17. Mike Müller-Reschreiter
K 98-Karabinern, Stabgranaten, zwei MG 42 und ganzen drei Panzerfäusten.
Gruber treibt uns auf den Boden, wo wir verharren sollen, bis er uns direkte Befehle erteilen würde. Die Straße vibriert unter der anrollenden Last. Mancher zittert so stark, dass der Helm gegen die Kimme klackert. Der Alte zwängt sich durch die Böschungen, um eine bessere Sicht auf die Straße zu erlangen.
Ich habe Riesenschiss! Die Atmung wird schneller, der Herzschlag pocht am Hals, dass man denken konnte, die Ader würde jeden Augenblick zerplatzen. Es sind Sekunden, die unsere Gesichter altern lassen, sich in kalkweiße Fresken verwandeln, uns den bitteren Umstand vor das geistige Auge donnert, nun könnte man einfach sterben. Keiner von uns weiß, wie er im Falle eines feindlichen Angriffes reagieren würde.
Panik durchströmt unsere Körper, alles scheint sich zu verkrampfen, während der Krach sich dröhnend ins Trommelfell bohrt. Dann bricht mit lautem Geschrei der Alte sich durch das Unterholz.
„Waffen entsichern! Keiner schießt!“ Er stürmt uns mit den Armen wild um sich fuchtelnd entgegen, als gäbe es keinen Morgen mehr.
Ich reiße meine Augen auf, als ich die Worte höre, und hoffe für den Alten, dass sie jeder von uns auch wirklich so verstanden hat.
„Waffen sichern, es sind die Unseren! Deutsche Panzerverbände! Waffen runter!“ Wie die Pilze im Herbst schieben sich die Gestalten aus dem Waldboden. Stehen da und wissen nicht, ob sie sich freuen oder lieber weinen sollen. Fortuna hat es noch einmal gut mit uns gemeint und ist uns gnädig. Dann rollen sie an uns vorbei.
„Scheiße!“ Mir läuft es kalt den Rücken runter. Heinz und die anderen im Dorf wissen davon ja noch gar nichts. Doch ich kann nichts unternehmen, um sie darüber aufzuklären. Es ist also nur zu hoffen, dass sie jetzt nicht durchdrehen und auf unsere eigenen Leute feuern würden.
Die schweren Ketten der Jagdpanzer walzen sich über die Straße und quetschen den aufgeweichten Frühlingsboden. Schockierend und überraschend zugleich! Weder hatte ich so etwas bisher erlebt noch damit gerechnet.
Es dringen keine Schüsse aus der Dorfmitte, was mich beruhigt und mir die Unversehrtheit meiner Freunde bestätigt. Wir gehen zur Straße, beäugen diese gewaltigen Maschinen wie kleine Kinder einen Faschingsumzug bestaunen würden. Bisher hatte fast niemand von uns diese Prunkstücke der Panzerwaffe aus der Nähe gesehen. Auf den drehbaren Türmen lümmeln die Kommandanten in ihren schwarzen Uniformen mit den schirmähnlichen Baretten auf den Köpfen. Ausgezerrte Gesichter, die Haut straff gespannt über ihre Wangenknochen. Pergament-Theater!
Sie werfen uns enttäuschte Blicke zu, als könnten sie es kaum ertragen, was sie da am Straßenrand zu Gesicht bekommen. Totale Resignation! Vielleicht eine ganze Division schiebt sich da an uns vorbei, gefolgt von Panzerkampfwagen, die Sturmgeschütze hinter sich herziehen.
Dabei waren auch Kraftfahrzeuge, die mit Soldaten voll gestopft sind, und einige schwer gezeichnete Kübelwagen, in denen Offiziere kauern und uns entgegen gestikulieren.
„Mensch, da rollt ja eine ganze Armee“, höre ich Dietrich staunen. Armee? Dietrich grinst dabei so dämlich, das ich mich fast schon schäme. „Mensch, Harry, was sagst du denn dazu?“ Ich antworte ihm nicht. Was soll ich dazu schon bemerken? Es gibt nur einen Grund, warum so viel Material zusammengezogen wird: eine neue Offensive! Vielleicht irre ich mich auch, doch es liegt auf dem Tisch. Vermutlich hat der Alte genau gewusst, wohin wir spazieren, von wegen, der läuft der Nase nach. Es scheint nicht nur gerade so, als würde sich alles noch einmal auf ein größeres Gefecht konzentrieren. So viel Material, das an uns vorbei donnert, lässt nur diesen markerschütternden Gedanken zu: Kanonenfutter für den Führer!
Werner? Mensch, ich hatte ihn völlig vergessen. Obwohl er stets in meiner Nähe ist, vergesse ich meinen Freund. Wir laufen an uns vorbei, stehen uns gegenüber, aber sehen einander nicht wirklich, da sich in unseren Köpfen die Angst breit macht. Ein Klatschen auf meinem Hinterkopf holt mich wieder aus meinen Gedanken.
