Gipfelstürmerinnen. Tanja Wirz

Gipfelstürmerinnen - Tanja Wirz


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zu können. Da also keines der gängigen Klischees ganz auf ihn passte, wurde er vom alpinistischen Erstbesteigerdiskurs ausgeschlossen.151

      BERGSTEIGER ALS AMATEURWISSENSCHAFTLER

      Als Henriette d’Angeville 1838 den Montblanc bestieg, war der wissenschaftliche Reisestil bereits eine ausgesprochen wirksame Legitimation für Bergreisen geworden und wurde auch von Nichtwissenschaftlern verwendet. Zahlreiche der von ihr unterwegs vorgenommenen (symbolischen) Handlungen gehören in dieses Genre, etwa ihr Wunsch, bisher nicht beschriebene Orte zu besuchen.152 Ausserdem mass sie unterwegs die Lufttemperatur und ihren Puls und führte darüber genauestens Buch, sie sammelte Steine und Pflanzen und legte ein Montblanc-Herbarium an, und schliesslich fügte sie ihrem Bericht ein eigenes Kapitel über die Hündin des deutschen Bergsteigers Eisenkrämer an, mit dem Hinweis, es sei möglicherweise für Naturwissenschaftler von Interesse, zu wissen, wie sich die Höhe auf einen Hund auswirke.153 Dennoch war ihr klar, dass sie nicht wirklich wissenschaftliche Forschung betrieb, sondern nur einige Merkmale davon kopierte und inszenierte – und auch dies vor allem in ihrem Bericht und kaum im Tagebuch. Möglicherweise wären neue wissenschaftliche Erkenntnisse ein Verkaufsargument für ihre Publikation gewesen, denn sie schrieb, es sei unter anderem deshalb schwierig für sie, interessierte Leser zu finden, weil sie keine völlig neuen wissenschaftlichen Beobachtungen zu bieten habe.154 Eine neue Erkenntnis allerdings versprach sie ihren Lesern, wollte sie doch quasi durch einen Selbstversuch herausfinden, ob sie als Frau die Montblanc-Tour anders erleben würde als ihre Vorgänger. Es ist deshalb auch wenig erstaunlich, dass sie ihre Vorgängerin Paradis als blinde Marionette darstellte, die keinesfalls in der Lage war, einen «weiblichen Blick» auf ein schon von Männern «entdecktes» Gebiet zu beschreiben.

      Angeville ist übrigens eine der wenigen Bergsteigerinnen, die den wissenschaftlichen Stil verwendet haben. Für die meisten Frauen scheint es naheliegender gewesen zu sein, sich am Genre der Pilgerreise oder des ästhetischen Landschaftserlebnisses zu orientieren, möglicherweise eine Folge davon, dass die Beschäftigung mit Wissenschaft für Frauen wegen der zunehmenden Professionalisierung der Wissenschaft im 19. Jahrhundert schwieriger wurde. Für männliche Bergsteiger hingegen war wissenschaftliche Betätigung eine probate Legitimation für eine Beschäftigung, die alles andere als selbstverständlich war und lange den Ruch eines waghalsigen Spiels mit dem eigenen Leben hatte. Die Praxis, auf Bergtouren nebenher noch ein bisschen Amateurforschung zu betreiben, war weit verbreitet: Man mass Höhen, Temperaturen und Pulsschläge, sammelte Pflanzen und Tiere. Die Anfänge des SAC standen ganz in dieser Tradition, und auch Bergsteiger, die keine wissenschaftlichen Ambitionen hegten, machten mitunter recht detaillierte Aufzeichnungen und Messungen.155 Und auf die Wissenschaftler wiederum übten die Alpen einen besonderen Reiz aus; sie wurden in den Jahren 1840 bis 1900 geradezu zum paradigmatischen Forschungsobjekt – vielleicht nicht zuletzt deshalb, weil sich dort Freizeitbeschäftigung und wissenschaftliche Tätigkeit verbinden liessen. Immer wieder fühlten sich auch Wissenschaftler zur Alpenforschung angeregt, deren Fach dies nicht besonders nahe legte, so etwa in seiner Jugend der Berliner Philosoph und Soziologe Georg Simmel (1858–1918). Er fragte 1879 beim SAC an, ob man ihm bei einem alpinen Forschungsinteresse weiterhelfen könne: dem Jodeln. Insbesondere beschäftigte ihn, ob das Jodeln eine Art Paarungsruf der Bergbewohner sei, durch das Burschen und Mädchen zusammenfinden.156 Simmel sandte dem SAC eine Liste von Fragen:

      «Lässt sich konstatieren, dass das Jodeln auch reiner, unbeabsichtigter Reflexlaut der Stimmung ist, d. h. gibt es Stimmungen, in denen der Bergbewohner ohne Rücksicht auf das Gehörtwerden, ja auf das Sichselbsthören, den äussern Ausgleich derselben im Jodeln in ähnlicher Weise sucht, wie man ihn im Schmerz im Schreien und Seufzen sucht? […] Was sind das für Stimmungen? Etwa u. a. die der geschlechtlichen Erregung? […] Jodeln auch Frauen, von welchem Alter an, und unterscheidet sich dies vom Jodeln der Männer?»157

