Die Chroniken Aranadias I - Die Tochter des Drachen. Daniela Vogel

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      »Lasst ihn in Ruhe! Er braucht Eure Hilfe nicht. Verschwendet Eure Energie nicht an ihn. Er ist es nicht wert!«

      »Das lasst nur meine Sorge sein!«, sie war wütend. Was bildete sich dieser grobe Kerl eigentlich ein, somit ihr zu reden.

      »Ich habe gesagt, Ihr sollt da weggehen. Habt Ihr vergessen, was er Euch angetan hat. Er verdient Eure Hilfe nicht.«

      »Und ich habe gesagt, dass es meine Entscheidung ist!«, erwiderte sie bissig. »Haltet Euch da raus.« Archibald grinste vor sich hin, während er der Unterhaltung scheinbar teilnahmslos folgte.

      »Wie Ihr wollt.« Rilana atmete aus, dabei kniete sie sich neben den bewusstlosen Raoul.

      »Könnt Ihr mich hören? Ihr müsst aufwachen!« Zaghaft berührte sie eine seiner Schultern. Er war eiskalt. Dunkelrote Linien zogen sich wie ein Gitternetz über seinen Rücken. An einigen Stellen hatte das Leder des Riemens so tief in die Haut geschnitten, dass feines Muskelgewebe zu erkennen war. Vorsichtig löste sie die Stofffetzen des Hemdes von den verklebten Striemen und fuhr mit ihren Fingern gedankenverloren sanft über jede Einzelne. Selbst unter dieser Berührung regte er sich nicht. Er lag weiterhin, wie eine bleiche, kalte Marmorstatue, neben ihr.

      Archibald beobachtete sie aus seinen Augenwinkeln. Er hatte recht gehabt. Irgendetwas stimmte nicht! Innerlich grinsend und zufrieden mit sich selbst, beobachtete er Rilanas weitere Bewegungen. Mein Gott, dachte er, sie ähnelt ihrem Vater mehr, als ich es zunächst angenommen habe. Diese Entführung war im Grunde der reinste Segen. Er musste nur weiterhin abwarten. Vielleicht löste sich auf diese Weise sein Problem von ganz allein.

      Rilana war so in Gedanken versunken, dass sie die Blicke des alten Haudegens gar nicht bemerkte. Großer Gott! Was hatten sie ihm nur angetan?

      »Können wir ihm nicht das Joch abnehmen? In diesem Zustand kann er doch sowieso nichts gegen Euch ausrichten!«

      »Was soll das denn schon wieder? Wollt Ihr es nicht begreifen, oder könnt Ihr es nicht? Er hat Euch entführt und hätte Euch töten können!«

      »Hat er aber nicht!«

      »Wir wissen nicht, woher er kommt! Wir wissen noch nicht einmal seinen Namen und Ihr verlangt allen Ernstes, dass wir ihm die Fesseln abnehmen? Kommt nicht infrage!«

      »Ich meine ja auch nicht, dass Ihr ihn ganz freilassen sollt. Ich rede nur davon, ihm das Joch abzunehmen. Er ist viel zu schwach, um zu fliehen. Wer weiß, vielleicht übersteht er nicht einmal diese Nacht.« Sie wurde noch wütender. »Wenn wir ihn hier weiter so liegen lassen, dann hätten wir ihn auch gleich im Schnee erfrieren lassen können. Wäre doch schade, wenn er stirbt, ohne vorher noch etwas gesagt zu haben.«

      »Das geht über meinen Verstand. Ihr wollt, glaube ich, wirklich, dass wir ihn losbinden! Seit Ihr von Sinnen, Frau?« Wilbur sprang entsetzt auf.

      »Ihr vergesst Euch! Dieser Ton mir gegenüber ist vollkommen unangebracht. Seht ihn Euch doch selbst an!« Ihre Wut wandelte sich allmählich in Verzweiflung.

      »Also gut, aber nur das Joch!«, diesmal war es Archibald, der sich einmischte. »Sie gibt vorher ja doch keine Ruhe. Aber wirklich nur das Joch. Ich habe nämlich nicht die leiseste Lust darauf, dass der Kerl hier im Morgengrauen verschwindet.« Archibald gab Werfried ein Zeichen. Sichtlich erleichtert atmete Rilana auf. Das war geschafft.

      Werfried entfernte nun den Holzklotz von Raouls Schultern, dann zog er einem weiteren Lederriemen aus seiner Tasche und fesselte erneut die Hände des Gefangenen, anschließend drehte er den jungen Mann auf seinen Rücken, sodass Rilana auch die Vorderseite ihres Entführers untersuchen konnte. Sorgfältig zog sie die Reste seines Hemdes auseinander, das steif an seinem Körper klebte. Die Stelle, in der noch immer die Pfeilspitze nebst einem Teil des Schaftes steckte, sah nicht besonders gut aus. Das Metall steckte tief in seinem Körper. Die Wundränder hatten sich bereits dunkelrot verfärbt. Sie blutete zwar nicht mehr besonders stark, aber dafür bildete sich mittlerweile an den Rändern eine gelbliche Flüssigkeit. Auch das noch, dachte sie.

