Leefke. Suta Wanji

Leefke - Suta Wanji


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die Bauern immer glaubten, ihre Tiere seien den Alterstod gestorben. Klagend zog er sich oft zurück und die Bauern hörten beängstigende Geräusche aus dem Moor. Sie sprachen von Zauberlichtern, tanzenden Flammen und hinter vorgehaltener Hand erzählte man sich, dass Bente Klaas Ricklefs wieder keine Ruhe fand und im Nebel den Namen seiner Frau Leefke rief.

      Wenn auch die Nachfahren der Alteingesessenen die Schandtaten ihrer Vorfahren verdrängt und vergessen hatten, so überdauerte doch ein Teil der Geschichte. Die Geschichte eines Dorfes, das an einem Tag im Hochsommer 1612 all seine Männer verlor bei dem Versuch, den Brand auf dem Hof von Bente Klaas Saathoff Ricklefs zu löschen, der seine Familie verlor und aus Trauer ins Moor ging und nie wiederkehrte. Die unschönen Details ließ man weg und verdrängte sie und irgendwann waren sie wirklich vergessen.

      Bente selbst passte sich über die Jahre an. Durch Vermögen, das er und seine Brüder sich im Laufe der Jahre nachts beschafft hatten, kauften sie im Laufe der Jahre immer Häuser, in denen sie tagsüber schliefen. Alle paar Jahre wechselten sie das Haus und die Gegend, sobald ihr Umfeld alterte und sie nicht. So blieben sie immer Männer, die irgendwann zugezogen waren. Niemand wunderte sich darüber und so konnten seine Brüder und er im Laufe der Jahrhunderte ein riesiges Vermögen, viele Firmen und viele ha Wald und Moorland erwerben.

      Gut war Bente anzuschauen, über 2 m groß, muskulös, Bart und lange blonde Haare, die manchmal offen im Wind flatterten und manchmal zum Zopf gebunden waren. Seine Augen waren blau und je nach Stimmung ließ die innere Hitze sie auch schon mal orange erscheinen. Ein Mann, dem die Frauen hinterher schauten, seinen Brüdern ebenso. Regelmäßig ernährten sie sich von Rehen, Wildschweinen und anderem Wild, wie es zu ihrer 2. Natur gehörte.

      Und wenn Bente sich nach Außen angepasst hatte, eins konnte er nicht ändern: Den nächtlichen Rückzug ins Moor, tiefe Trauer und Einsamkeit, die ihn dort stets befiel. Auch heute noch klagt er der Nacht sein Leid, quälend nach seinen Kindern und seiner Frau rufend.

      .....die Saat des Hasses keimt weiter....

      Aus der Ferne hatte Bente Klaas Ricklefs das Geschehen beobachtet. Zu spät bemerkte er, was sie vorhatte, konnte sie nicht aufhalten. Er wusste, sie war nicht in der Lage Frauen zu töten, sie konnte den Frauen und Kindern aber einen gehörigen Schrecken einjagen. Töten konnte sie nur Männer und solange er ihr die Zustimmung verweigerte, solange würde es keine toten Frauen und Kinder geben. Er spürte, dass sie in der Nähe war. Seine Sinne waren geschärft, sie hielt sich versteckt.

      „Leefke, komm raus, ich weiß, dass du da bist!“, donnerte er in die Dunkelheit. Und dann trat sie aus der Dunkelheit auf ihn zu, schön wie früher. Nur die Warmherzigkeit, die sie einst ausgestrahlt hatte, war verschwunden.

      „Bente, mein Liebster!“, schnurrte sie wie ein Kätzchen. „Im Sommer war die Zeit um, ich frage dich nochmal, wirst du mir helfen?“

      „Nein!“, entgegnete er. „Ich werde alles tun, damit kein weiter Mensch zu Schaden kommt“.

      Innerhalb einer Sekunde war von dem schnurrenden Kätzchen nichts mehr übrig und vor ihm stand die Schreckensgestalt, die schon Tabea das Grausen gelehrt hatte.

      „Und nicht nur das!“, entgegnete er, „ich werde alles tun, damit du deine ewige Ruhe findest“.

      Sie versuchte ihm die Krallen durchs Gesicht zu ziehen, aber er wich geschickt aus. Sie wusste, dass sie einen mehr als ebenbürtigen Gegner hatte, denn siw wusste, was er noch war. Der Umstand, dass sie ihm das Leben gerettet hatte, machte sie noch wütender. Aber sie wusste auch, im Moment konnte sie nichts ausrichten und so zog sie sich zurück. So schnell, wie sie gekommen war, so schnell war sie wieder verschwunden, nur ihr schauriges Lachen war noch zu hören.

      …umstellen auf Krisenmodus .....

