Landsby. Christine Millman

Landsby - Christine Millman


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als Partnerin nicht.

      Manja führt mich zum Schulgebäude. Vom Dach aus hat man einen guten Blick auf das Tor. Allerdings ist die Aktion nicht ungefährlich. Wenn wir dabei erwischt werden, wie wir uns unerlaubt Zugang verschaffen, ist Strafdienst in den Ställen das Mindeste, was wir erwarten dürfen. Aber um Konsequenzen hat Manja sich noch nie geschert und ich habe mich immer darauf verlassen, dass uns mein Vater rausboxen wird, sollten wir bei einer verbotenen Aktion erwischt werden. Außerdem habe ich sowieso nichts mehr zu verlieren.

      Auf dem Flachdach schleichen wir geduckt an den Rand und spähen über die Brüstung. Die Sonne steht hoch und blendet, sodass ich mein Gesicht beschatten muss, um etwas zu erkennen. Bis auf zwei Soldaten, die vor dem großen Tor Wache halten, ist nichts zu sehen. Keine Spur von einer Verbannung. »Da ist niemand«, wispere ich.

      »Warte. Sie kommen gleich«, gibt Manja zurück.

      Mit dem Handrücken wische ich mir über die Stirn. Das völlige Fehlen von Schatten treibt mir den Schweiß aus allen Poren und der Boden des Flachdachs ist so heiß, dass die Hitze durch die Sohlen meiner Zehensandalen dringt. »Hoffentlich beeilen die sich. Lange halte ich es hier nicht aus.«

      Manja bedenkt mich mit einem strafenden Blick. »Sei nicht so ein Weichei.«

      Sie hat gut Reden. Durch das Leben in der Wellblechsiedlung ist sie an brütende Hitze gewöhnt, die Wohnungen in den Blocks sind dagegen vergleichsweise kühl. Außerdem mag meine helle Haut keine direkte Sonne, da sprießen die Sommersprossen wie Unkraut. Aber natürlich hat Manja recht. Ich bin ein Weichei. Na und?

      Plötzlich deutet sie auf einen Punkt, etwa zweihundert Meter vom Tor entfernt. »Da sind sie.«

      Ich folge ihrem ausgestreckten Finger und sehe eine Handvoll Menschen, die über die Hauptstraße Richtung Tor marschieren. Drei Zivilisten werden von zwei Soldaten eskortiert. Es sind riesige Kerle, die die Zivilisten um eine Kopfeslänge überragen. Ich bin überrascht. Bisher dachte ich, eine Verbannung wäre eine dramatische Angelegenheit für die Familie, doch was ich dort unten sehe, wirkt nicht besonders beeindruckend. Die junge Frau verzieht keine Miene, aber sie klammert sich an den Arm ihres Mannes, als wollte sie mit ihm verschmelzen. Die ältere Frau, die ich für seine Mutter halte, folgt den beiden gebeugt. Mit dem Tempo, das die Soldaten angeschlagen haben, kann sie kaum mithalten. Es ist eine schweigende Prozession. Als sie das Tor erreichen, fallen die Frau und der Mann einander in die Arme, während einer der Soldaten ein Stück Papier aus der Brusttasche zieht und es vorzulesen beginnt. Die Wachen öffnen derweil das Tor. Eine Seltenheit in der Kolonie. Aufgeregt spähe ich hinaus. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe - eine Horde Mutanten vielleicht oder Raubtiere, die auf Beute lauern. Stattdessen sehe ich staubige Erde und einen Teerweg. Nicht gerade spektakulär. Mein Blick gleitet über die Häuser. Schatten huschen hinter den Fenstern vorbei, doch niemand schaut hinaus. Die Straßen sind wie leergefegt. Dass die Verbannungen ignoriert werden, ist mir nicht neu, aber dass nicht einer es wagt, sie öffentlich in Frage zu stellen, oder wenigstens versucht, einen Blick nach draußen zu erhaschen, bestürzt mich. Sind die Menschen tatsächlich so abgestumpft? Oder sind sie eher eingeschüchtert?

      Die Soldaten lassen der Familie nur wenige Minuten Zeit, dann fassen sie den jungen Mann an den Armen und führen ihn zum Tor. Er wehrt sich nicht, blickt nur immer wieder zurück zu seiner Frau, die weinend zu Boden sinkt und die Hände vors Gesicht schlägt. Die alte Frau streicht ihr tröstend über die Schulter. Scheinbar haben die Soldaten Angst, dass der Verurteilte bei dem Anblick beschließen könnte, aufzubegehren und fassen fester zu. Der Mann zuckt zusammen und verzieht schmerzvoll das Gesicht. Die Wachsoldaten heben die Gewehre und richten sie auf die beiden Frauen. Eindeutig eine Drohung. Der Verurteilte muss sich fügen, ob er will oder nicht. Ich spüre, wie mir Tränen in die Augen schießen.

