THE BOYS OF SUMMER. Richard Cox H.
»Hat der nicht damals das Restaurant niedergebrannt? Ich meine dieser Todd Willis.«
»Ich bin mir nicht sicher, was du meinst, Thomas.«
Obwohl niemand mehr etwas sagte, war der Klang der Glocke, die die Stunde beendete, so leise, dass Jonathan sie beinahe überhört hätte.
»Ihr könnt gehen«, sagte er hastig. Seine Stimme war leise und unsicher. »Ich wünsche euch noch einen schönen Nachmittag.«
Die meisten seiner Kollegen an der McNiel standen mit ihren Schülern praktisch im Krieg, aber Jonathan war immer stolz darauf gewesen, dass er trotz ihrer tobenden Hormone und der Rebellion irgendwie ihr Vertrauen hatte erwerben können. Doch während die Sechstklässler den Raum jetzt verließen, konnte er eine Distanz und ein gewisses Unwohlsein spüren, das ihm überhaupt nicht gefiel. Wie zum Teufel konnte Thomas etwas über Jonathans Verhältnis zu Bobby wissen? Oder über den ersten Brand im Restaurant, der zwölf Jahre vor seiner Geburt passiert war?
Als Erwachsene hatten sich Bobby und Jonathan aus den Augen verloren, wahrscheinlich weil sie niemals sehr viel gemeinsam gehabt hatten, oder vielleicht auch, weil sie beide über die Beziehung ihrer verbleibenden Elternteile verblüfft gewesen waren. Carolyn Crane und Kenny Steele hatten nämlich fünfundzwanzig Jahre lang immer mal wieder zusammengelebt. Das hieß, dass ihre beiden Söhne unter etwas außergewöhnlichen Umständen aufgewachsen waren. Sie waren keine Brüder gewesen und eigentlich auch noch nicht einmal Freunde. Sie hatten nur mehr oder weniger unfreiwillig ihr Leben in demselben Haus verbracht, bis sie die Highschool hinter sich gehabt hatten, und dann hatten sie immer weniger voneinander gesehen, bis ihr Kontakt vor zwei Jahren endgültig abgebrochen war. Jetzt war Bobby tot (wenn er denn wirklich tot war). Jonathan war sich nicht sicher, wie er sich jetzt fühlen sollte.
Und der Zeitpunkt war für ihn noch verwirrender als alles andere. Er hatte das von Bobby erst vor wenigen Minuten erfahren, aber diesen seltsamen Traum hatte er doch schon Stunden vor dem Geschehen gehabt. Und doch war es schier unmöglich, keinen Zusammenhang zwischen den beiden Geschehnissen zu sehen. Vielleicht hatte er die Nachrichten über Bobby irgendwie unbewusst mitbekommen, aber andererseits war er sich vollkommen sicher, dass er eine solche Nachricht nicht einfach überhört hätte, und da er ziemlich pragmatisch war, jemand, der alles Fantastische mit einer gewissen Skepsis betrachtete, konnte er nur schlecht einen Traum akzeptieren, den er gehabt hatte, bevor das mit Bobby passiert war.
Als er daheim war, ging Jonathan als Erstes zum Briefkasten und fand darin einen großen Briefumschlag, der ihm irgendwie bekannt vorkam. Die Empfängeradresse war in seiner eigenen Handschrift geschrieben und auch das Porto hatte er bezahlt. An einem Tag, der schon so schlecht verlaufen war, war es keine große Überraschung, dass jetzt noch mehr schlechte Nachrichten kamen. Ein weiterer Literaturagent hatte sein Manuskript abgelehnt.
Bevor er in der Küche eine Flasche Whiskey aufmachte, las Jonathan den Brief, der dem Manuskript beilag:
Sehr geehrter Mr. Crane,
ich habe die Probekapitel Ihres Buches DAS ENDE DER WELT mit Interesse gelesen. Nach sorgfältiger Überlegung bin ich jedoch zu dem Schluss gelangt, dass es sehr schwierig wäre, dieses Buch auf dem ziemlich anspruchsvollen Markt anzubieten. Es tut mir deshalb sehr leid, dass ich Ihr freundliches Angebot ablehnen muss.
Weiter unten in dem Schreiben teilte der Agent ihm noch einige persönliche Gedanken über Jonathans Werk mit, Kommentare wie: Normale Menschen, die plötzlich in außergewöhnliche Umstände gezwungen werden – Ihre Geschichte bringt nichts Neues in diese etwas banale und langweilige Handlung, und vielleicht haben Sie den Grundsatz »Schreib über das, was du kennst« etwas zu wörtlich genommen. An einem normalen Tag hätte ihn diese Ablehnung aus der Bahn geworfen, denn DAS ENDE DER WELT war sein mittlerweile dritter (und bester) Roman, und er war von den New Yorker Verlagen ebenso abgelehnt worden wie von Literaturagenten. Aber heute hatte er ganz andere Sorgen.
