Ester. Jean-Daniel Macchi
והנחה למדינות עשׂה כל־שׂריו ועבדיו את משׁתה ויעשׂ המלך משׁתה גדול ל (= Der König hielt ein großes Festmahl für alle seine Fürsten und Diener, Esters Festmahl. Er gewährte den Provinzen eine Amnestie und er bewilligte eine Schenkung, wie es sich für den König geziemt). Die LXX setzt die unterstrichenen protomasoretischen redaktionellen Ergänzungen voraus (πᾶσιν τοῖς φίλοις αὐτοῦ καὶ ταῖς δυνάμεσιν entspricht כל־שׂריו ועבדיו, und καὶ ἄφεσιν ἐποίησεν τοῖς ὑπὸ τὴν βασιλείαν αὐτοῦ entspricht והנחה למדינות עשׂה ויתן משׂאת כיד המלך).
Außerdem sind in den parallelen Passagen von LXX und A.-T. das Vokabular und die griechische Syntax nicht identisch. Auch wenn die Übersetzer von A.-T. und LXX verstehen, dass es sich um Esters Hochzeitsmahl handelt, wenn ihre Quelle von Esters Festmahl spricht, verwenden sie dennoch nicht dieselben Ausdrücke. Man vergleiche nur A.-T. ἤγαγεν … τὸν γάμον τῆς Εσθηρ ἐπιφανῶς mit LXX ὕψωσεν τοὺς γάμους Εσθηρ. Ähnlich erwähnt der A.-T. am Schluss die Amnestie mit dem Satz καὶ ἐποίησεν ἀφέσεις …, während es in der LXX καὶ ἄφεσιν ἐποίησεν … heißt.
Die beiden unterschiedlichen und nicht direkt voneinander abhängigen griechischen Texte existierten von Anfang an nebeneinander. Der Proto-A.-T. verbreitete sich wahrscheinlich schon früh in den griechischsprachigen jüdischen Gemeinden der ägyptischen Diaspora. Die Proto-LXX geht wahrscheinlich auf die Hasmonäerzeit zurück.
Zusätze in A.-T. und LXXUrsprünglich waren Proto-A.-T. und Proto-LXX unabhängige Übersetzungen, doch die Einfügung der sechs Zusätze in beide Texte zeigt eine direkte literarische Abhängigkeit, denn die griechischen Formen der Zusätze A–F im A.-T. und in der LXX sind recht nahe beieinander. Die Zusätze B und E wurden wahrscheinlich zuerst in die LXX eingefügt. Demgegenüber wurden die Gebete von Ester und Mordechai (Zus. C), Esters Begegnung mit dem König (Zus. D), Mordechais Traum und seine Interpretation (Zus. A und F) zuerst in den Proto-A.-T. eingefügt.84 Kopisten oder Redaktoren nahmen dann die Ergänzungen in die andere Textfamilie auf, vermutlich in der Absicht, einen Text zu erstellen, der alle mit Ester und Mordechai verbundenen Traditionen vereint.
Der Schluss des A.-T.Abschließend zeigt die Analyse des Schlusses von Proto-Ester,85 dass 7,17–21.33a.34bA.-T. späte Zufügungen zum hebräischen Proto-Ester-Text oder zum Proto-A.-T. waren, um die Hauptmotive der Kapitel 8–10 in MT/LXX zusammenzufassen, und dass noch später die Verse 7,35–38A.-T. und 7,39–52A.-T. dem Proto-A.-T. in direktem Zusammenhang mit dem griechischen Text der LXX hinzugefügt wurden.
4.2.2. Die anderen Textzeugen
Die anderen Textzeugen von Ester sind Tochterversionen des einen oder anderen der drei primären Textzeugen. Flavius Josephus hängt hauptsächlich von LXX-nahen Texten ab. Er scheint jedoch die Zusätze A und F nicht zu kennen und verwendet Motive, die nur im A.-T. vorkommen. Der Text der Vetus Latina stellt ebenfalls eine stark überarbeitete Tochterversion der LXX dar.
Die Vulgata hingegen führt einen lateinischen Hybridtext ein. Von den Zusätzen abgesehen handelt es sich um eine Übersetzung des hebräischen masoretischen Texts, während die Zusätze am Ende des Texts aus einer von der LXX abhängigen Übersetzung stammen.
Die Peschitta und die Texte der Targumim sind vom MT abhängig; die koptisch-sahidischen, äthiopischen und armenischen Übersetzungen sind Abkömmlinge der LXX.
