Louise Otto: Frauenbewegung Essays, Romane, Biografien & Gedichte. Louise Otto
Töchter triumphirend entgegenstellt – in Amerika erzieht jede Mutter ihre Tochter so, daß sie dieselbe ohne jede Gefahr allein nicht nur mit andern jungen Mädchen, sondern auch mit jungen Männern verkehren lassen kann. Wenn dort ein junges Mädchen eine Freundin besucht, so wird es ganz natürlich gefunden, daß sie Abends ein junger Mann ihrer Bekannschaft dort abholt, da sie durch die große Stadt nicht allein gehen kann (nicht weil sie dort »feine Herren,« wie bei uns, insultiren würden, sondern weil sie fremdes Gesindel oder Indianer anfallen und berauben könnten) und eben so oft geschieht es, daß er dann noch mit bei den Ihrigen (auch ohne daß die Eltern dabei sind) einkehrt und sich erholt, ehe er allein zurückgeht. Was würde man dazu in Deutschland sagen! Die Amerikanerin weiß sich so zu betragen, daß sich kein Mann die geringste Unziemlichkeit gegen sie zu erlauben wagt und wollte er es thun, so würde er ein für allemal aus der guten Gesellschaft ausgeschlossen und mit der Verachtung Aller, die von seiner Ungezogenheit erführen, bestraft werden. Für das Mädchen aber, das von Niemandem bewacht wird, sondern sich allein bewacht, giebt es keine größere Schande, als wenn sich ein Mann eine Zudringlichkeit gegen dasselbe erlauben konnte – kein Mädchen, das nur irgendwie auf Bildung und guten Ruf Anspruch macht, wird so leicht in diese Gefahr kommen, denn kein Mann ist ehrlos genug die Schutzlose derselben auszusetzen – und wie ist es dagegen in unserem Deutschland, in dem man sich so viel auf Moral und patriarchalisches Familienleben zu gute thut?
Das gegenseitige Isolirungssystem beider Geschlechter, wie es bei uns in Deutschland immer mehr sich ausgebildet hat, ist gewiß nicht der Weg die Sitten zu verbessern. Kommt man nicht mehr in harmlosem geselligen Verkehr zusammen, vereinigt man sich nicht, um miteinander seine Ansichten und Erfahrungen auszutauschen, so wird jedes Geschlecht sich gerade in seinen schlechteren Eigenthümlichkeiten verknöchern und man wird sich immer weiter von dem wahren Menschheitsideal, das eine Vereinigung der besten männlichen wie der besten weiblichen Eigenschaften und Kräfte ist, entfernen, ja man wird dahin kommen (wo man in der That schon theilweise ist!) daß die Männer in den Frauen nichts sehen als Spielzeuge für ihre Sinnlichkeit und die Frauen in den Männern nur eine passende Partie für sich selbst oder für ihre Töchter. Darauf basirt so ziemlich die jetzige deutsche Geselligkeit, die kaum noch einen andern Zusammenkunftsort für Damen und Herren kennt als den Ballsaal, in den die Mädchen geführt werden, um erst einen Tänzer und dann einen Mann zu erobern, und in dem blasirte Männer sich lieber suchen lassen, als selbst suchen.
Sind die Mädchen und Frauen nur auf die Unterhaltung ihres eigenen Geschlechts angewiesen, so verfallen sie, namentlich wenn ihnen ein ernsterer Beruf fehlt, in jene Seichtheit und Kleinlichkeitskrämerei, in der so viele geistig befähigte Frauen aus Mangel an jeder Anregung untergehen, während die Männer im gleichen Falle zur Rohheit verwildern und am Ende jede Fähigkeit nicht nur zur Unterhaltung mit einer Dame, sondern auch zum Verständniß eines weiblichen Wesens verlieren. Sind beide Geschlechter einmal in einen solchen Zustand gekommen, so ist es ganz natürlich, daß sie einander, einen flüchtigen, nur auf äußerliche, nicht auf geistige Eigenschaften gegründeten Liebesrausch abgerechnet, gar nichts mehr zu sein vermögen und weder in noch außer der Familie ein Bedürfniß nach würdigem Verkehr miteinander empfinden.
Auch um diesen edler zu gestalten, ist die größere Selbstständigkeit der Frauen vonnöthen. Wir wünschen deshalb nicht etwa, daß sie den Männern (wie es leider auch schon hier und da geschieht) in die öffentlichen Restaurationen folgen und dort in einer Atmosphäre von Cigarrenrauch, Wein- und Bierdunst, sich in die oft sehr weniger baulichen Wirthshaus-Gespräche und -Witze der Männer mischen – jedenfalls kann jede Frau daheim bei einer anregenden Lektüre, angenehmen oder nützlichen Arbeit oder im Kreise ihrer Kinder ihre Zeit besser verbringen, aber wir wünschen, daß sie es vermöge den Mann wenigstens zuweilen an eine durch ihr vorsorgliches Walten verschönte Häuslichkeit zu fesseln, daß sie ihm in jeder Beziehung das nächste Wesen auf der Welt sei, also auch das, mit dem er seine Berufs- und öffentlichen Angelegenheiten zuerst und am liebsten berathe. Nur solche Ehen sind für uns sittliche und glückliche, in welchen die Gattin die Freundin und gleichsam das Gewissen ihres Gatten ist, wie er das ihrige, wie er ihr Freund. Ein Mädchen, das zur Selbstständigkeit erzogen, wird keine andere Stellung im Hause einnehmen, es wird nicht die bloße Haushälterin, noch die Puppe, noch die Leibeigene und Sklavin des Mannes sein – es wird den Platz an seiner Seite dadurch zu verdienen wissen, daß es seine Interessen theilt, seine Bestrebungen versteht und wo sie es vermag, dieselben mit zu den ihrigen macht.