Er schüttete sich noch etwas Whiskey mit Eis ins Glas und ging dann in sein Büro. Während er darauf wartete, dass sein Computer hochfuhr, versuchte Jonathan, sich angenehme Augenblicke vorzustellen, die Bobby und er zusammen verbracht hatten, aber die einzigen Erinnerungen, die ihm kamen, waren schrecklich. Sie stammten aus dem Sommer, in dem Todd ihrem Klub beigetreten war, und wie sie zu fünft in der Festung gewesen waren oder in dem Haus in Driftwood. Oder wie sie vor diesem Haus gestanden hatten, in der Nacht, als es total abbrannte. Als sie Joe Henreid einfach seinem Schicksal überlassen hatten.
In die Suchspalte von Google tippte er jetzt die Namen Bobby Steele und Lone Star Barbecue ein, und der erste Link von Channel 6 bestätigte, was Thomas ihm in der Klasse erzählt hatte. Aber da war etwas, das noch schrecklicher war: Bobby war von einem Polizeibeamten niedergeschossen worden, nachdem er angeblich den Besitzer des Restaurants, Fred Clark, ermordet hatte. Das Feuer, das Bobby gelegt hatte, hatte das Restaurant vollkommen zerstört und die beiden Leichen so stark verbrannt, dass man sie nicht mehr identifizieren konnte.
»Oh, Gott«, murmelte Jonathan. »Bobby, warum hast du das getan?«
Er schüttete den Rest vom Whiskey hinunter und wollte sich noch einen größeren Drink einschenken. Bis jetzt hatte er sich an die Hoffnung geklammert, dass Thomas sich vielleicht geirrt oder sich die ganze Geschichte nur ausgedacht hatte. Aber jetzt war offensichtlich, dass die Sache noch viel schlimmer war, als Jonathan es befürchtet hatte. Es schien fast unmöglich zu sein, dass Bobby Davids Vater umgebracht hatte. Aber wer konnte schon wissen, was er sich dabei gedacht hatte? Etwas sehr Schlimmes war in diesem Restaurant geschehen, als sie Kinder gewesen waren, etwas, das Jonathan lange Zeit nur verschwommen hatte wahrnehmen können, und vielleicht war er da nicht der Einzige.
Ihm wurde plötzlich etwas schwindlig. Er nahm den Whiskey mit in sein Büro und setzte sich vor seinen Computer. Statt sich mit Das Ende der Welt zu beschäftigen, wozu er heute Abend nicht mehr die geringste Lust verspürte, öffnete Jonathan eine neue Datei und begann zu tippen.
Die fünf Jungen standen in einem lockeren Kreis zwischen drei Barbecue-Gruben. Es war kurz nach zwei Uhr am Morgen und die Stadt befand sich in tiefem Schlaf.
Todd lächelte verträumt. Sein Blick war abwesend, so als würde er einen Film verfolgen, den nur er allein sehen konnte.
»Sag mir noch einmal, warum du das Restaurant deines eigenen Vaters abfackeln willst«, meinte Adam.
Ja, warum genau hatten sie es eigentlich abgebrannt? David war wütend auf seinen Vater gewesen, aber das war doch noch lange kein Grund, um das Geschäft seines Vaters niederzubrennen! Nein, der wahre Grund hatte mit Todds Geheimnis zu tun, das er mit ihnen geteilt hatte, bevor er das erste Streichholz angerissen hatte. Jonathan konnte sich an das Geheimnis nicht mehr erinnern, jedenfalls nicht bewusst, aber er war sich sicher, dass er verstehen würde, was mit der Welt nicht stimmte, wenn er nur …
Dann hörte er plötzlich eine Sirene oder ein Klingeln, und ihm wurde klar, dass jemand an der Tür war. Es war selten, dass Besucher zu ihm kamen, und noch seltener war es, dass sie unangemeldet kamen. Er war neugierig, wer das sein konnte, und er merkte, dass er schon etwas angetrunken war.
Jonathan öffnete die Vordertür. Zwei Männer in Sportmänteln standen auf der Veranda. Er kannte die Männer nicht. Derjenige, der ihn jetzt ansprach, war athletisch gebaut, ein oder zwei Zoll größer als Jonathan, ein wenig über zwei Meter. Sein Haar war dunkel und kurz geschnitten. Der andere Mann war älter und etwas fülliger.
»Jonathan Crane?«
»Ja?«
Jetzt hielt der Mann ihm eine Polizeimarke vor die Nase, etwas, das Jonathan bisher nur im Kino oder im Fernsehen gesehen hatte, und für einen kurzen Moment dachte er, dass irgendwo eine versteckte Kamera sein musste. Aber das schien nicht besonders realistisch zu sein, so plötzlich wie die beiden Beamten auf seiner Veranda aufgetaucht waren.
»Ich bin Detective Frank Daniels, und das ist mein Partner Detective Jerry Gholson. Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn