Die Chroniken Aranadias I - Die Tochter des Drachen. Daniela Vogel
denn, laut Herold, soll es sich bei der Entführung um eine Verschwörung von höchster Stelle handeln. Man nimmt an, dass einige Adelsfamilien die Königin aufgrund ihrer rücksichtsvollen Regierung aus dem Weg schaffen wollten, um so an die Macht zu gelangen. Rilana soll so lange versteckt werden, bis sichergestellt ist, dass Roxane auch wirklich tot ist. Man sagt sie wollen die Prinzessin als Marionette auf den Thron setzen, um den zweifelhaften Bedürfnissen dieser Königsgegner zu Willen zu sein. So viel zur offiziellen Fassung.«
»Das verkünden die Herolde? Im Ernst?«, Ruben war überrascht und wütend zugleich. »Dass ich nicht lache! Roxane und rücksichtsvoll? Sind die Leute hier blind und von allen guten Geistern verlassen, oder wollen sie ihre Augen und Ohren nur vor der Wahrheit verschließen? Es würde mich nicht wundern, wenn Roxane diese Geschichte nur erfunden hat, um mit ihrer Hilfe einige lästige Untertanen los zu werden. Das würde haargenau zu Ihr passen.« Lukas nickte.
»Dennoch eins steht auf jeden Fall fest; darin sind sich nämlich alle einig. Die Prinzessin ist entführt worden.«
»Wer ist eigentlich dieser Archibald von Arosa?«, bohrte Ruben nach.
»Er ist der Waffenmeister der Königin. Wie ich hörte, ein äußerst verschlagener, alter Haudegen. Steht schon seit vielen Jahren in Roxanes Diensten. Er soll nicht gerade zimperlich mit Gefangenen umgehen.« Ruben setzte sich nachdenklich zurück an den Eichentisch, dabei flackerte die Kerze, durch seine Bewegungen, bedrohlich auf.
»Kann ich jetzt auch noch die inoffizielle Version hören?« Lukas blaue Augen leuchteten, wie die einer Katze, im Kerzenschein.
»Also gut. Nun die Inoffizielle: Du weist ja, dass ich gut darin bin, Informationen, die eigentlich nicht für die Ohren der Allgemeinheit bestimmt sind, zu beschaffen und es ist mir eine Freude ...«, Ruben verdrehte die Augen.
»Lukas! Lass das! Raus mit der Sprache oder du landest doch noch in der Fischtonne. Du machst mich wahnsinnig!« Lukas grinste breit.
»Ist ja schon gut. Ich erzähle ja schon, was ich herausgefunden habe. Aber darf ich mich vorher noch setzen und, ach ja, willst du mir nichts zu trinken anbieten, mein Mund ist schon vollkommen trocken und ich glaube nicht, dass ich in diesem Zustand weiter erzählen kann!« Lukas wartete nicht einmal Rubens Antwort ab. Er setzte sich einfach auf den Stuhl, der Ruben gegenüber vor dem Eichentisch stand. Mit einer schnellen Bewegung griff er sich einen Silberbecher und füllte ihn mit Wein aus einer Karaffe. Nachdem er ihn vollständig geleert hatte, nahm er ihn mit einem Ruck von seinem Lippen und ließ ihn auf die Tischplatte knallen. Schließlich wischte er sich mit der einen Hand über die Mundwinkel und streckte seine andere aus, um erneut nach der Karaffe zu greifen.
»So hast du nun alles, oder soll ich dir noch eine Hure kommen lassen, die dir vorher gefällig ist?« Lukas hielt in seiner Bewegung inne. Scheinbar schockiert sah er Ruben in die Augen.
»Wie kommst du darauf, dass ich nur Zeit schinden will?« Gespielt beleidigt, ergriff er nun die Karaffe und goss seinen Becher wiederum voll Wein. »Aber, in Ordnung. Ich werde jetzt erzählen, was ich weiß.« Der junge Mann schlug lässig die Beine übereinander und lehnte sich anschließend zurück. »Schütte dir auch lieber etwas Wein ein. Du wirst ihn brauchen!« Ruben sah seinen Gegenüber verständnislos an, ergriff dann aber ebenfalls einen Becher, füllte ihn und lehnte sich ebenfalls zurück.
»Wie ich aus zuverlässigen Quellen weiß,« begann Lukas nun zu erzählen, »traf vor einigen Tagen ein Bote aus Baranagua bei der Königin in Barwall ein. Er bat um eine Audienz, die ihm nach langem Hin und Her dann auch letztendlich gewährt wurde. Der Bote überbrachte Geschenke für die Königin und Prinzessin Rilana von König Samuel. Anschließend übergab er noch einen Brief an Roxane. Sie öffnete die Nachricht, las sie und wurde daraufhin kreidebleich. Kurzerhand befahl sie ihren Wachen, den Boten unverzüglich gefangen zu nehmen und ihn auf der Stelle in den Kerker zu werfen. Der arme Mann wusste nicht, wie ihm geschah und landete im tiefsten Kellerverlies des Schlosses. Von dort verschwand er dann, wie von Geisterhand, in der darauf folgenden Nacht. Man erzählt sich, Roxane und de Beriot haben ihn schnell und diskret aus dem Weg geräumt.«
»Das entspricht schon eher ihrem Charakter! Er hat vermutlich jemanden als Boten mit einer Nachricht losgeschickt, um zu erreichen, dass Roxane sich an Williams Versprechen erinnert. Das hat der Königin nicht gepasst. Sie nahm wahrscheinlich an, dass er der letzte Versuch Samuels sei, sie an die Vereinbarung zu erinnern. Und so hat sie ihn einfach verschwinden lassen. Ich habe auch, so eine vage Ahnung, wen er geschickt haben könnte. Verdammter Mist!«
»Charles?«
»Ja, Charles, Gott sei seiner Seele gnädig. Ich hoffe nur, dass er vor seinem Tod nicht allzu viel erzählt hat.« Ruben sah Lukas nachdenklich an. Der andere erwiderte seinen Blick.
