Die Chroniken Aranadias I - Die Tochter des Drachen. Daniela Vogel

Die Chroniken Aranadias I - Die Tochter des Drachen - Daniela Vogel


Скачать книгу
zusammen, tuschelten und schienen über irgendetwas angeregt zu diskutieren. Dies wurde von den Anwesenden zwar registriert, aber dennoch nicht für ungewöhnlich erachtet, denn unterschwellig heißt es schon lange, dass Roxanes und de Beriots Beziehung nicht nur dem Wohle des Landes diene. Wie dem auch sei. Danach verlief das Fest ohne weitere Zwischenfälle!« Lukas spielte nervös mit dem Becher, der vor ihm stand. Er beobachtete Ruben, dessen Augen im flackernden Kerzenlicht immer dunkler wurden. »Ich glaube,« setzte er erneut an, »Roxane und de Beriot haben die Gunst der Stunde sofort erkannt. Der Adel ist nicht gerade von Roxane begeistert. Auch de Beriot ist vielen ein Dorn im Auge, zumal sein Einfluss auf die Königin nahezu unbegrenzt zu sein scheint. Die beiden wussten genau, wie sie diese Geschichte zu ihrem Vorteil ausschlachten konnten. Zum einen werden sie auf diese Weise die unbequemen Adeligen, die ihnen das Handwerk legen wollen, los, und zum anderen bestärken sie so ihre Untertanen in dem Glauben, dass sie, sagen wir es einmal so, übernatürliche Fähigkeiten besitzen. Niemand wird mehr an der »Allmacht« ihrer »geliebten« Königin zweifeln und sie kann endlich tun und lassen, was sie will!« Ruben holte zum wiederholten Male tief Luft.

      »Was ich allerdings noch immer nicht verstehe«, fuhr Lukas fort, bevor Ruben etwas erwidern konnte, »wie will sie es schaffen, dass der Entführer ihre Version der Geschichte bestätigt? Wie will sie ihn dazu bringen, in aller Öffentlichkeit Namen preiszugeben, die er vermutlich nicht einmal kennt? Gesetzt der Fall, er«, Lukas deutete auf den Siegelring, »war der Entführer, dann glaube ich nicht, dass er, egal, was sie auch mit ihm anstellen, bereit wäre, Unschuldige vor aller Augen ans Messer zu liefern. Das wäre doch eindeutig gegen seine Prinzipien. Eher würde er unseren guten Charles nachahmen, bevor er sich zu solcherlei Frevel herablassen würde. Du weißt, so gut, wie ich, dass er störrisch, wie ein Maultier sein kann. Das liegt bei euch in der Familie. Nur, wenn Roxane ihm öffentlich den Prozess machen will, dann muss sie sichergehen, dass er auch genau das sagt, was sie hören will, denn sonst wäre ihre Vorgehensweise vollkommen sinnlos!«

      »Wir müssen unbedingt in Erfahrung bringen, welchen Adeligen Roxane so dermaßen verabscheut, dass sie ihn schnellstmöglich aus dem Weg schaffen würde. Hör dich um, vielleicht erfährst du ja irgendetwas! Aber vielleicht gehen unsere Gedanken ja auch in die falsche Richtung.« Erneut starrte Ruben auf die Karaffe, auf deren glänzender Oberfläche das Licht der Kerze einen Drachenkopf zeichnete. Ruben erschrak. Das konnte nicht sein! Er musste ihn sich nur eingebildet haben. Müde schloss er die Augen. Als er sie wieder öffnete, war das Bild verschwunden. Es war also wirklich nur Einbildung gewesen.

      »Ruben!«

      »Hmm?«

      »Da ist noch etwas, was mir nicht aus dem Kopf gehen will! Was plant Roxane während der Sonnwendfeier mit Rilana? Bis dahin sind es noch genau drei Tage. Ich weiß nicht, was sie vorhat, aber anscheinend ist es für sie von enormer Wichtigkeit. Sie setzt alles daran, die Prinzessin noch vor dieser Nacht ins Schloss zu bekommen, sonst hätte sie niemals Archibald von Arosa losgeschickt. Es würde mich nicht wundern, wenn er dem Entführer bereits auf den Fersen wäre. Zum Henker! Er hat schon ...!«

      »Meinst du, er war es?« Ruben zog es vor, seinen Gegenüber zu unterbrechen.

      »Wer, Archibald?«

      »Nein, er!«, Ruben deutete auf den vor ihm liegenden Ring.

      »Könnte gut möglich sein! Was rede ich da? Es könnte nicht nur möglich sein, sondern ich bin mir fast sicher, dass er es war!« Ruben nickte.