„Harry, schlaf nicht ein! Der Alte will, dass wir uns sofort am Postamt sammeln“, zündelt Heinz an meinem Nervenkostüm und laviert sich gekonnt zwischen dem Auflauf auf der Straße durch. Der dichte Rauch der stinkenden Dieselmotoren raubt mir die Sicht. Vorsichtig, aber zügig, versuche ich mich ebenfalls sicher zwischen den Kolonnen hindurch zu schlängeln, um Anschluss an meine Kameraden zu finden. Im Dorf ist reger Trubel ausgebrochen. Hektischer, treibender, panisch werdender Trubel. Zum einen ist es ein beruhigendes Gefühl, von all den Kameraden umgeben zu sein, mit ihren Geschützen und Panzern Zum anderen aber ist es ein ungewohntes, zerreißendes, eines, das mir kalt den Rücken herunter läuft, das ich immer wieder verspüre, am stärksten, als ich meiner Mutter zum letzten Mal zuwinkte.
Wir sammeln uns wie befohlen vorm Postamt. LKW rasen an uns vorbei. Richtung Südwesten. Trauben aus Landser führen sie mit sich. Sie quellen regelrecht über die Ladeflächen. Wir staunen ihnen nach. Wo wollen die hin?
Der Alte tritt nun in Begleitung zweier Offiziere aus dem Gebäude. Offiziere, glaube ich, denn sie haben ihre SS-Tarnjacken bis zum Adamsapfel zugezogen. Ersichtliche Kennzeichnung der Ränge am Kragenspiegel ist demnach also nicht möglich. Aber so von sich eingenommen, wie die zwei sich benehmen, können das nur Silberfische sein.
Nachdem sie uns mürrisch gemustert haben, steigen sie in ihren Kübelwagen wie Affen auf ihre Kokosnüsse, und brausen den LKWs hinterher. Wir warten wie kleine Jungs, vor Neugierde schon zappelnd, auf die Ansprache unseres Feldwebels. Der posiert jetzt leicht gekrümmt mit einer Portion gequälten Leidens vor uns, als würde er einen der Mönche von Rodin imitieren wollen. Dann beginnt er mit seiner Suada.
„Männer, stillgestanden! Unsere Gruppe wird den Sturmspitzen des SS-Panzer-Pionier Batallion 10 zugeteilt. Ihnen folgen weitere zwei Kompanien der Waffen-SS. Das heißt im Klartext, wir werden zur Sicherung des Ortes Jänkendorf sowie der umliegenden Gegenden auf der Niesky-Bautzen-Linie eingesetzt, um die anrollenden Slawen und Bolschewiken aufzuhalten. Die 9. sowie die der 5. polnischen Armee und Teile der 52. russischen Armee steuern geradewegs auf uns zu. Auch wenn ihr noch nicht vollständig ausgebildet wurdet, seid ihr geschulte Pioniere, Soldaten, die nun mit aller Entschlossenheit das Deutsche Reich gegen den heranrückenden Feind zu verteidigen haben! Trotz eures Alters ist der bevorstehende Kampfeinsatz für uns alle unabwendbar!“
Die Betonung auf unseren Altersumstand ist wohl der letzte verbale Versuch unseres Feldwebels, sich seinem wachsenden Ekel gegenüber der sinnlosen Schlachterei Luft zu machen. Sein Ton ist unmissverständlich. „Die Bolschewiken werden keine Gnade walten lassen! Ich muss euch nicht sagen, Männer“, er stockt wieder kurz, „dass ich von euch vollsten Einsatz verlange! Jetzt kommt eure Stunde, in der ihr euch bewähren könnt, um eure Eltern und das Vaterland mit Stolz zu erfüllen! Eberts! Sie führen die Männer zum vordersten Wachposten, dort wird Ihnen Unterscharführer Meinele weitere Befehle erteilen! Ich werde erst später wieder zu euch stoßen. Weggetreten!“
Puh! Das ist nicht das, was ich erwartet habe. Ich glaube, dass alle etwas anderes erwartet haben. Diese heroischen Worte, die sich aus einem zutiefst besorgten Mund über uns ergossen. Da beginnt sich mir der Magen herumzudrehen. Heroisch, welch hohles Wort! Ein einstudierter Sermon, hundertmal abgekotzt, welchen der Alte nun bei uns ablud, da er ihn wohl zu oft schon selbst hat hören müssen. Der Russe würde sich uns baldigst schon vorstellen. Ich muss jetzt an russische Eier denken, das treibt mir die Galle hoch!
Wir stehen da, in unseren verdreckten Uniformen, schlottern innerlich, versuchen die Fassung zu bewahren und wollen uns dem Gedanken nicht ergeben, dass wir alle Schiss haben. Ich jedenfalls habe eine Riesenflatter! So trotten wir, wie uns geheißen, und melden uns beim Unterscharführer, der uns mit netten Worten in Empfang nimmt.
„Noch so ein Kindergarten, Herrgott, das darf doch nicht wahr sein! Was für ein hagerer Haufen Wichslappen! Nichts zu fressen, was?“
Aber der Anblick des dampfenden Gemüseeintopfes drückt dessen freundliche Begrüßung nur so durch unsere Ohren. Die zwei Soldaten, die um die Feuerstelle kauern, bangen plötzlich um die Dose köstlichen Inhalts, nehmen sie vom Feuer und verschwinden hinter einem Meldewagen. Die beiden haben ihre Rechnung jedoch ohne den Unterscharführer gemacht, welcher ihnen sofort