4.2.3. Schema der Textgeschichte von Ester
B. Der historische und intellektuelle Kontext der Entstehung des Buchs
1. Die Perserzeit: Der Ort der Handlung86
Im Jahr 539 v. u. Z. nahm der persische König Kyros der Große (550–529 v. u. Z.) die Hauptstadt des Babylonischen Reichs ein. Zuvor hatte der babylonische König Nebukadnezzar Jerusalem erobert und einen Teil seiner Bewohner nach Mesopotamien deportiert (587 v. u. Z.). Kyros errichtete die Herrschaft des persischen Achämenidenreichs im Großteil des alten Nahen Ostens. Sie sollte mehr als zwei Jahrhunderte dauern.
Nach dem MT des Esterbuchs spielt die Erzählung am Hof des persischen Großkönigs Xerxes I. (486–465 v. u. Z.) in Susa und schildert das Leben der jüdischen Nachkommen der Deportierten, die im Herzen des Reiches leben.
Xerxes zog zwischen 480 und 479 in den Krieg gegen Griechenland. Nach einem Sieg bei den Thermopylen wurde die persische Flotte bei Salamis besiegt. Die persischen Truppen blieben im Winter 480/479 in Griechenland, bevor sie in Plataiai und in Mykale besiegt wurden. Obwohl Xerxes Kleinasien ohne massive territoriale Verluste verließ, war seine Expedition ein Misserfolg, der der auf Europa zielenden persischen Expansion ein Ende setzte.
2. Die hellenistische Zeit: Kontext der Entstehung des Werks
Das Buch Ester ist kein Produkt der Perserzeit. Der vorliegende Kommentar sieht es als Produkt der hellenistischen Zeit. Wie viele andere Werke – in der Bibel und anderswo –muss es nicht zwangsläufig in jener Zeit geschrieben worden sein, in der die Handlung spielt, und ebenso wenig sind die Ereignisse, von denen es berichtet, unbedingt historisch gesichert. Die Bestimmung, wann das Buch entstanden ist, ist jedoch von grundlegender Bedeutung für das Verständnis des intellektuellen Gepäcks seiner Verfasser, der sie beschäftigenden Fragen und damit des Inhalts ihres Werks.
Mögliche EntstehungsdatenMögliche Daten für die Abfassung von Ester reichen vom fünften bis zum ersten Jahrhundert v. u. Z. Da sich das Buch auf Xerxes I. bezieht (mit ihm wird der König des Buchs üblicherweise identifiziert), kann es nicht früher entstanden sein als 486 v. u. Z.87 Und da 2 Makkabäer 15,36 von Mordechai und wohl auch von der mit ihm verbundenen Erzählung wusste, kann es nicht später als Mitte des ersten Jahrhunderts v. u. Z. zustande gekommen sein. Der Kolophon der LXX (F,11) datiert die Übersetzung des Buches auf das Ende des zweiten Jahrhunderts oder auf das erste Jahrhundert v. u. Z.
Die meisten Exegeten datieren Ester daher in die persische oder hellenistische Zeit. Diejenigen, die der Perserzeit den Vorzug geben, rechnen mit der redaktionellen Arbeit meist für die zweite Hälfte dieser Periode (viertes oder beginnendes drittes Jahrhundert), wonach die Erzählung also lange nach Xerxes entstanden wäre.88 In zunehmendem Maße datieren Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen das Buch in die hellenistische Zeit zwischen dem dritten Jahrhundert und der Zeit des Hasmonäerreichs.89
Bevor wir darangehen können, genauer zu bestimmen, wann Proto-Ester, der MT und die griechischen Texte zustande kamen, müssen wir uns die Argumente für die Datierung der verschiedenen literarischen Stufen des Werks zu verschiedenen Zeitpunkten des hellenistischen Zeitalters vor Augen führen. Zwei wichtige Beobachtungen: Alle Redaktoren des Buches Ester scheinen die griechische Kultur gut zu kennen, aber nur die protomasoretische Redaktion spielt auf makkabäische Probleme an.
2.1. Der fiktive Charakter der Erzählung
Die Erzählung von Ester gleicht einem „historischen Roman“, denn sie ist eine fiktive Dichtung, deren Handlung in einer historisch greifbaren Vergangenheit angesiedelt ist. Was seine Historizität angeht, ist ein „historischer Roman“ natürlich zweideutig, denn wenn er „funktionieren“ soll, muss er den historischen Hintergrund hinreichend zuverlässig beschreiben, damit seine Leser und Leserinnen die Vergangenheit wiedererkennen können. Im Buch Ester zielt die Darstellung der Perserzeit, die sich