      »Zu diesem Schluss bin ich auch gekommen! Dieser verfluchte Idiot! Es reicht ihm ja nicht, dass seine bloße Anwesenheit in diesem Land schon gefährlich genug für ihn ist. Nein, anstatt sich im Verborgenen zu halten, spielt er sich hier als Entführer auf! Welcher Teufel mag ihn nur dazu getrieben haben?«

      »Einer mit feuerroten Haaren befürchte ich!«

      »Lukas lass das! Wir haben schon genug Probleme. Ich kann deinen Zynismus nicht auch noch ertragen! Weißt du, was an der ganzen Geschichte das Schlimmste ist? Ich war es, der meinen Onkel bedrängt hat, ihn ziehen zu lassen. Ich musste ihm schwören, seinen Sohn zu beschützen und koste es auch mein Leben. Und jetzt? Nicht einmal dieses Versprechen konnte ich halten! Wenn ihm etwas zustößt, werde ich meinen Onkel nie wieder unter die Augen treten können! Aber, wie, in Gottes Namen hätte ich auch damit rechnen können, dass er, sobald ich ihm den Rücken kehre, all unsere Pläne über den Haufen wirft und uns alle in Gefahr bringt! Bei Gott!«, Ruben schrie den Siegelring an. »Du musst wirklich gute Gründe für dein Handeln haben, sonst werden nicht sie, sondern ich dir den Rest geben! Du wusstest doch, dass dies hier kein Spiel ist! Es ist tödlicher Ernst. Ich hätte niemals für möglich gehalten, dass du so wenig Verstand besitzt!«

      »Mach dir jetzt bloß keine Vorwürfe! Erstens wissen wir immer noch nicht genau, ob er es war. Wir vermuten es zwar, aber wir haben keine Gewissheit und irren ist menschlich! Zweitens waren wir zum Zeitpunkt des Geschehens noch auf hoher See und hätten es deshalb auch nicht verhindern können, und drittens: Du bist nicht seine Amme!«

      »Nein, das bin ich wirklich nicht!«, Ruben seufzte. »Aber, wenn er es war, dann muss uns schnell etwas einfallen. Wir können ihn auf gar keinen Fall in den Klauen dieser Hexe und ihres Handlangers lassen. Es steht einfach zu viel auf dem Spiel. Was meinst du, was erst geschieht, wenn sie seine wahre Identität herausfinden?« Ruben starrte zum wiederholten Male auf den Siegelring. Auch Lukas richtete seine Augen auf das Schmuckstück. Die Stille, die sich nun ausbreitete, wurde nur noch durch das Plätschern des Wassers, das in unregelmäßigen Abständen gegen die Schiffsplanken klatschte, unterbrochen. Eine ganze Zeit verharrten die Männer in Schweigen, dann erhob Ruben erneut seine Stimme. »Geh jetzt und suche Marcus! Wir brauchen dringend einen Plan! Wenn du ihn gefunden hast, komm unverzüglich mit ihm hierher! Und ich sage das nicht nur so, ich meine das auch! Unverzüglich hörst du! Wir besprechen dann alles Weitere!« Lukas erhob sich zögernd von seinem Platz.

      »Bist du dir sicher, dass ich dich hier alleine lassen kann?«

      »Das geht schon in Ordnung! Ich brauche dringend etwas Ruhe, um meine Gedanken zu ordnen. Geh jetzt! Wir sehen uns später!« Lukas verließ den Raum. Kurz bevor die schwere Eichentür ins Schloss fiel, drehte er sich noch einmal um. Ruben starrte noch immer völlig geistesabwesend auf den Ring, der vor ihm lag. In deiner Haut möchte ich nicht stecken! Dann betrat er die Stiege und lief eilig hinauf, um Marcus zu suchen.

      Als die Tür zufiel, zuckte Ruben unwillkürlich zusammen. Mein Gott, dachte er, das konnte doch einfach alles nicht wahr sein und wenn doch? Wie würde es dann enden? Vater, warum bist du nicht hier? Immer, wenn ich dich am Meisten brauchte, warst du nicht da, um mir beizustehen! Du und dein verfluchter Drang nach Gerechtigkeit! Warum musste ich gerade diese Eigenschaft von dir erben?

      Das Bild seines Vaters erschien in seinen Gedanken. Er konnte ihn so deutlich vor sich sehen, als wäre er erst gestern verschwunden, obwohl diese schicksalsreiche Nacht bereits sechzehn Jahre zurücklag. Diese Nacht würde Ruben sein Leben lang nicht vergessen. Draußen tobte ein Unwetter. Es stürmte. Blitze erhellten den schwarzen Himmel. Donner ließen die Wände ihres Hauses erzittern und es goss in Strömen. Der Wind fuhr durch die hölzernen Fensterläden, sodass sie fortwährend klapperten. Jedes Mal, wenn er sich seinen Weg durch die Ritzen bahnte, heulte er unheimlich auf, während er mit den leichten Vorhängen spielte und sie in den Raum wehte. Ruben, damals vierzehnjährig, lag in seinem Bett. Er konnte nicht einschlafen. Jeder Blitz formte aus den Vorhängen, dunkle, mysteriöse Gestalten, die nach ihm zu greifen schienen. Ängstlich war er unter die Bettdecke gekrochen, in der Hoffnung, ihnen so vielleicht zu entgehen. Plötzlich hörte er entfernte Schritte. Sie hallten über den steinernen Fußboden, kamen näher und verstummten schließlich neben seinem Bett. Er hatte verzweifelt seine Augen zugekniffen und sich schlafend gestellt.

      Mit einem Mal, fühlte er eine Hand, die behutsam seine Decke zur Seite schob und ihm dann sanft über seine Haare strich. »Lebe wohl, mein Sohn!« Es war die Stimme seines Vaters, die ihm leise in sein Ohr flüsterte. »Ich weiß nicht, ob du mich hören kannst, aber ich bin es dir schuldig, mich wenigstens von dir zu verabschieden. Vielleicht sehen wir uns niemals wieder, doch glaube mir, auch mir fällt es nicht leicht, dich hier allein zurückzulassen. Wenn du etwas älter bist, wirst du mich


Скачать книгу