      »Das ist das wahre Gesicht der Kolonie«, sagt Manja leise. Ihre Miene ist eine starre Maske, unter der sie ihre Erschütterung verbirgt. »Verbannung wegen einer Tüte voll Pilze. Weil er wollte, dass es seiner Familie besser geht.«

      Ich schlucke trocken. »Mich werden sie nicht verbannen, weil ich fruchtbar bin.« Der Gedanke sollte mich beruhigen, doch ich fühle nur Verbitterung und Wut.

      Und Angst.

      Manja sieht mich mit einem seltsamen Ausdruck im Gesicht an, den ich nicht deuten kann. Verachtung? Traurigkeit? »Das stimmt. Aber welchen Preis musst du dafür zahlen?«

      Ich kann ihrem Blick nicht standhalten und schaue zum Tor, das sich soeben hinter dem Verbannten schließt. Eine Schweißperle rinnt meine Wange hinab. Es könnte auch eine Träne sein.

      »Ich kenne da jemanden«, fährt Manja fort. »Den solltest du aufsuchen, bevor du dich wegsperren lässt.«

      Mit den Augen folge ich den beiden Frauen, die von den Soldaten verscheucht werden wie streunende Hunde. »Okay«, willige ich ein. »Wer ist es?«

      »Sein Name ist Fabio. Er hat vier Jahre lang in der Außenwelt gelebt.«

      Später am Tag gehe ich in die Wellblechsiedlung, um den Mann aufzusuchen, von dem Manja mir berichtet hat. Normalerweise würde ich so etwas nicht tun - zwischen den Hütten umherirren und einen Fremden suchen - aber die Verbannung geht mir nicht mehr aus dem Kopf.

      Es fällt mir schwer zu glauben, dass dieser Fabio tatsächlich in der Außenwelt gelebt haben soll. Müsste er dann nicht tot sein? Und nicht nur das - seine Tochter soll am Programm teilgenommen haben, bevor sie nach zwei Jahren urplötzlich verbannt worden ist. Er hat sie begleitet, ist aber wieder zurückgekehrt, als sie starb. Die Geschichte klingt so ungeheuerlich, dass sie erfunden sein muss. Immerhin hat der Mann Fahnenflucht begangen. Das gehört zu den schlimmsten Vergehen in der Kolonie. Niemals hätte ihn der Offiziersrat wieder aufgenommen. Aber ich habe Manja versprochen, den Mann aufzusuchen, also werde ich es tun. Außerdem ist er die einzige Informationsquelle, die ich habe, nur für den Fall, dass ich mich doch noch dazu entschließen sollte, abzuhauen. Im Grunde weiß ich, dass ich viel zu feige bin, aber der Gedanke, dass ich abhauen könnte, gibt mir Kraft und scheint auch Manja zu beruhigen.

      Eine Stunde lang irre ich zwischen den Hütten umher und suche Fabios Behausung. Außer seinen Vornamen und den Abschnitt, in dem er angeblich wohnt, weiß ich nichts. Schließlich frage ich eine alte Frau unter einer Plane nach dem Weg. Der zottelige Hund, der neben ihr liegt und döst, hebt nicht mal den Kopf. Die Hitze macht ihn träge. Die alte Frau deutet auf eine heruntergekommene Hütte am Ende des Pfades.

      Das Dach hängt durch und ist übersät mit Steinen, die die Löcher im Blech abdecken. Putz bröckelt von den Wänden. Die linke Seitenwand ist mit Balken abgestützt. Die Hütte ist so runtergekommen und baufällig, dass sie eigentlich unbewohnbar ist.

      Ich klopfe zaghaft. »Hallo?«

      »Wer ist da?« Die Stimme klingt kratzig, als hätte der Mann einen wunden Hals.

      »Mein Name ist Jule.«

      »Was willst du?«

      »Sind Sie Fabio?«

      »Möglicherweise. Warum fragst du?«

      »Ich muss mit Ihnen sprechen, bitte. Es ist dringend. Ich habe einen Beutel Linsen dabei.«

      Ob mein Flehen ihn erweicht oder die Linsen, kann ich nicht beurteilen, ich vermute Letzteres. Humpelnde Schritte nähern sich, jemand fummelt am Türschloss herum. Fast muss ich mir ein Schmunzeln verkneifen. Die Hütte würde zusammenfallen, wenn man fest genug gegen die Wand tritt. Was soll ein Türschloss da nutzen?

      Vor mir steht ein dürrer Mann, kleiner als ich, mit schütterem Haar und einem zerfurchten Gesicht. Unmöglich, sein Alter zu schätzen, denn trotz des körperlichen Verfalls wirkt er aufmerksam und agil. Er mustert mich. »Du bist nicht von hier.«

      Seine Stimme schwankt, verliert sich am Ende des Satzes in einem Krächzen, doch er spricht dialektfrei und mit klaren Worten, nicht wie ein Mann aus der Wellblechsiedlung.

      Ich halte ihm die Linsen hin. »Ich habe Fragen zur Außenwelt und zum Programm.«


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