Die Zeit eines patriarchalischen Familienlebens können wir allerdings nicht wieder heraufbeschwören, wie es noch zur Zeit unserer Großeltern gewesen sein mag, als sich das ganze Leben noch mehr auf das Haus beschränkte und die herrschende Einfachheit wie Wohlfeilheit des Lebens eine größere Gastfreundschaft gestattete. Damals war man überhaupt mit allen seinen Vergnügungen, namentlich aber mit der ganzen Geselligkeit mehr auf das Haus angewiesen. Das Reisen war noch eine so zeitraubende, beschwerliche, jedenfalls kostspielige Sache, daß nur die wenigsten Personen es sich gestatten konnten. Wenn getrennt wohnende Verwandte oder Freunde einander einmal aufsuchten, so war dies ein Ereigniß, dem zu Ehren man gewöhnlich alle möglichen Familienfeste veranstaltete, sie wurden im eignen Hause untergebracht und so lange wie möglich behalten. Nur auf ein paar Tage zu kommen wog ja auch die Strapazen und Kosten der Reise nicht auf, man kam dann gleich auf Wochen und brachte so seine Ferien bei den Gastfreunden zu. Dampfwagen, Dampfschiffe, Omnibusse und all' diese erleichternden Verkehrsanstalten, welche die Eisenbahnen nur als Corridore erscheinen lassen, die aus einem Zimmer in das andere führen, gab es nicht und wer nicht mit eignen oder noch theureren Miethequipagen einen Ausflug von einem Tag oder Nachmittag machen konnte, mußte zu Hause bleiben oder sich auf die Punkte beschränken, die er mit seinen Füßen erreichen konnte. All' das Geld, was jetzt des Sonntags auf den Extrafahrten der Dampfwagen und Schiffe verthan wird – und die statistischen Angaben derselben, der Einnahmen, welche die Wirthe ja überall an den auf diesen Wegen zu erreichenden Punkten machen, noch gar nicht zu gedenken, weisen es nach, daß dies nicht wenig ist – alle diese Vergnügungsausgaben fielen sonst weg und wenn man sich die Mühe nehmen wollte es auszurechnen, würden die Summen, welche jetzt auf diese Weise im Kleinen verausgabt und im Großen verschlungen werden, gewiß nicht nur nicht kleiner sein als diejenigen waren, die man sonst auf häusliche Geselligkeit verwendete, sondern sie würden auch unter den jetzigen Verhältnissen ausreichen eine sehr respectable herzustellen. Indeß, der Geist der Zeit drängt einmal aus dem Hause und seiner Beschränktheit hinaus in den Strom des Lebens, der Einzelne verläßt seine Gesondertheit und begiebt sich unter die Menge, Jeder denkt nur daran wie er sich selbst, nicht wie er Andere unterhalte, der Einzelne begiebt sich unter die Gesammtheit und verfolgt doch in ihr nur sein Einzelinteresse wie jeder Andere neben ihm – möge man denn auch eben so die Frauen das Ihrige verfolgen lassen. Der Dampf und die Eisenbahnen haben eine nivellirende Macht – hier sind in Wahrheit Alle gleich und das möge man für alle Verhältnisse des Lebens berücksichtigen.
Und damit ist uns nicht nur die patriarchalische Gastfreundschaft unsrer Voreltern, sondern es sind auch so ziemlich jene ästhetischen Cirkel und Salons verloren gegangen, in denen sich sonst die Geistreichen und Gebildeten beider Geschlechter zusammenfanden. Auch sie sind nicht wieder in's Leben zu rufen, weil der gesteigerte Luxus und alle damit verbundenen Ansprüche solche Ausgaben nur noch den reichen Leuten gestatten – und die reichen Leute nicht immer diejenigen sind, die den »Geist« selbst in sich tragen oder doch um sich zu haben wünschen. Wir könnten freilich auch hierbei sagen wie bei den Reisen und Extrafahrten, daß wenn manche Familien das, was sie in Restaurationen verthun, darin eben nicht verthun wollten, sie für das nämliche Geld sehr wohl zuweilen einen kleinen Kreis von Bekannten und Freunden bei sich sehen könnten. Aber nicht die Gesellschaft allein – das gemeinschaftliche Wirken im Dienst des Allgemeinen ist es, in dem die neue Zeit zu fordern hat, daß Männer und Frauen einander darin begegnen, im vereinten Streben sich zur Seite stehen. Ein solches gemeinschaftliches Wirken, wo es der Beruf der Einzelnen mit sich bringt, muß in allen Consequenzen zu erreichen sein, ohne daß die Männer es wagen dürfen, ja nur den Trieb dazu in sich spüren, über die Frauen zu witzeln, die sich ihnen durch ihre Fähigkeit und ihr Wirken ebenbürtig zur Seite stellen. Die kleinliche Schüchternheit der Frauen muß dem Gefühl ihrer Selbstständigkeit weichen und die Männer müssen sie als ihre Collegen ehren, ohne die Rücksichten aus den Augen zu setzen, die sie dem schwächeren Geschlechte schon nach den Gesetzen der Natur schuldig