Villa im Tiergarten. Artur Hermann Landsberger
eines spanischen Attachés, der ihr am Morgen ein paar Blumen gesandt hatte.
Der Diener ging wie üblich damit zu Burg, gab ihm die Karte und sagte:
„Die Dame wünscht die Baronin zu sprechen.“
„Dame ist gut,“ erwiderte der. „Sie schlafen wohl?“
Und als ihm Burg die Karte unter die Nase hielt, erwiderte er:
„Möglich, daß auch ein Herr dabei gewesen ist.“
Burg ging zur Baronin. Die erwiderte:
„Kenne ich nicht. Im übrigen empfange ich keine Herren.“
Als Burg in den Vorraum kam, in dem das Häslein wartete, war er von ihrem Reiz so stark beeindruckt, daß auch er zunächst den Spanier gar nicht vermißte. Schließlich aber besann er sich und sagte nach einer vollendeten Verbeugung:
„Verzeihung! Hängen Gnädigste mit dieser Karte zusammen?“
Ohne einen Blick darauf zu werfen, sagte sie:
„Aber ja! Ich habe einen wichtigen Grund! Ich muß sie sprechen.“
„Die Baronin?“
„Was für eine Baronin?“ Sie entsann sich und wiederholte lächelnd: „Die Baronin —“ Und bei sich dachte sie: „Wenn ich nur wollte, könnte ich heute Prinzessin sein.“ — Zum ersten Male schien ihr dieser soziale Aufstieg praktisch doch von Bedeutung, und auf der Starterliste wurden die Amerikaner länger und der junge Prinz von Niederleisitz rückte als Favorit an die erste Stelle.
Nach einer Rückfrage bei der Baronin wurde Häslein endlich vorgelassen, ohne zu ahnen, daß in diesem Augenblick vor der Villa ein gewöhnliches Droschkenauto hielt, dem die für den Vormittag viel zu elegant gekleidete Lola entstieg.
Als Häslein der Baronin gegenübertrat, dachte diese:
„Allerliebst!“, während dem Häslein das Herz ein wenig in die Hosen sank, da sie fühlte, daß Frau Inge eine richtiggehende Baronin war.
Da Frau Inge, die wieder die Karte des spanischen Attachés in der Hand hielt, sah, daß Häslein nicht recht einen Anfang fand, so begann sie:
„Kommen Sie im Auftrage dieses Herrn?“
„O nein!“, erwiderte Häslein, die annahm, Rolf sei gemeint. „Er weiß gar nicht, daß ich hier bin. Und ich wäre Ihnen sehr dankbar, Baronin, wenn Sie es ihm nicht erzählten. — Ich laufe keinem Manne nach. Ich komme nur, um mich zu orientieren und danach meine Maßnahmen zu treffen.“
„Ich verstehe. Sie wollen den Herrn, der vermutlich Ihr ...“ — hier stockte sie schon, denn dies Häslein konnte ebenso gut eine femme de luxe wie eine Dame der Gesellschaft sein, obschon sie für letztere reichlich hübsch und reserviert war. Also wagte sie es und sagte: „... Freund ist, hier unterbringen. Das ist nicht möglich. Dies Haus ist keine Pension.“
„Aber Herr Graezer wohnt doch hier,“ erwiderte Häslein, und der Irrtum klärte sich eben auf, als Burg ein Fräulein Lola Monts meldete.
„Die Dame kenne ich auch nicht,“ erwiderte Frau Inge, wobei es Häslein erst zum Bewußtsein kam, daß es vergessen hatte, seinen Namen zu nennen. Sie tat es in so netter Form, daß Frau Inge höflich sagte:
„Es sollte kein Vorwurf für Sie sein,“ und zu Burg gewandt fortfuhr:
„Wie sieht die Dame aus?“
„Etwas anders,“ erwiderte Burg, „ohne daß man mit Bestimmtheit etwas behaupten könnte.“
Häslein, das Lola Monts vom Sehen kannte und genau wußte, wer es war, fand die Charakteristik Burgs vorzüglich, zog es aber vor, zu schweigen. Erst als Frau Inge sich an sie wandte und fragte:
„Haben Sie vielleicht den Namen mal gehört?“, erwiderte sie:
„Ja! In Lebekreisen ist er, glaube ich, bekannt.“
Burg wollte sich zurückziehen.
