17. Mike Müller-Reschreiter
die leise über ihre Lippen rollen, teilen sie den dampfenden Inhalt mit uns. Jeder bekommt nur einen Löffel voll. Aus einer Konservendose Gemüseeintopf ist nicht viel herauszuholen, nicht für eine Gruppe von fünfzehn Mann.
Ich stochere in meinem Becher herum und esse jedes Stück Gemüse einzeln, damit ich länger was davon habe. Werner hockt mir gegenüber, er muss grinsen, als er mich bei meiner Erbsenzählerei beobachtet. Der Moment des Labens währt nicht lange. Unterscharführer Meinele kommt Zigarette qualmend auf uns zu und scheucht uns vom Boden auf.
„Mit Marschgepäck angetreten! Sofort, meine Herren!“ Der erste Eindruck dieses Knicks in Uniform bewahrheitet sich. Wir schmeißen unser Besteck in die Säcke, stellen uns in eine Reihe, machen rechts kehrt und folgen Meinele, der kurz darauf ein Waldstück ansteuert. Der Boden ist sumpfig. Wir sacken immer wieder ein. Diese Feuchtbiotope durchziehen große Teile dieser Gegend.
Um diesen Umstand noch zu verstärken, hat man das Wasser aus vielen Teichen abgelassen. Schweres Kriegsgerät würde nun Schwierigkeiten haben, hier durch zu kommen. Zu morastig! Es gibt nur wenige befestigte Pfade und schmale Straßen, welche die Ortschaften miteinander verbinden. Genau diese zu verminen ist uns nun auferlegt worden. Ganze LKW-Ladungen werden ausgegeben und so flächendeckend verteilt, dass so manches Tier und Unwissender daran glauben würde.
Warnungen an Zivilisten werden ja kaum noch herausgegeben. Dabei kommen zum Teil ganze Flüchtlingskolonnen durch die Wäldchen gestiefelt, die aber meistens abgefangen und umgeleitet werden. Ab und an kracht es eben. Wer dabei ums Leben gekommen war und wer nicht, diese Frage wollen wir uns lieber nicht stellen.
Kapitel 3 (Feuertaufe)
Die Situation spitzt sich zu, als am 16. April in den ersten Morgenstunden ganze Minensätze hochgehen, die - das vermutet man zumindest - von den ersten Angriffsspitzen der russischen oder polnischen Armee ausgelöst worden sind. Diese Detonationen sind der Startschuss zum Kampf um das östliche Spreeland bei Bautzen. Russen und Polen durchdringen das Gebiet vor uns und rücken immer näher auf uns zu. Panzermotoren sowie Artillerie sind bereits von weit her zu hören.
Kurze Zeit später krachen bereits die ersten Geschosse vor uns nieder und reißen ganze Schneisen in die dichte Bewaldung. Wir werden derart heftig unter Feuer genommen, dass wir am liebsten unter die Erde kriechen möchten. Trotz der ganzen Minen und des erbitterten Gegenfeuers unserer Flakbatterien kann der Feind, auch unter großen Verlusten, an mehreren Stellen durchsickern. Sie lassen einige, strategisch weniger wichtige Verteidigungsstellen eingegrabener Infanterie-Einheiten quasi links liegen. So werden regelrechte Inseln gebildet, auf denen man die verbliebenen Einheiten dann einfach vom Rest der Truppe abschneidet.
Unsere Gegenwehr aber fügt den gegnerischen Verbänden hohe Verluste zu. Die Mündungsrohre der Maschinengewehre kotzen fast pausenlos. Sie glühen regelrecht! Es gibt dabei viele Rohrkrepierer und Blockaden. Solch eine MG-42 kann Leiber und Holz durchsägen, als wären sie aus Butter. Grauenhaft! Reihenweise fallen die Angriffswellen des Gegners in den Morast vor unseren Behelfsgräben. Granaten, die in die in die trübe Brühe klatschen und dabei die Deckungen um uns hinfort reißen. „Als würde man in einen Ameisenhaufen schießen!“ flucht einer, zieht seinen Finger durch, hält einfach blind drauf. Die Geschosse fliegen kreuz und quer, sausen messerscharf über uns hinweg.
Man hört ihre Schreie, ihr verzweifeltes Gejammer, das aber nichts nützt. Man will sich am liebsten in einer Ecke verkriechen und sich nur die Ohren zuhalten.
Bald schon erweist sich die Masse des Gegners als übermächtig.Wir werden vom gegnerischen Feuer regelrecht überschüttet. Dutzende von dunklen Gestalten, die schreiend aus allen Richtungen auf uns zu stürmen. Ich kann nicht mehr unterscheiden, wer ist denn der Feind und wer von den Unseren? Ich bin nicht fähig zu denken, geschweige denn, überhaupt eine Entscheidung zu treffen, die mir just im Moment helfen könnte. Also lasse ich mich fallen und drücke mich in den Schlamm. Ich bin auch nicht mehr fähig, nach meiner Waffe zu greifen, will es auch nicht.
