Die Chroniken Aranadias I - Die Tochter des Drachen. Daniela Vogel

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beinahe zu Tode gefoltert werden? Was seid Ihr nur für Menschen? Ihr widert mich an!«, sie schluchzte. »Er jedenfalls hätte mich von seinen Männern nicht so zurichten lassen!«

      »Seid Ihr Euch da sicher? Hat er Euch vielleicht etwas erzählt, was er uns verschwiegen hat?«

      »Das habe ich nicht gesagt! Aber, wenn Ihr überhaupt noch etwas von ihm erfahren wollt, dann solltet Ihr Eure Henkersknechte besser zurückrufen!«

      Trotz seines schlechten Gewissens konnte sich Archibald ein Grinsen nicht verkneifen. Er hatte genug gehört, fürs Erste. Seine Inszenierung hatte tatsächlich zum gewünschten Erfolg geführt. Zum Glück war Rilana so mit ihren Gedanken beschäftigt gewesen, dass sie nicht mehr auf die Männer auf dem Plateau geachtet hatte. Hätte sie weiterhin beobachtet, was dort vor sich ging, so hätte sie vermutlich bemerkt, dass Friedward und Werfried, Wilbur und ihren jungen Entführer, der kurz nach ihrer Ankunft bewusstlos zusammen gebrochen war, vor ihren Blicken schützten, während Wilbur neben dem jungen Mann kniete und mit dem Knüppel vor sich auf den Boden schlug und dabei herzzerreißend stöhnte.

      »Wilbur, hör auf! Es reicht!«, Wilbur störte sich nicht im Geringsten an seinen Worten. Er befand sich geradezu in Ekstase. »Wilbur!« Archibalds Stimme wurde lauter. »Hör endlich auf! Es reicht! Oder willst du etwa schon hier das zu Ende führen, was eigentlich Aufgabe der Königin sein sollte?« Wilbur hielt inne. Er zwinkerte Archibald zu. Dann plötzlich wurde es totenstill. Rilanas Blick wanderte noch einmal auf das Plateau. Raoul lag nun flach auf dem Bauch. Den schweren Holzklotz, wie ein Joch über seinen Schultern. Wilbur zog gerade die Lederbänder fest, die Raouls Handgelenke an den Klotz fesselten. Dann verschnürte er auch noch die Beine des Gefangenen. Anschließend entfernte er sich in Richtung Unterschlupf, während ihr Entführer einfach in der aufkommenden Dunkelheit liegen blieb. Als die Männer wieder vollzählig waren, begangen sie, sichtlich erleichtert, einen Becher Wein nach dem anderen zu füllen. Sie schütteten den schweren, roten Wein in sich hinein, als wäre er Wasser. Das war im Großen und Ganzen auch schon die einzige Beschäftigung, der sie nun schon seit Stunden nachgingen. Bis zum jetzigen Zeitpunkt.

       Kapitel 3

      Auf Andrass Straßen herrschte reges Treiben. Der Frühling hatte endlich Einzug gehalten. Die Bewohner der Stadt, die, die harten Wintermonate, meist in ihren Häusern verbrachten, rannten geschäftig durch die belebten Gassen, in deren Winkeln die Händler und Handwerker ihre Waren und Dienste feilboten. Es schien, als sei das Land endlich aus seinem Winterschlaf erwacht. Aranadias Hauptstadt, Andrass, war die einzige große Stadt des Landes mit einem Seehafen. Er stellte nicht nur eine wichtige Verbindung zur restlichen Welt dar, sondern war auch der bedeutendste Handelsstützpunkt des Landes. Da Andrass weit im Norden lag, verirrten sich während der langen Wintermonate nur selten Schiffe in diese abgelegene Gegend, zumal die stürmische See eine Überfahrt nahezu unmöglich machte. Allmählich schmolz die Frühlingssonne das Eis und die ersten Handelsschiffe fuhren in den Hafen ein. Es war jedes Jahr ein bewegendes Schauspiel. Die Fahnen und Segel der großen Handelsflotten blähten sich im Wind. Auf den Docks standen die Menschen und bejubelten, sehnsüchtig wartend auf die eintreffenden Waren, die Ankommenden. Aus dem ganzen Land versammelten sich die Kaufleute, um ihre eigenen Erzeugnisse gegen erlesene Stoffe und Gewürze zu tauschen. Es war ein ständiges Hin und Her.

      Am frühen Morgen war die »Persepolis«, ein großes Handelsschiff aus dem Süden, in den Hafen eingelaufen. Sie war mit allem, was das Herz begehrte, beladen. Honig, Getreide, Seidenstoffen und allerlei orientalischer Gewürze, alles von erlesener Qualität heiß ersehnt. Schon ihre Ankunft war eine Sensation. Ihr großer, schwerer Rumpf mit der Gold geschmückten Galionsfigur tanzte auf den Wellen und ihre roten Segel strahlten in der aufgehenden Sonne. Man sah ihr von vornherein an, dass sie etwas Besonderes war, nicht nur weil sie ohne Landesflagge fuhr. Dennoch oder gerade deshalb strömten die Menschen in Scharen zu dem imposanten Segler.