      Und das hörte auch Femkes Mann Wilke, der gerade Tabeas Pferd auf den Hänger stellte. Selten hatte er ein so schauriges Lachen gehört. Es war ungefähr sechs Uhr und die Dunkelheit verhüllte fast alles. Als das Lachen ertönte, machte Wilke gerade die Klappe vom Hänger hoch und bemerkte, dass die Stute ihn mit weit geöffneten Nüstern und Augen anstarrte.

      „Was ist hier bloß los!“, murmelte er vor sich hin.

      Alles um Tabeas Haus herum erschien ihm auf einmal düster und leblos, als hätte jemand allem hier die Kraft entzogen und die Reste eingefroren. Jeder im Dorf liebte dieses Grundstück und Tabea hatte großzügig jedem gestattet, den Patt am Haus entlang vorbei an Wiesen und Wald zu benutzen. Im Sommer war der kleine See voll mit Eltern, die hier mit ihren Kindern nach der Arbeit schwimmen gingen und so manche Bratwurst und manches Glas Wein wurde hier brüderlich geteilt.

      Die ganze fröhliche und freundliche Atmosphäre war verschwunden, stattdessen wohnte hier bizarre Kälte, die jedem Angst zu machen schien. Selbst die Hunde, eigentlich alles Draufgänger, waren gestern Morgen total eingeschüchtert gewesen. Das war der neueste Dorftratsch und der ging um wie ein Lauffeuer. Mittlerweile waren auf den umliegenden Höfen bereits die ersten Lichter angegangen und die Telefone standen nicht still. Tammes gewaltsamer Tod wurde wohl gerade sensationslüstern von Haus zu Haus weitergetragen.

      Wilke beeilte sich, er wollte den Platz so schnell wie möglich verlassen. Er fuhr vor das Haus und betätigte die Hupe im Dauerton, um seiner Frau, die die Kleidung für ihre Freundin im Haus zusammensuchte, zu signalisieren, dass er abfahrbereit sei. Femke kam mit der Tasche aus dem Haus, schloss ab und Wilke meinte auf ihrem Gesicht einen gepeinigten Ausdruck zu vernehmen. Sie sprang ins Auto und schrie: „Los, weg hier, hier stimmt was nicht!“ Das ließ Wilke sich nicht zwei Mal sagen und die Stute auf dem Hänger bekam das auch gut zu spüren. Nach 5 Minuten Fahrt waren sie an der Halle angekommen und Femke stellte Tabeas Tasche direkt in ihren Mini. Sie gedachte, sie ihr nach dem Frühstück zu bringen.

      Sie half ihrem Mann die Stute in die Box zu bringen, die schon von ihrem Mitarbeiter Wübbo Janssen vorbereitet worden war. Danach ging es zum Frühstück, das eigentlich niemandem schmeckte und völlig teilnahmslos schluckte jeder seinen Kaffee und seine Brötchen runter.

      „Wilke, ist dir draußen bei Tabea etwas aufgefallen oder hast du etwas gesehen oder gehört, was irgendwie anders war?“, begann Femke vorsichtig das Gespräch.

      „Was meinst du damit?“

      „Na ja, war draußen alles in Ordnung?“

      Wissend, dass er seiner Frau vertrauen kann, sprudelte es aus ihm heraus: „Mensch, Femke, was für `ne Scheiße geht denn hier ab? Die Stute war total unruhig, wurde immer bekloppter in der Birne und ich hatte Mühe sie auf den Hänger zu bekommen. Kaum hatte ich den Hänger dicht, schien es, als ob ich Riedgras rauschen höre, begleitet von einem schaurigen Lachen und manchmal schien der Wind den Namen Leefke in mein Ohr zu raunen, alles da hinten beim Stall war bitterkalt und ich hatte das Gefühl irgendwie tot. Ich hab nur noch das Geflügel versorgt und dann nichts wie weg mit der Stute.“

      „Ich hörte Dich hupen, war gerade im Badezimmer dabei den Kulturbeutel zu packen und in der Reisetasche zu verstauen. Als ich mit dem Kopf hochkam, bemerkte ich den Geruch von verbranntem Fleisch und plötzlich fing der Spiegel im Badezimmer an zu beschlagen und jemand, den ich nicht sehen konnte, schrieb plötzlich auf den Spiegel: „Leefke ist hier und hat Geschenke dabei“,….dann hast du gehupt und ich bin nur noch raus.“

      „Seit dem letzten Hochsommer stimmt hier was nicht mehr, ich weiß nicht was, aber denk mal an die ganzen toten Kühe von Tabeas Nachbarn im September, die morgens nicht zum Stall gekommen sind und die sie dann alle wie geschreddert hinten auf seiner Moorweide gefunden haben.“

      „Aber das sollen doch die wildernden Hunde gewesen sein von diesem Typen am Dorfrand, die haben dann doch die Jäger auch beim Wildern erwischt und erschossen.“

      „Und wenn nicht?“, fragte Wilke und bekam keine Antwort auf seine Frage.

      „Ich muss mit Tabea reden. Die muss doch auch was Schreckliches erlebt haben, ihr Kollege sagte, sie


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