„Was ist?“ fragte ihn Frau Inge.
„Ich wollte die Dame abweisen.“
„Aber nein! — Wenn es Sie nicht stört,“ wandte sie sich an Häslein, und die erwiderte gar nichts — „so lasse ich bitten.“ Und gleich darauf rauschte Lola ins Zimmer — fesch, forsch und ohne Scheu.
„Ah!“ sagte sie, als sie Häslein erblickte, das persönlich zu kennen, lange ihr Wunsch war, und schien die Absicht zu haben, sie wie eine alte Bekannte zu begrüßen. Aber Häslein senkte den Kopf und schloß die schönen Augen, so daß Lola wütend den Mund verzog und stehen blieb. Alles das sah und verstand Frau Inge, verstieß Häslein zuliebe gegen die gesellschaftliche Form, wahrte sichtlich Distanz und bat Lola, Platz zu nehmen.
Lola wartete denn auch gar nicht erst Frau Inges Aufforderung ab, sondern plauderte munter drauf los.
„Sie müssen nämlich wissen,“ begann sie, „daß ich den Baron, dessentwegen ich komme, schon seit zweieinhalb Jahren kenne, und ich muß offen sagen, nächst dem schwedischen Grafen — ich weiß nicht, ob Sie ihn kennen, den großen, blonden, schlanken, der sich so in den Hüften wiegt, wenn er geht, beinahe wie ein Mannequin — Ich sage Ihnen, Sie lachen sich tot — aber man gewöhnt sich dran — also jedenfalls, ich muß offen sagen, wenn Sie mich vor die Wahl stellen, ob ich lieber auf den Grafen oder den Baron verzichte — ich glaube fast, ich entscheide mich für den Grafen.“
„Ja, was geht das mich an, für wen Sie sich entscheiden?“ fragte Frau Inge.
„Oho!“ erwiderte Lola. „Das geht Sie sehr viel an! Oder glauben Sie, ich merke nichts? Ich merke alles! Da brauche ich mit einem Mann nur zweimal zusammen gewesen zu sein, dann weiß ich, klappt’s oder klappt’s nicht.“
„Und was, bitte, haben Sie bemerkt?“
„Bei den meisten, ich muß sagen, da pfeif ich drauf, ob sie mich oder eine andere nehmen. So bin ich! Das dürfen Sie mir glauben! Ich gönne jeder ihr Glück. Aber an den schwedischen Grafen und den Baron, da kommt mir keiner! Zwei Männer darf eine Frau wie ich ja wohl beanspruchen.“
„Und Sie fürchten, daß ich Ihnen den Baron ...“
Lola lächelte und machte eine ablehnende Handbewegung.
„Furcht vor Frauen kenne ich nicht! Und dann: es gibt soviel Männer! Hier allein wohnen doch fünf!“
„Das stimmt,“ bestätigte Frau Inge.
„Wenn ich nicht irre, sogar der reiche Rolf!“
„Auch das ist richtig!“
„Da halten Sie sich doch an den!“
Häslein wurde unruhig, beherrschte sich aber.
„Ich muß sagen,“ fuhr Lola fort, „so schön ist der Baron doch nicht.“
„Auf seine Schönheit hin habe ich ihn mir offen gestanden noch nicht angesehen,“ erwiderte Frau Inge.
„Worauf denn?“ fragte Lola erstaunt und sagte mit einem Blick auf ihre Perlenkette: „Ich muß sagen, Sie machen nicht den Eindruck, als ob Sie auf Geld zu sehen brauchen.“
„Heutzutage,“ meinte Frau Inge lächelnd.
Lola erregte sich:
„Sie geben also zu?“
In diesem Augenblick erschien Burg und meldete:
„Fräulein von Strichlitz.“
„Was will denn die?“ entfuhr es Frau Inge, und Burg erwiderte:
„Sie behauptet, Frau Baronin dringend sprechen zu müssen.“
„Ich habe so ein Gefühl,“ sagte Frau Inge mehr zu sich, „als ob auch sie ...“ — Sie überlegte einen Augenblick lang und sagte dann: „Ich lasse bitten.“
„Noch eine?“