THE BOYS OF SUMMER. Richard Cox H.
Er ging beiseite, und die Beamten betraten seine Wohnung. Die Lampe in der Küche war noch an, also wandten sich seine Besucher in diese Richtung. Die Flasche Whiskey stand so, dass jeder sie sehen konnte.
»Noch einen Schluck nach der Arbeit genommen?«, fragte der andere Beamte, Gholson.
»Ja.«
»Anstrengender Job?«, fragte er mit einem schiefen Lächeln. »Sie unterrichten doch Schüler, oder?«
»Normalerweise ist er nicht so anstrengend. Aber ich habe vor einer Stunde herausgefunden, was Bobby getan hat. Ich schätze mal, dass Sie auch deswegen hier sind, oder? Um mich über ihn zu befragen?«
Daniels zeigte auf die Flasche Whiskey. »Wie viel hatten Sie davon heute Abend schon, wenn ich fragen darf?«
»Zwei«, sagte Jonathan, obwohl diese Antwort nicht ganz korrekt war, wenn man bedachte, wie voll das zweite Glas gewesen war.
»Macht es Ihnen etwas aus, unter dem Einfluss von Alkohol mit uns zu reden?«
»Nein, natürlich nicht.«
»Es wird auch nicht lange dauern«, sagte Daniels. »Wir haben nur einige Fragen über Bob Steele.«
Jonathan hatte nichts vor ihnen zu verbergen, zumindest nicht über die Ereignisse dieses Tages. Trotzdem schlug sein Herz so stark in seiner Brust, dass er sich fragte, ob die Beamten es hören konnten.
»Es tut uns leid, dass wir unter diesen Umständen zu Ihnen kommen mussten«, sagte Daniels. »Das muss ziemlich hart für Sie sein, ich meine, Bobs Tod und all das. Ich denke, Sie standen sich wohl ziemlich nahe, oder?«
»Wir waren als Kinder befreundet.«
»Nur befreundet?«, fragte Gholson. »Haben Sie nicht einige Zeit lang auch unter demselben Dach gewohnt?«
Jonathan nickte. In seinen Ohren rauschte es wie ein Wasserfall.
»Ich wollte damit sagen, dass wir wegen unserer Eltern eine Menge Zeit miteinander verbracht haben. Meine Mutter und sein Vater haben sich viele Jahre lang ab und zu getroffen.«
»Ihre Mutter trifft sich doch immer noch mit Kenny Steele, stimmt`s?«, fragte Gholson jetzt.
»Soweit ich weiß, ja.«
Jonathan konnte langsam fühlen, wie der Whiskey seine Wirkung tat, so wie er es ja eigentlich gewollt hatte, und dass seine Aufmerksamkeit allmählich nachließ. Er wünschte, er hätte sich sein zweites Glas nicht so großzügig eingeschenkt.
»Ich sehe sie in letzter Zeit nicht mehr so häufig«, fügte er hinzu.
»Sie haben kein gutes Verhältnis zu Ihrer Mutter?«, fragte Daniels. Er nahm ein Notizbuch heraus und notierte etwas.
»Meine Mutter und ich sind nie gut miteinander ausgekommen. Ich wünschte, es wäre anders gewesen, aber daran kann man ja nun nichts mehr ändern.«
»Wann haben Sie denn das letzte Mal mit Bob gesprochen?«, fragte Gholson.
Ihre Treffen als Erwachsene waren ziemlich sporadisch gewesen und hatten schließlich ganz aufgehört, als Jonathan sich laut gefragt hatte, ob Bobbys Vater seine Mutter zu einer Alkoholikerin gemacht hatte.
»Vor einigen Jahren.«
»Nun«, sagte Daniels, »die nächste logische Frage wäre natürlich, warum Ihr Freund auf Fred Clark losgegangen ist und dessen Restaurant niedergebrannt hat.«
Diese Frage war so bedeutungsvoll, dass Jonathan beinahe lachen musste.
Stattdessen aber sagte er: »Ich habe gerade eben erst davon gehört, aber ich kann mir einfach keinen Grund vorstellen, warum er so etwas getan haben sollte.«
»Das wäre es also?«, fragte Daniels. »Es gibt nichts, was Sie uns noch erzählen könnten? Vielleicht fällt Ihnen ja doch noch etwas ein, was uns helfen könnte, auch wenn es Ihnen unwichtig erscheint.«
Jonathan hatte das Gefühl, dass diese beiden Detectives mehr wussten, als sie ihm sagen wollten. Ihm fiel plötzlich ein, dass er gerade mal fünf Minuten zuvor in seinen Computer die Einzelheiten eines Verbrechens eingetippt hatte, das er zusammen mit Bobby und den anderen Jungs vor unzähligen Jahren begangen hatte. Das würde er wohl kaum wegerklären können, wenn die beiden Beamten zufällig in den nächsten Raum gehen sollten.
