17. Mike Müller-Reschreiter

17 - Mike Müller-Reschreiter


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rüde Art, uns anzutreiben, ist uns verhasst, doch leuchtet es uns ein, dass sie lebensnotwendig ist.

      Gruber ist ein normal gewachsener Mann. Nicht zu groß, nicht zu klein. Er scheint sich mit allem, was ihn ausmacht, immer im Mittelfeld zu bewegen. Nur seine tiefe raue Stimme will nicht so recht zu seiner Optik passen, das war wohl eine Verfehlung der Natur?

      Folgendes steht in seinem Tagebuch:

      (Bei unserer Gefangennahme später kam ich in dessen Besitz. Ich konnte es in den Sekunden unserer Gefangennahme, als der Faden zwischen Leben und Tod fast zu zerreißen drohte, an mich nehmen und steckte es mir ins Unterzeug!)

      „Was zum Henker soll ich mit diesen Halbwüchsigen anstellen?“

      „Murmeln?“

      „Kinderlandverschickung ist nur sinnvoll, wenn man sie von der Front weg verbringt!“

      Kapitel 2 (Kohldampf)

      Im Nest ist es ungemütlich. Steine bohren sich spitz in den Hintern und durch den Boden kriecht die Kälte ins Mark. Zudem wächst mein Hunger ins Unermessliche.

      „Heinz, du hast doch den Krämerladen gesehen, als wir in den Ort kamen? Ob da noch was Essbares zu finden ist?“ Heinz zuckt die Frage beiseite. „Mensch, ich habe so einen Kohldampf!“

      „Habe ich auch, Harry!“ Heinz lehnt halb über der Säge und hält seinen Blick stur auf die Straße gerichtet. „Der Alte wird schon was organisieren, also beiß die Zähne zusammen!“ Aber von Versprechungen oder Aussichten werde ich nicht satt. Wir sind ja nur noch Haut und Knochen. Die Versorgung der Truppe hat sich so gut wie aufgelöst und man muss selbst zusehen, dass man etwas zwischen die Zähne bekommt. In meiner Verzweiflung kaue ich auf einem Stück Lederriemen herum. Trensenkatschen!

      Hinter uns klacken Stiefel auf der Straße. Die Dunkelheit nimmt mir jede Sicht. Ich lade meinen Karabiner durch und richte ihn ins Ungewisse. „Halt, wer da?“, werfe ich zitternd ins Dunkel.

      Die Stimme, die mir antwortet, lässt mich zusammenfahren.

      „Feldwebel Gruber!“ Heinz verharrt stur in seiner ursprünglichen Position. Er hat sich vermutlich dennoch, genau wie ich, fast in die Hose gemacht. Gruber schält sich aus der Dunkelheit. Seine Augen sind tief im Gesicht vergraben, aber ich kann seinen Ärger darin deutlich erkennen. „Friedrich, nehmen Sie den Zeigefinger vom Abzug!“ Heinz dreht seinen Kopf beiseite und löst seine verkrampfte Hand vom MG. „So nervös wie Sie sind, vergeuden Sie nur Munition. Hebrank! Sie übernehmen das Maschinengewehr ab sofort! Klar?“

      „Jawohl, Herr Feldwebel!“ Ich tausche mit Heinz den Platz. Der sieht den Alten an, als würde man ihm sein Spielzeug wegnehmen wollen. „Wenn ich eines gelernt habe, dann, dass ein nervöser Zeigefinger alles versauen kann. Der Russe ist nicht weit und gute Ohren hat der auch. In einer halben Stunde ist Wachablösung, also tut mir einen Gefallen und schießt eure Kameraden nicht über den Haufen!.Die Parole ist Wintergarten, merken!“ Wir beide salutieren im Sitzen und er verschwindet wieder in der Schwärze der Nacht. Jetzt bin ich MG-Schütze und habe auf einmal meinen Hunger vergessen. Insgeheim freut mich das, man könnte auch meinen, dass ich so etwas wie Schadenfreude empfinde.

      Heinz spricht kein Wort mit mir. Es ist mir unangenehm, neben ihm zu hocken, denn er lässt mich seinen Ärger, doch auch schweigend, spüren. Ich versuche dutzende Male, ein Gespräch zu beginnen, doch mir bleiben alle Worte im Halse stecken. Wir verbringen also den Rest unserer Wache damit, in die Nacht zu lauschen, die sich beinahe geräuschlos dahinzerrt. Wie im Auge eines Sturmes gebärdet sich unser Umfeld, das noch weitgehend vom Kriege unberührt ist. Wenn ich mir den Krieg vorzustellen versuche, flattern mir nur die schwarz-weißen Bilder durch den Kopf, welche wir im Kino gesehen hatten.

      Bis auf den schrecklichen Unfall, bei dem der Kamerad Karl Lüpke ums Leben kam, habe ich die Realität des Krieges noch nicht wirklich erfassen können. Das trifft auch auf den Rest unseres Haufens zu. Bis auf Ausnahme des Alten, der vermutlich zu viel davon gesehen hat.