      Diese Jodelforschung sollte die Grundlage seiner Dissertation «Psychologischethnographische Studien über die Anfänge der Musik» bilden, worin er Darwins These widerlegen wollte, die menschliche Sprache habe sich aus der Musik entwickelt. Simmel war demgegenüber der Ansicht, am Anfang sei die Sprache, die Kommunikation gestanden.158 Auf seine Anfrage erhielt der junge Forscher tatsächlich einige Antworten, doch leider, so schrieb er, «standen dieselben gegenseitig in so vielen Widersprüchen, dass angenommen werden muss, das Jodeln sei in den verschiedenen Alpengegenden charakteristisch verschieden.»159 Immerhin gelangte Simmel zum Schluss, Jodeln sei eine Methode, sich im Gebirge durch kunstvolles Schreien zu verständigen, und habe mit dem «Geschlechtstrieb» nichts zu tun.160 1881 reichte Simmel die Arbeit ein, doch seine Prüfer bemängelten die Methodik und Themenwahl und lehnten sie ab. Seinen Studienabschluss machte Simmel schliesslich mit einer philosophischen Studie zum Wesen der Materie nach Kant.161 Über die Alpen verfasste er später diverse Essays.162

      Nicht die Landschaft, sondern ihre – allerdings stark idealisierten – Bewohner stehen im Zentrum eines weiteren, für den Alpinismus wichtigen Reisestils: Die Vorstellung, im Hochgebirge ein «Goldenes Zeitalter» finden zu können. Grossen Einfluss auf diesen Reisestil hatte das 1729 erschienene Gedicht «Die Alpen» des Berner Arztes und Naturforschers Albrecht von Haller (1708–1777), in dem die Bergbewohner als unschuldige, arkadische Hirten auftreten. Der Berner verfasste die antikisierende Ode nach einer botanische Alpenreise, die er 1728 unternommen hatte. Es entsetzte ihn, dass die Bevölkerung des Berner Oberlandes damals so verarmt war, dass sie abzuwandern begann und sein Gedicht war ein Angriff auf die korrupte Moral der Gesellschaft.163 Gleichzeitig enthält es viele Ideen, wie die Bevölkerung der Berggebiete aufgrund der natürlichen Ressourcen ein Auskommen finden könnte.

      Anhand einer Reihe von Alltagsszenen argumentierte Haller, die in den Bergen lebenden «Hirten» seien den mächtigen, reichen Menschen in den Zentren moralisch überlegen. Er knüpfte dabei an die antike Vorstellung eines goldenen Zeitalters an und meinte, dieses glückliche Leben gebe es immer noch, und zwar in den Alpen. Wohl sei das Klima dort überaus hart, fördere aber die Entstehung besonders wertvoller Sitten.164 Die Bergbewohner seien zwar arm, hinterfragten ihre Stellung aber nicht: «Dem, den sein Stand vergnügt, dient Armut selbst zum Glücke», schrieb er und fügte hinzu: «Lust und Hunger legt auch Eicheln Würze zu.»165 Hallers Botschaft: Das mässige Leben auf dem Lande sei zu Unrecht verachtet, Reichtum in Wirklichkeit eine «güldne Kette», die den «erdrückt, der sie trägt», und das Leben in der Stadt voller Rauch, Bosheit und Verrat.166 Die Alpenbewohner hingegen würden – ganz aufklärerische Idealmenschen – in Eintracht und Freiheit zusammenleben.167

      «Hier herrscht die Vernunft, von der Natur geleitet», fuhr Haller fort und wies darauf hin, dass es sich bei den Bergbewohnern um jene edlen Hirten handelte, welche seine gebildete Leserschaft aus antiken Schriften kannte: «Was Epictet getan, und Seneca geschrieben, sieht man hier ungelehrt und ungezwungen üben.»168 Als besondere Tugenden der Bergler erwähnte er ihre Keuschheit und Treue und meinte, sie seien zwar etwas ungehobelt, aber sehr fröhlich – ein Stereotyp, das in heutigen Reiseberichten immer noch anzutreffen ist, die im bereisten Land jeweils ein etwas unbedarftes, aber dafür umso lustigeres Völkchen ausgemacht haben wollen.169 Haller meinte ausserdem, harte Arbeit und karge Ernährung förderten die Gesundheit, welche noch dazu vererbbar sei: «In ihren Adern fliesst ein unverfälscht Geblüte, darin kein erblich Gift von siechen Vätern schleicht, das Kummer nicht vergällt, kein fremder Wein befeuret, kein geiles Eiter fäult, kein welscher Koch versäuret.»170 Kurz: keine fremden Köche, keine Erbkrankheiten – ein früher Vorgeschmack auf spätere Fantasien eines «gesunden Volkskörpers».

      Die wichtigste Eigenschaft der Bergler war für Haller aber, dass sie trotz ihres Daseins weitab jeglicher städtischer Gelehrsamkeit durch ihr naturnahes Leben zu wahren Weisen geworden seien: So lehre einer die anderen Wetterkunde, die er ganz aus «eigener Erfahrung» gelernt habe, und ein «Greis» spreche im Kreise der Familie von vergangenen Schlachten. In patriotischer Begeisterung schrieb Haller: «Er ist ein Beispiel noch von unsern Helden-Ahnen.»171 Ein anderer weiser Alter sei «ein lebendes Gesetz, des Volkes Richtschnur» und lehre, «wie


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