»Sie wollen uns also einfach anlügen?«, fragte Gholson.
Jonathan trat unwillkürlich einen Schritt zurück.
»Wie bitte?«
»Sie müssen meinen Partner entschuldigen«, sagte Daniels. »Er sitzt immer nur herum und erzählt langweilige Geschichten über seine glorreiche Vergangenheit. In letzter Zeit erzählt er ständig über die Fälle von Brandstiftung, die er in den Achtzigerjahren bearbeitet hat. Da gab es anscheinend mal einen Jungen namens Joe, der ein Haus niedergebrannt hat und dann einfach verschwand. Eine Woche danach hat irgendein anderes Kind aus derselben Nachbarschaft ein Restaurant niedergebrannt, und gestern hat dann dieser Typ, Bob Steele, plötzlich ein Restaurant abgefackelt, und zwar zufälligerweise dasselbe Restaurant und dann auch noch den Besitzer, Bob Steele, umgebracht. Da Sie ja alle miteinander befreundet waren, hat Gholson jetzt die verrückte Idee, dass alles irgendwie zusammenhängt.«
Jonathan wusste genau, dass jedes Polizeirevier Unterlagen über vergangene Fälle aufbewahrte. Er wusste auch, dass diese Unterlagen jetzt in Datenbanken gespeichert waren, und wahrscheinlich die alten Fälle ebenfalls elektronisch archiviert waren. Aber dass er jetzt vor denselben Beamten stand, die die damaligen Verbrechen bearbeitet hatten, an denen Jonathan vor fünfundzwanzig Jahren beteiligt gewesen war – das war doch schwer zu glauben. Doch hier stand Gholson mit seinem Partner Daniels und fragte ihn darüber aus, was im Lone Star Barbecue geschehen war, und wie das möglicherweise mit Jonathans Vergangenheit zusammenhing. Es spielte dabei offenbar keine Rolle, dass er niemals offiziell für diese längst vergangenen Verbrechen angeklagt worden war. Gholson glaubte anscheinend, dass Jonathan etwas wissen musste. Andernfalls wäre er heute Abend wohl kaum hier aufgetaucht.
Damals hatte Todd die Schuld für die Brandstiftung im Restaurant auf sich genommen, und diese war ja nun nicht gerade eine Ordnungswidrigkeit gewesen. Aber Joe Henreid war ein vermisstes Kind gewesen, das man niemals wiedergefunden hatte. Könnte es sein, dass Bobbys Verhalten letzte Nacht das Interesse an einer vermissten Person wieder neu erweckt hatte? Warum zum Teufel hatte er diesen Mist nur gerade in seinen Computer getippt?
»Wirklich?«, fragte Jonathan schließlich. »Sie glauben, dass es da einen Zusammenhang geben könnte?«
»Sie erinnern sich also an die Fälle, von denen ich rede?«, fragte Daniels.
»Natürlich! Ich kannte Todd Willis, und ich kannte auch Joe. Natürlich erinnere ich mich daran.«
»So wie wir das beurteilen können, muss es sich folgendermaßen abgespielt haben«, meinte Daniels. »Joe Henreid brannte das Haus nieder, das in Tanglewood stand, wo Sie alle gewohnt haben. Danach lief er von zu Hause weg … man geht allerdings davon aus, dass er entführt worden ist. Etwa eine Woche später brannte das Lone Star Barbecue ab, und obwohl Sie alle eng miteinander befreundet waren, auch mit David Clark, dessen Vater das Restaurant besaß, behauptete Todd Willis, dass er das Haus ganz allein angezündet hatte. Ist das soweit richtig?«
»Ja, so erinnere ich mich daran«, log Jonathan.
»Haben Sie seitdem mal mit Todd gesprochen?
Jonathan schüttelte den Kopf. »Nein, Sir.«
Gholson verringerte nun den Abstand zwischen ihnen. Jonathan konnte seinen Atem riechen, der nach Tabak stank.
»Mr. Crane. Ich werde Ihnen mal was sagen. Ich weiß zwar nicht genau, was in diesem Sommer passiert ist, aber ich weiß mit Sicherheit, dass die offizielle Geschichte kompletter Schwachsinn ist. Ich glaube nicht für eine Sekunde, dass ein elfjähriger Junge ganz allein ein Haus abfackelt. Und wenn ich damit richtig liege … wer hat ihm dann geholfen? Vielleicht irgendein