstehe ich nicht.“
„Du bist eben rückständig, Papa.“
„So erklär’ es mir!“
„Es war nicht so einfach, die Bescheinigung zu bekommen. Er stellte allerlei verfängliche Fragen.“
„Er ist eben gewissenhaft. Und da er dir deine Unschuld bescheinigt hat“ — er stutzte — „im übrigen, das hatte ich ja gar nicht verlangt.“
„Er legte Wert darauf.“
„Also hat er Interesse an dir.“
„Das schon! sogar sehr starkes!“
„So freu dich doch!“
„Er hat es immer gehabt — vorher — aber jetzt, nach dem Zettel, läßt er nichts mehr von sich hören.“
„Das ist allerdings sonderbar.“
„Und die andern auch nicht!“
„Welche andern?“
„Gott, er wohnt doch nicht allein.“
„Wohnt gar eine Frau bei ihm?“
„Das ist’s!“ rief Hilde, als wenn er das erlösende Wort gesprochen hätte. „Bestimmt steckt eine Frau dahinter! Aber ich lasse mich nicht an die Wand drücken! Ich überzeuge mich!“
„Was willst du tun?“
„Hingehen!“
„Schickt sich das auch?“
„Ich weiß, was ich meinem Namen schuldig bin.“
„Recht, mein Kind!“ sagte der Alte und fuhr ihr über das Haar. „Sorge für unsern Ruf — viel mehr als ihn hat uns die Zeit ja nicht gelassen!“
Und während Häslein in ihren Zobel schlüpfte und Lola sich die schwarzen Seidenstrümpfe anzog, nahm Hildegard von Strichlitz ihr Kostüm aus dem Schrank und zog sich an, um in die Tiergartenvilla zu gehen.
Als erste hielt Häslein in ihrem Protoswagen vor der Tiergartenvilla. Sie hatte auf der Fahrt weniger über die Mittel, mit denen sie Rolf zurückeroberte, als über die Form nachgedacht, in der seine Absetzung und die Thronerhebung seines Nachfolgers, für die drei in engere Wahl kamen, erfolgen sollte. — Häslein brauchte mit ihren schönen Händen nur in den Hexenkessel der großen Welt hineinzugreifen und durfte sicher sein, daß jeder, den sie herausgriff, mit Freuden „ja“ sagte. Die Herren von der amerikanischen Botschaft, die seit Monaten das Häslein jagten, waren Favoriten. Nicht der Valuta wegen — auf die sie pfiff. „Geld macht nur glücklich, um andere damit zu erfreuen,“ war eine Redensart, mit der ein finanziell kurzatmiger Lebemann um sie geworben hatte. Häslein, das für solche Wendungen, in denen sich ihre seelische Tiefe erschöpfte, schwärmte, war dem ehrenvollen Rufe des jungen Legationsrats zwar nicht gefolgt, hatte dankbar aber die Wendung in ihren Wortschatz aufgenommen. — „Vielleicht, wenn die Pelzpreise nicht immer weiter anziehen —“ hatte sie ihm erwidert, und er hatte versprochen, sich nach der deutschen Botschaft in Moskau versetzen zu lassen und in Alaska auf Weißfüchse zu jagen. „Gut!“ hatte sie erwidert, „gehen Sie auf Jagd. Wenn Sie zurückkommen, reden wir weiter.“ — Da er nicht gegangen war, so hielt sie ihn nicht mehr für einen Gentleman und gab ihm das so deutlich zu verstehen, daß er seine Werbung aufgab. — Nein, die Chancen für die Amerikaner lagen im Persönlichen. Diese Art Männer mit den breiten Schultern, fand sie, standen ihr, dem grazilen Persönchen, ausgezeichnet, und sie richtete es daher wenn möglich auch immer so ein, daß ein Amerikaner an ihrer Seite war, wenn sie ein Lokal oder Theater betrat. Und einer befand sich fast immer in Rolfs großer Bummelgesellschaft.
So kam es, daß Häslein etwas zerstreut war, als es jetzt aus dem Auto stieg, die Treppen der Villa hinaufging und dem öffnenden Diener sagte:
„Ich ... möchte ... die ... die Dame, die hier den Haushalt führt, sprechen.“
Der Diener, der sie nicht kannte, betrachtete sie eindringlich und stellte fest, daß es sich nicht um Fräulein Fleck, sondern nur um die Baronin handeln könne. Er