      Ruben stand an Deck und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Reling. Er war genauso imposant, wie sein Schiff. Er maß fast einen Meter neunzig und war von kräftiger Gestalt. Das Blau seiner Kleidung leuchtete schon von Weitem in der hellen Frühlingssonne. Aber, das Auffälligste an ihm war zweifellos, seine haselnussbraune Haut und die schulterlangen, glatten, schwarzen Haare, die durch die leichte, vom Meer kommende Brise, in sein Gesicht wehten. Er hatte einige seiner Männer, in der Morgendämmerung, direkt nach ihrer Ankunft, in das Hafenviertel geschickt, um Proviant für ihre Weiterreise an Bord zu nehmen. Marcus, sein erster Offizier war für diese Dinge geradezu prädestiniert. Er war in Verhandlungen äußerst geschickt und erzielte immer die besten Preise. Lukas, seinen Steuermann ließ er ebenfalls von Bord gehen. Allerdings mit einem speziellen Auftrag. Jetzt erwartete er die beiden Männer, die darüber hinaus zu seinen besten Freunden zählten, voller Ungeduld.

      Durch die Menschenmenge, die sich auf den Docks tummelte, sah er, wie Marcus sich seinen Weg zurück zum Schiff bahnte.

      »Aye, Marcus! Hast du alles erledigt!«

      »Aye, aye, Kapitän! Ganz schön abgefeimte Hunde hier. Aber, es ist alles so gelaufen, wie ich es mir vorgestellt habe. Für ein paar Ballen Stoff füllen sie unser Lager wieder.«

      »Ich hätte es auch nicht anders von dir erwartet.« Ruben grinste den jungen Mann, der jetzt vor ihm stand breit an. Marcus war fast einen Kopf kleiner als Ruben. Er trug seine dunklen, lockigen Haare kurz geschnitten unter einer Art Kopftuch. Sein rechtes Ohr zierte ein riesiger Ohrring und in seinem Gesicht wuchs ein kleiner Ziegenbart.

      »Ich hätte nicht erwartet, dass hier so viel los ist. In der Stadt wimmelt es nur so von Händlern.« Marcus strich sich über seinen Kinnbart. Eine Angewohnheit, über die sich Ruben sonst köstlich amüsieren konnte, doch heute erregten andere Dinge seine Aufmerksamkeit.

      »Ich habe gehört, dass es jedes Jahr hier so zugeht. Die Winter sind hart und lang in Aranadia. Sobald der Frühling beginnt, kriechen sie alle aus ihren Hütten und strömen in die Stadt. Uns kann es doch nur recht sein. Zum Einen fallen wir dann nicht auf und zum Anderen erfahren wir vielleicht mehr.« Ruben zwinkerte Marcus zu, der sein Gesicht zu einem breiten Grinsen verzog. »Hast du Lukas irgendwo gesehen?«

      »Nachdem wir heute Morgen gemeinsam von Bord gingen, hat er sich sofort in das Gewühl gestürzt, um auf direktem Wege in die Hafenschenke zu gehen. Seit dem habe ich nichts mehr von ihm gehört.«

      »Merkwürdig!« Ruben strich sich die Haare, die ihm immer wieder in das Gesicht wehten, aus den Augen, während sein Blick suchend über die Menschenmenge auf den Docks glitt. »Das kann doch nicht so lange dauern! Er sollte ihn doch nur in der Spelunke treffen und dann auf dem schnellsten Weg zum Schiff zurückkehren. Hoffentlich ist nichts schief gegangen!« Ruben machte ein nachdenkliches Gesicht und starrte weiterhin, wie gebannt, auf die tosende Menge auf den Docks.

      »Was soll denn schon schief gegangen sein? Es wird doch wohl nicht allzu schwer sein, jemanden unbemerkt in einem Gasthaus zu treffen. Außerdem sind wir es doch gewohnt, deine Aufträge so unauffällig wie möglich auszuführen.« Marcus Worte sollten ihn zwar beruhigen, dennoch wurde Ruben langsam zunehmend nervöser. Lukas war bereits vor Stunden aufgebrochen. Das Treffen sollte kurz nach Sonnenaufgang stattfinden und jetzt war es bereits Mittag.

      »Ahmed!«, forderte er einen seiner Matrosen auf. »Klettere in den Ausguck und sieh nach, ob du Lukas von oben irgendwo ausmachen kannst!« Ruben wusste zwar, dass es bei dieser Menschenmasse nahezu unmöglich war, einen Einzelnen zu erkennen, es beruhigte ihn aber ungemein, es wenigstens zu versuchen.

      »Aye, aye, Kapitän!« Der angesprochene Matrose kletterte in die Wanten, stieg in den Ausguck und hielt Ausschau, während Ruben ihn mit seinen Blicken verfolgte.

      »Nichts zu sehen, Kapitän!«

      »Das habe ich mir gedacht!«, Ruben beugte sich daraufhin nervös über die Reling und starrte erneut in die Menge.

      »Mit deiner Starrerei machst du es auch nicht besser«, bemerkte Marcus, während er ihn beobachtete. »Mach dir keine Sorgen. Er wird bestimmt gleich zurückkommen. Deinem Cousin geht es gut. Du wirst schon sehen. Die beiden haben bestimmt vor lauter Wiedersehensfreude die Zeit vergessen.«, Ruben trat von der Reling zurück


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