      »Wir müssen die Pfeilspitze entfernen. Die Wunde eitert bereits. Noch ist er kalt, aber, ich schwöre euch, dass er im Laufe der nächsten Stunden fiebern wird. Er bekommt Wundbrand, wenn wir nicht etwas unternehmen!«, keinerlei Reaktion auf ihre Worte. »Ich habe gesagt, ...«

      »Ist ja schon gut, ich habe gehört, was Ihr gesagt habt!« Archibald rollte mit seinem gesunden Auge und erhob sich scheinbar widerwillig von seinem Platz. »Lasst mich einmal sehen, ob es wirklich so schlimm mit ihm steht!« Er begutachtete mit fachmännischem Blick Raouls Wunden. Dann befühlte er seine Stirn. »Ihr habt recht! Lasst uns sein Hemd ausziehen und holt eine Decke!« Rilana sah, wie der Ältere Raoul von den letzten Resten seines Hemdes befreite, in dem er sie mit einem Dolch vom Körper des Gefangenen schnitt, während sie eine Decke von ihren Schultern nahm und neben Archibald auf dem Boden ausbreitete. Dieser schob Raoul mit erstaunlicher Leichtigkeit auf die Unterlage. »Was ist? Wollt Ihr Wurzeln schlagen? Gebt mir noch eine Decke. Ich brauche noch eine! Es reicht nicht, den Untergrund abzudecken. Wir müssen ihn aufwärmen.« Archibalds Ton wurde fordernder. Werfried reagierte sofort. Er warf ihm eine weitere zu, dann wandte er sich erneut seinem Wein zu.

      »Ihr steht da, als wärt Ihr zu einer Salzsäule erstarrt! Ihr wollt, dass wir ihm helfen, dann tut auch etwas dafür! Geht und holt Wasser! Wir werden es brauchen. Es ist eilig!«, Archibald funkelte sie aus seinem einen Auge herausfordernd an. Was erwartete er von ihr? Dass sie sich weigern würde? Hielt er sie für solch eine verwöhnte Göre? Oder wollte er nur herausfinden, ob sie bereit wäre, sich für etwas, das sie wirklich wollte,die Finger schmutzig zu machen? Egal was es auch war, dass Eile geboten war, konnte auch Rilana sehen. Eilig suchte sie ein Gefäß, mit dem sie Wasser holen konnte. Sie fand einen Kessel, in dem Werfried am Abend das Essen zubereitet hatte. Sie griff danach und stampfte in die dunkle Nacht hinaus. Dabei hörte sie noch, wie Archibald seine Männer anfuhr. »Wir haben übertrieben. Das ist so sicher, wie das »Amen« in der Kirche. Ich hoffe nur, dass es noch nicht zu spät ist. Habe ich euch nicht gesagt, ...!«, seine letzten Worte konnte Rilana nicht mehr verstehen, denn sie lief, völlig verstört durch den Schnee, der bereits knöchelhoch den Boden bedeckte. Sie war froh, endlich eine Weile alleine zu sein. Auch, wenn die Männer sie nur beschützen wollten,so kam sie sich doch eher wie eine Gefangene vor. Es war schon merkwürdig, während ihrer Entführung, als sie mit Raoul alleine und auf der Flucht gewesen war, da hatte sie sich freier gefühlt, als jetzt. Nicht nur als jetzt, ergänzte sie, sondern eigentlich seit der Zeit, als sie begonnen hatte, selbstständig zu denken.

      Rilana atmete tief durch und genoss die Kälte, die ihr das Gesicht kühlte. Während sie so zu dem kleinen Gebirgsbach lief, schossen ihr Tränen in die Augen. Das alles war wirklich ein bisschen zu viel für sie.

      Hätte sie doch jemanden, mit dem sie reden könnte, schoss es ihr durch den Kopf. Ihr Vater hätte vielleicht dieser jemand sein können, aber sie hatte ihn ja kaum gekannt. Sie konnte sich nur noch an sein Lächeln erinnern, das jedes Mal auf seinem Gesicht erschienen war, wenn er sie auf seinen Schoß hob. Doch leider starb er bereits, als sie vier Jahre alt war. Damals gab es viele Schlachten, die meist dazu dienten, Aufstände niederzuschlagen oder die Grenzen zu sichern. Ihr Vater war deshalb nur selten im Schloss und wenn, dann widmete er sich vorwiegend seinen Regierungsgeschäften. Ihre Mutter erzählte ihr einmal, dass seinerzeit Baranagua, das Land, das im Gebirge an das ihre grenzt, von wilden Horden beherrscht wurde. Ihr Anführer, König Samuel, wäre der Schlimmste von allen. Seine Horden fielen in regelmäßigen Abständen in Aranadia ein, um plündernd und brandschatzend ihr Volk in Angst und Schrecken zu versetzen. Ihr Vater hatte verzweifelt versucht, die Angriffe der Wilden, wie er sie zu nennen pflegte, zurückzuschlagen, doch selbst er konnte sich gegen diese Übermacht nicht durchsetzen. Er war in einer dieser Schlachten ums Leben gekommen. Doch sein Tod blieb nicht ungesühnt. Seither waren die Grenzen ihres Landes sicher und ihr Volk hatte endlich die Ruhe gefunden, die es verdiente.

      Andererseits wurden aber auch hin und wieder Stimmen laut, die verkündeten, die Schlacht sei nur ein Vorwand gewesen, um ihren Vater aus dem Weg zu räumen. Samuel hätte niemals versucht, Aranadia anzugreifen, denn warum sollten Freunde, die einander seit


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