»Wenn Charles tot ist, dann ist er jetzt alleine unterwegs, und wenn Charles geredet hat, könnte dein Vetter schon lange das Los seines Dieners teilen. Ich sagte ja schon, er sieht nicht gerade unauffällig aus.«
»Genau das, macht auch mir Sorgen. Er hat möglicherweise Charles in seinem jugendlichen Leichtsinn losgeschickt, ohne sich vorher Gedanken über die Konsequenzen zu machen. Wahrscheinlich hat er nicht damit gerechnet, dass Roxane sofort handelt.«
»Aber weiter, meine Geschichte ist noch nicht zu Ende. Aufregen kannst du dich noch später und ich denke du hast allen Grund dazu. Roxane entließ im Anschluss daran, ihren gesamten Hofstaat und ließ de Beriot rufen. Es gab einen gewaltigen Streit zwischen den beiden. Sie beschuldigte de Beriot, nicht alle erforderlichen Maßnahmen getroffen zu haben. Sie hätte ihm doch bereits vor Jahren befohlen, alle Boten Baranaguas schon an der Grenze abzufangen. Es wäre zu gefährlich, sie bis ins Schloss vordringen zu lassen. Rilana sei kein Kind mehr, das sollte er stets Bedenken. Außerdem sollte er doch dafür sorgen, dass Samuel endlich die Hoffnung auf eine Einlösung des Versprechens aufgebe. Er wüsste doch nur zu gut, dass sie andere Pläne mit Rilana hätte. De Beriot beteuerte unterdessen, alles Erdenkliche getan zu haben, um zu verhindern, dass das Ehrenwort des toten Königs eingelöst werden müsste.« Lukas beäugte Ruben, dessen Miene immer düsterer wurde und dessen Mundwinkel gefährlich zu zucken begangen.
»Und wir wissen beide, was er damit gemeint hat!« Ruben schlug mit der Faust auf den Tisch. Er erinnerte sich nur zu gut daran, dass die Boten seines Onkels, König Samuels, seit Jahren schon nicht mehr lebend nach Baranagua zurückgekehrt waren. Entweder verschwanden sie einfach, oder man schickte sie stückweise, mit den besten Grüßen an den König in ihre Heimat zurück. Andere Könige hätten wahrscheinlich schon längst unmissverständliche Schritte eingeleitet, aber, sein Onkel wollte, um der alten Freundschaft mit König William Roxanes verstorbenen Ehemann willen, zwischen den beiden Ländern kein Blut vergießen. Deshalb hatten Ruben und sein Vetter, der Sohn König Samuels, auch beschlossen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, zumal Rilana Mitte des Jahres bereits achtzehn Jahre alt würde und somit der Vereinbarung nichts mehr im Wege stünde. Sein Onkel hatte widerwillig ihrem Plan zugestimmt. Er vertraute darauf, dass Ruben und die anderen bereit wären, das Leben seines einzigen Sohnes und Erben, mit aller Macht zu schützen. Aber Ruben hatte mittlerweile den Eindruck, dass ihm die Sache mehr und mehr aus den Händen glitt. »Ich frage mich nur, was diese Hexe mit der Prinzessin vorhat? Etwas Gutes doch bestimmt nicht!«
Kapitel 4
Rilana starrte in die immer schwächer werdende Glut des Feuers. Die anderen wandten sich nun erneut ihren mit Wein gefüllten Bechern zu. Raoul lag inzwischen bewegungslos, etwas abseits, neben dem Feuer. Nur das leichte Heben und Senken seiner Brust verriet, dass er noch lebte. Sie hatte ihn zwar vor der Kälte gerettet, aber dennoch war sein allgemeiner Zustand besorgniserregend. Die Pfeilspitze steckte noch immer in seinem Bauch, und da er auf diesem lag, nahm sie an, dass sie sich, durch sein Körpergewicht, immer tiefer ins Fleisch bohrte. Sie musste dringend etwas unternehmen. Rilana erhob sich und näherte sie sich zögernd dem Gefangenen auf dem Boden.
»Was tut Ihr da?« Es war Wilburs Stimme, die sie aus ihren Gedanken riss.
»Ich sehe nach dem Gefangenen!«, erklärte sie. »Er hat sich noch immer nicht gerührt und ich möchte bloß feststellen, ob er noch lebt!«,