      Ich leuchte unter der Plane auf meine Uhr. Es ist bereits gegen drei Uhr morgens. Die Ablöse müsste auf dem Weg zu uns sein. So tippe ich Heinz sachte auf die Schulter. Das Schweigen bricht sich.

      „Unsere Zeit ist um, Heinz.“

      „Na, Gott sei Dank, die Kälte hat mir den Arsch gefrieren lassen“, raunzt und ächzt der.

      „Bist du noch sauer?“ Heinz glotzt mich mit seinem typisch einschüchternden Blick an.

      „Ach Quatsch, Harry“, winkt er nur ab. Das konnte ich ihm zwar nicht abnehmen, hake aber nicht weiter nach.

      Zwei Spaziergänger, die Gefreiten Mayer und Krahl, latschen uns entgegen. Beinahe wie frischgeschlüpfte Mannequins flanieren die zwei zu uns rüber.

      „Fehlt nur noch, dass die Händchen halten“, feixe ich leise.

      „Macht ihr einen Nachtspaziergang? Euer Getrampel hallt ja bis sonst wo!“, fährt Heinz den beiden in die Parade.

      „Ach, reg dich ab, Friedrich“, wirft Krahl ihm entgegen und schiebt sich lässig seinen Helm in den Nacken. Krahl ist wie Friedrich ein groß gewachsener Kerl, der Hände so groß wie Klodeckel besitzt.

      Eine rüde Natur, die nicht lange fackelt, wenn es ihr zu weit geht. Er ist ein Waldschrat aus einem Kaff irgendwo im Vogtland. Derart abgelegen, dass sich nicht einmal die Füchse dorthin verirren wollen. Ein Muskelpaket mit dem Hirn einer Kellerassel. Dennoch kriechen ihm die meisten in den Arsch. Die haben alle Schiss vor diesem Troll. Und der weiß das auch ganz für sich auszunutzen.

      Friedrich und Krahl begegnen sich auf Augenhöhe, stehen sich prüfend gegenüber und ich befürchtete eine Rangelei. Gott bewahre! Nur nicht das auch noch. Der Alte würde ausflippen und uns alle glatt streichfähig schießen.

      „Jetzt spielt euch nicht auf, seht lieber zu, dass ihr ins Loch kommt“, hacke ich mutig dazwischen. Wortlos entfernen wir uns und mir wackeln dabei die Knie. Krahl und Mayer rutschen in die Stellung. Narren sind und bleiben Schonkost?

      „Parole?“ Krahl dreht sich zu mir um. Ich sehe nur noch seinen Umriss aus der Senke ragen. Trocken und abwertend dringt Wintergarten aus seinem Mund.

      „Diesem Krahl donnere ich noch mal eine, die sich gewaschen hat, das kannst du mir glauben, Harry.“

      „Ach vergiss den doch, Heinz! Der scheißt sich noch beizeiten ein.“ Heinz kann sich aber nur schwer wieder abregen. „Schauen wir lieber, ob wir endlich was zu Futtern bekommen.“

      Der Rest unserer Truppe lümmelt vor der Kirche auf dem silbergrauen Rasen. Schräg gegenüber befindet sich das Postamt, in dem ein schwaches Licht flackert. „Ist da noch jemand?“ Wir gehen auf das Gebäude zu. Das Zauntürchen hängt lässig in der Kurve. Wir treten hindurch ins Innere, ohne uns was dabei zu denken.

      „Was zum Geier… was machen Sie denn hier?“, brüllt der Alte verdutzt.

      „Melden uns von der Wache zurück, Herr Feldwebel“, werfen wir ihm, ebenfalls erschrocken, dennoch gut pariert entgegen. Der Alte hockt mit unserem Freund Gerald am Tisch. Darauf steht ein Funk-Empfänger. Sturmreif geschossener Schrott! Gerald ist fast im Apparat verschwunden. Gruber wendet sich wieder dem Empfänger zu. „Und?“

      „Nichts zu machen, Herr Feldwebel, der ist komplett im Anus“, diagnostiziert Gerald süffisant.

      „Finden Sie denn keinen Weg? Ich brauche eine Verbindung!“ Wir stehen wie die Ölgötzen im Flur des Postamtes. Erstarrte Lachse!

      Ich lasse nebenher meinen Blick schweifen, finde aber nichts in meinem Sichtfeld, das verwertbar wäre. Ich stoße Heinz in die Seite. Er versteht und wir wollen wieder abzischen.

      „Mensch, Harry, ich habe dir doch gesagt, dass wir planlos durch die Gegend steuern. Wie soll der Alte auch wissen, wo unsere Armee herumgeistert ohne Sprechverbindung“, murmelt Heinz mir leise zu.

      „Flaschenpost


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