Über mir donnert es, rummst, zerbirst, splittert, knallt und rasselt. Mir ist dennoch klar, dass ich hier nicht weiter einfach so im Dreck liegen kann. So muss ich, ob ich denn will oder nicht, mich an die Kandare nehmen und versuchen, mich aus dieser beschissenen Lage herauszubringen.
Langsam schiebe ich mich übers Erdreich hin zum Graben, aus dem ich zuvor herausgesprungen bin. Gekonnt lasse ich mich über die gesplitterte Befestigung fallen und rutsche in den gerade mal ein Meter tiefen Laufgraben. Die Pumpe schlägt heftig. Der enge Kragen reibt mir an der Kehle, schneidet sich scharf in meinen Hals. Auf damit! Einmal tief Luft holen! Nachdenken!
KAWUMM! Es rauscht eine Granate nur wenige Meter vorm Laufgraben ins Erdreich. Es regnet mir die Klumpen auf den Helm. In meinen Ohren klingelt es heftig, das Glockenkonzert in Saalfeld zu Weihnachten nur rückwärts abgespielt!
„Scheiße!“ Wo sind denn alle nur? Heinz, Werner, Krahl und Dietrich? Alle Tot? Erwischt? Ich muss hier raus! Aber wie? Das Feindfeuer knallt mir dicht über die Birne. Dann aber packt mich jemand beim Koppelzeug und zerrt mich mit sich.
„Los, aufstehen, weg hier! Mach schon! Mensch! Oder willst du krepieren?“, bohrt sich eine sonore Stimme in mein Ohrenkonzert. „Was?“, schreie ich.
„Brüll hier nicht rum, lauf lieber!“ Ich kann immer noch nichts hören. Es ist mir aber glasklar, was der Kerl meint. Kugeln schlagen dicht neben uns ein. Erdfontänen vor uns, neben uns, ganze Wellen aus Geschossgarben rasieren den Bäumen die Rinde ab. Ich höre nichts, außer dieses Pfeifen das sich in immer höhere Tonlagen schraubt und nicht abklingen will. Die Druckwelle spüre ich nur kurz. Dann liege ich wieder mal auf dem feuchten Boden, der weiter durch unzählige Einschläge malträtiert wird. Mein Schädel dröhnt, alles um mich herum dreht sich wie wild. Blätter, die mir zuhauf ins Gesicht rieseln. Sanfte Tätscheleien!
Wie in Zeitlupe segeln sie auf mich herab. Träume ich? Bin ich schon tot? Wieder knallt es. Dann erneut und nochmals. Das reicht mir nun endgültig! „Reiß dich zusammen, du Hammel“, gehe ich mit mir selbst ins Gericht. Ohne mich vorher umzusehen, erbaue ich mich wieder. Nur aufstehen, die Beine in die Hand nehmen und weg hier!
Wer mich da zuerst aus dem Laufgraben zog, weiß ich immer noch nicht. Interessiert mich gerade auch nicht. Der war weg. Spurlos verschwunden, in Luft aufgelöst? Ich sehe mich nach ihm nicht mehr um.
Die Beine tragen mich noch, so renne ich irgendwohin, nur weg. So weit, wie es geht! Hinter mir erbricht sich die Feuersbrunst weiter. Im Gefecht gibt es keine Feuerpausen. Es pflügt gnadenlos weiter. Vor mir leuchtet Mündungsfeuer auf, ich kann es deutlich sehen, also gilt es nicht mir, sonst wäre ich bereits tot. Stimmt das? Ein Helm mit einem Gesicht darunter schreit lauthals in meine Richtung. Arme fuchteln, winken mich zu ihm heran. Unsere? Und ab dafür!
Mit einem Hechtsprung krache ich hinter einen umgestürzten Baumstamm. „Rübe runter!“, brüllt der Helm. Ich presse mich gegen das Erdreich und wage es nicht, auch nur einen Blick zu riskieren. Das Feuer konzentriert sich jetzt auf genau die Flanke, hinter der ich gerade Schutz gefunden habe.
„Himmel, Arsch und Zwirn, so ne Scheiße!“
„Sperrfeuer!“
Wildes Durcheinander-Gefluche, gebrüllte Verzweiflung, hoffnungsloses Befehlsgehabe!
Ich beginne zu hyperventilieren. Bekomme kaum noch Luft, hechel nur meinen Mund trocken. „Stellungswechsel!“, wird gebrüllt. Ich vernehme es wie durch eine Glasglocke.
„Los! Weg hier“, erklingt die gedämpfte Stimme erneut und geht augenblicklich in einer Feuersalve unter. Ich luge kurz über den Stamm, sehe nur schwarzen Rauch, zwischen dem es andauernd aufblitzt. Auf allen Vieren krieche ich dieser basstonen Stimme entgegen, die ich zuvor vernommen habe und mich wie magisch zu sich hinlockt. Es sind nur Umrisse zu erkennen, keine Gesichter, keine Körper, nur Umrisse, die sich für meine Augen viel zu schnell bewegen.
Langsam schärfen sich meine Klüsen wieder und ich erkenne Heinz, der hinter einem Maschinengewehr kauert und wie dem